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Reviews

Geddes Axe

Aftermath


Info

Musikrichtung: NWoBHM

VÖ: 12.05.2017

(High Roller)

Gesamtspielzeit: 50:02

Geddes Axe gehörten mit ihrem Gründungsjahr 1979 zu den NWoBHM-Vertretern der ersten Welle, schafften es aber nicht, auf dieser ganz nach oben bzw. vorn zu reiten. Das hatte im wesentlichen zwei Gründe. Zum einen zählte die Band spieltechnisch zu den anspruchsvolleren Combos der Bewegung, und laut Gitarrist/Bandkopf Martin Wilson konnten nicht alle Mitglieder mit der Entwicklung mithalten – aber auch nicht jeder Ersatz funktionierte, und so kam die Band nie richtig in Schwung. Zum zweiten hatten Geddes Axe anfangs mit Andy Millard einen Sänger, der seinen Job zwar nicht schlecht machte, aber eher unauffälligen Durchschnitt darstellte, den großen Könnern seiner Zunft also nicht Paroli bieten konnte. Als 1982 mit Tony Rose ein neuer Mann gefunden war, dessen Melodielinien deutlich überzeugender gerieten, war es zu spät, und Geddes Axe gaben 1983 desillusioniert auf. 2016 reformierten sie sich mit drei Fünfteln der Erstbesetzung für zwei Gigs, aber zu einer kontinuierlichen Weiterarbeit scheint es nicht gekommen zu sein.
Immerhin bildete diese kurzzeitige Reformation aber möglicherweise einen Anlaß für den vorliegenden Tonträger Aftermath, der die acht offiziell auf Tonträger veröffentlichten Geddes-Axe-Songs sowie vier Demonummern enthält und damit nahezu das Gesamtwerk der Band vereinigt. 1981 erschien als erstes Tonzeugnis Return Of The Gods, im NWoBHM-Lexikon des IP-Verlages als Vier-Tracker bezeichnet, was offensichtlich ein Fehler ist, denn im Booklet von Aftermath sind die alten Veröffentlichungen abgebildet, und dort handelt es sich nur um einen Drei-Tracker, was auch durch die Liner Notes und die Besetzungsangaben auf der Bookletrückseite gestützt wird, denn da ist Drummer Dave Clayton nur für die ersten drei Songs angegeben, während dann John Burke übernimmt. Der eröffnende Single-Titeltrack überrascht mit seinem langsamen Spannungsaufbau im eher atmosphärisch geprägten Intro – in der NWoBHM wäre ein vorwärtsdrängenderer Song typischer gewesen. Allerdings macht der Song auch den Balanceakt von Geddes Axe deutlich, einerseits die Power einer Metalband auf die Bretter zu bringen, andererseits aber nicht so sehr stromlinienförmig zu agieren. Ungerade Rhythmen und der geschickte Einsatz halbakustischer Gitarren bringen Farbe ins Geschehen, und der zweite B-Seiten-Track „Aftermath“, auf dem Re-Release zum Titeltrack avanciert, läßt die Herangehensweise sehr deutlich werden. Dass das Quintett allerdings durchaus auch geradeaus powern konnte, macht „Sharpen Your Wits“, Titeltrack der im folgenden Jahr erschienenen zweiten Single, deutlich, der in weniger als drei Minuten in flottem Tempo alles wegschiebt, was sich in den Weg stellt. Hier gab es nur einen B-Seiten-Track: „Rock And Roll Is The Way“ ist noch ein paar Sekunden kürzer, enthält musikalisch aber keinen Rock’n’Roll, sondern wieder die eher technisch angehauchte Stilkomponente der Band. Neben Drummer Burke gibt es mit Gitarrist Nick Brown noch einen weiteren Neuzugang, der Andy Barrott ablöste, welchselbiger später als Keyboarder (!) bei Baby Tuckoo wieder auftauchte, bevor er in der Spätphase von Chrome Molly zurück an sein Stamminstrument wechselte.
Auf den vier Demotracks singt auch noch Millard, deswegen sind sie im Sinne einer chronologischen Songreihenfolge zwischen dem Material der zweiten und der dritten Single angeordnet. Hier lauern gleich mehrere Überraschungen. Zum einen ist der Sound kaum schwächer als auf den Singles – bei denen wurde im genannten Lexikon ein vor allem auf dem Debüt eher dürftiges Klangbild diagnostiziert, das sich dann schrittweise gesteigert habe. Die Aftermath-Fassungen bieten allerdings durchaus gediegene, wenngleich nicht polierte Kost, also hat entweder Otger Jeske etwas übertrieben oder Patrick W. Engel beim Remastern noch eine ganze Menge herausgeholt. Zum zweiten finden sich hier Songs, die das auf den Singles veröffentlichte Material teilweise klar in den Schatten stellen, wobei man bei „Into The Wilderness“ bedauert, dass es da nicht zu einer „richtigen“ Aufnahme gekommen ist, bei der der Schluß dann vielleicht noch anders gestaltet worden wäre – nach einer dramatischen Steigerung im Solo ist nämlich ein eher unprätentiöses Ende angehängt. Das sechseinhalbminütige Epos „Valley Of The Kings“ wiederum stellt den wohl besten Geddes-Axe-Song der Millard-Phase dar (hier sind im Solo rings um Minute 5 ein paar Iron-Maiden-Anklänge unüberhörbar), und mit „When The Lights Go Out“ kommt – das ist die nächste Überraschung – gar eine Ballade zum Vorschein, die zumindest andeutet, dass Millard stimmlich durchaus mehr kann, als er sonst zeigt.
Gelegenheiten, das auch in der Folge zu beweisen, bekam der Sänger wie bereits erwähnt keine mehr – der finale 1983er Drei-Tracker Escape From New York wurde von Tony Rose eingesungen, und der durfte Material veredeln, das dem Qualitätsstandard von „Valley Of The Kings“ durchaus gleichkam, wenngleich man sich hier schon ein bißchen mehr anstrengen mußte, um etwa im Titeltrack alle Wendungen zu kapieren, was freilich durch einen eingängigen Refrain erleichtert wurde. Hier gibt es gar einige Rhythmen, die später im amerikanischen kauzigen Epic Metal fröhliche Urständ feierten. Für die beiden B-Seiten-Tracks „The Day The Wells Ran Dry“ und „Six-Six-Six“ gibt das Lexikon an, dass diese bereits von 1980/81 stammten – das kann sich dann aber nur auf das Songwriting beziehen, denn das Klanggewand stimmt mit dem von „Escape From New York“ überein, und auch Roses Stimme ist eindeutig zu identifizieren. Bisweilen wurden Geddes Axe in der damaligen Presse mit Rush verglichen, und diese drei Songs sind tatsächlich die, die einer hypothetischen Metalversion von Rush gedanklich noch am nächsten kommen, zumal auch der Sound der Halbakustikgitarren hier ein wenig gen Alex Lifeson schielt. Trotzdem sind die Parallelen längst nicht so groß, dass man diesen Vergleich überstrapazieren sollte. „The Day The Wells Ran Dry“ führt kurz vor Schluß noch einen schönen Akustikpart ein, der aber songwriterisch ins Leere führt, da nur noch ein großes Schlußgedonner danach kommt – damit replizieren Geddes Axe den Problemfall von „Into The Wilderness“ auch im regulär aufgenommenen Material und nehmen eine Entwicklung vorweg, die im Metal des 21. Jahrhunderts große Verbreitung fand: der inflationäre Umgang mit den Ideen und das Nichtweiterentwickeln dieser. Im Direktvergleich sind die Briten da freilich noch harmlos, und in vielen Elementen wissen sie schon, was sie aus ihren Ideen herausholen können. Schönes Beispiel hierfür ist der abschließende Fast-Sechsminüter „Six-Six-Six“, der nur das Pech hatte, dass Iron Maidens „The Number Of The Beast“ schon eher rausgekommen war und zudem deutlich eingängiger ausfiel, was die Geddes-Axe-Nummer zwar nicht weniger interessant macht – aber strukturell konnte sie der Band nicht mehr helfen. Umso schöner ist es, dass auch der Nichtbesitzer der Singles nunmehr Gelegenheit hat, eine interessante Band zu entdecken und ihr Gesamtwerk auf einen Schlag zu erstehen, auch wenn es wie erwähnt in selbigem durchaus qualitative Schwankungen gibt und der Begriff „Gesamtwerk“ wie bereits oben angedeutet zu relativieren ist: In den Liner Notes äußert Wilson nämlich, zusammen mit den vier Demotracks seien die bisher schon auf Vinyl erschienenen Songs, also offenbar die der ersten Single, nochmal neu eingespielt worden – und es wäre durchaus reizvoll gewesen, diese Neufassungen auch noch zu exhumieren, um einschätzen zu können, ob das mit der Weiterentwicklung der Band und ihrer Musiker, speziell der von Millard, wirklich so stimmt und was letzterer auf den Neuaufnahmen zu leisten imstande war. Platz genug wäre auf der CD gewesen, und so muß diese Chance leider als vertan deklariert werden. Trotzdem sollte Aftermath für den NWoBHM-Anhänger auch in der vorliegenden Form definitiv Reiz ausstrahlen. Falls sich übrigens jemand über die etwas spartanisch wirkende Optik der im Digipack erschienenen 2017er Version des Re-Releases wundert: Die ist exakt derjenigen der Debüt-Single nachempfunden. 2016 wiederum gab es schon eine Jewelcase-Version mit den gleichen Songs und dem gleichen Coverartwork, nur mit reziproker Farbgestaltung.



Roland Ludwig

Trackliste

1Return Of The Gods4:04
2Wildfire3:58
3Aftermath4:35
4Sharpen Your Wits2:56
5Rock And Roll Is The Way2:47
6Life In London3:07
7When The Lights Go Out3:05
8Into The Wilderness4:25
9Valley Of The Kings6:29
10Escape From New York3:56
11The Day The Wells Ran Dry4:39
12Six-Six-Six5:58

Besetzung

Andy Millard (Voc, 1-9)
Tony Rose (Voc, 10-12)
Martin Wilson (Git)
Andy Barrott (Git, 1-3)
Nick Brown (Git, 4-12)
Mick Peace (B)
Dave Clayton (Dr, 1-3)
John Burke (Dr, 4-12)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger