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Reviews

Sanctuary

Inception


Info

Musikrichtung: US-Metal

VÖ: 24.02.2017

(Century Media / Sony)

Gesamtspielzeit: 42:28

Internet:

http://www.enterthesanctuary.com

Der Release des frühen Sanctuary-Demomaterials macht mal wieder deutlich, wie schwierig es mit dem Quellenwert von Anekdoten im Rockbereich bestellt ist (Matthias Herr hat in Band 3 seines Lexikons ein köstliches Beispiel exhumiert, wie David Lee Roth und Steve Vai der gleichen Interviewerin völlig unterschiedliche Anekdoten erzählten, wie es zu ihrer Zusammenarbeit kam, ohne dass die Interviewerin hellhörig wurde). Im Booklet von Inception rollt Gitarrist Lenny Rutledge die gesamte frühe Bandgeschichte auf und bemerkt, dass er es gewesen sei, der es nach einem Megadeth-Konzert in Seattle schaffte, Dave Mustaine zum Anhören des Sanctuary-Demomaterials zu bringen, wovon dieser so angetan gewesen sei, dass er der jungen Band half, wo er nur konnte, ihr Debütalbum Refuge Denied produzierte und sie auch mit auf Tour nahm. Im dritten Band des US-Metal-Lexikons aus dem Iron-Pages-Verlag steht im Sanctuary-Kapitel auf S. 151 die gleiche Anekdote – nur ist es dort nicht Rutledge, der zu Mustaine geht, sondern Sänger Warrel Dane ... Letztgenannter kann seit dem 13.12.2017 nicht mehr befragt werden, und so muß diese Geschichte ohne endgültige Klärung bleiben.
Gesichert scheint hingegen, dass das frühe Sanctuary-Demomaterial von der Band nicht primär zum Verkauf gedacht war, sondern hauptsächlich zu Promozwecken weitergegeben wurde (was selbstredend einen Ware-Geld-Tausch nicht grundsätzlich ausschloß). Als die Band mit Produzent Zeuss ihr Comebackalbum The Year The Sun Died erarbeitete, kam die Sprache auch auf das alte Material, dessen originale Aufnahmespuren Rutledge schließlich in einer alten Kiste auf seinem Speicher fand, allerdings in miserablem Zustand, so dass es langer Reparatur- und Rekonstruktionsarbeiten, hauptsächlich von Zeuss, bedurfte, bis das Material in einem veröffentlichungsreifen Zustand vorlag, der dann unter dem Titel Inception als CD erschien. Im Netz kursieren diverse unbearbeitete Versionen, die offenbar von einem originalen Tape übernommen wurden, so dass dem Interessenten Direktvergleiche möglich sind – und die eröffnen einen Unterschied wie den sprichwörtlichen zwischen Tag und Nacht: Inception würde in der vorliegenden Form problemlos als eigenständiges Album mit ordentlicher Soundqualität durchgehen, und es erscheint dem Uneingeweihten mysteriös, was Zeuss mit dem Material alles angestellt hat, wo er doch in seinem Vorwort im Booklet schreibt, dass die Gitarren ziemlich mies geklungen hätten und es sogar komplette Aussetzer gegeben habe. Eine von ihm angeführte Tatsache aber bemerkt man beim Hören relativ deutlich: „The drums didn’t even have mics on the cymbals“, schreibt er da über die zweite Aufnahmesession, und es wurde offensichtlich darauf verzichtet, hier noch nachträglich umfangreich zu overdubben – die Zimbeln (hihi) stehen im gesamten Klangbild in der Tat sehr weit im Hintergrund. Erstaunlicherweise stört das nicht nur nicht, sondern gibt Dave Budbills Drumming eine Sonderportion Energie der anderen Bestandteile des Drumkits, was dem Material erstaunlich gut tut. Vor allem die Coverversion von Jefferson Airplanes „White Rabbit“ klingt dadurch lange nicht so schepprig, wie man das von anderen Umsetzungen gewohnt ist.
Besagtes „White Rabbit“ ist in der vorliegenden Frühfassung (es gibt noch mindestens zwei spätere) zweieinhalb Minuten kurz und stellt interessanterweise den schwächsten Track der Aufnahmen dar – die Eigenkompositionen überzeugen deutlich mehr und bieten auch in diesen Frühfassungen bereits den relativ komplexen, aber immer noch eingängigen US-Metal der klassischen Schule, den man dann regulär auch auf dem Debütalbum Refuge Denied hören konnte. Neben dem weißen Hasen wurden sechs der acht Eigenkompositionen später auch auf das Album übernommen und dort mit „Termination Force“ und der Bandhymne „Sanctuary“ ergänzt, während umgekehrt zwei der Demosongs nur hier zu hören sind. Da wäre zum einen „Dream Of The Incubus“, das hier gleich an den Anfang gesetzt wurde und stilistisch sofort klarmacht, was in den 42 Minuten zu erwarten ist – anspruchsvoller Metal, vokalisiert von einer sehr variablen, bedarfsweise ultrahohen Stimme. Ein klein wenig geradliniger als die anderen Nummern kommt „I Am Insane“ zum Ziel, artet also nicht in totalen chaotischen Lärm aus, wie man es vielleicht anhand des Songtitels hätte vermuten können. Das ist der andere Song, der in den Archiven blieb, denn obwohl er im Vorfeld der Arbeiten zum zweiten Album Into The Mirror Black abermals als Demofassung festgehalten wurde, blieb er letztlich auch für dieses Album unberücksichtigt und wurde für The Year The Sun Died gleichfalls nicht exhumiert.
Eingespielt wurden die neun Demotracks in zwei Sessions in verschiedenen Studios und mit geringfügig unterschiedlicher Bandbesetzung: „Soldiers Of Steel“ und „Battle Angels“ wurden um die Jahreswende 1985/86 noch mit Rich Furtner am Baß eingezimmert, der im März 1986 bei den Aufnahmen für die sieben anderen Songs dann schon von Jim Sheppard ersetzt worden war. Einen stilistischen Unterschied ergibt das nicht, und auch vom Sound her fallen die beiden erstgenannten Songs nur geringfügig aus dem Rahmen, denn hier hört man in der Tat ein paar mehr „Zimbeln“ (hihi), wobei der Unterschied so gering bleibt, dass es niemandem auffallen würde, der nicht anderweitig auf diesen Umstand aufmerksam gemacht worden ist. Die Songs wurden nicht chronologisch nach Einspielperioden angeordnet, sondern die beiden früheren Aufnahmen an Position 3 bzw. 7 unter die anderen gemischt, und als Opener fungiert mit „Dream Of The Incubus“ gleich einer der beiden „Neuen“ – klarer Fall: Man will den Zusatznutzen herausstellen, den „Inception“ auch für die Besitzer von Refuge Denied hat, was nicht gegeben wäre, wenn die CD mit „Battle Angels“ anheben würde, wie das später das reguläre Album tat, trotz Danes beeindruckendem langem und hohem Schrei gleich zu Beginn. Mit dem epischen „Veil Of Disguise“ steht allerdings der beste unter vielen starken Songs am Ende von Inception, und das entspricht dann wieder seiner Position auf Refuge Denied – vom akustischen Seelenstreichlerintro bis zum im Sanctuary-Kontext äußerst seltenen Ultraspeed des Solos deckt die Band hier das komplette Spektrum ihres damaligen Stils ab, der noch weitestgehend ohne die angedüsterten Elemente auskam, die dann auf Into The Mirror Black in deutlich verstärktem Maße hinzugenommen wurden. So bleibt Inception ein interessanter Einblick in die Frühgeschichte einer herausragenden Band, stilecht mit einem Ed-Repka-Cover verziert und mit einem bilderreichen Booklet mit Liner Notes von Zeuss und Rutledge ausgestattet, womit wir in diesem Review den Bogen zur einleitenden Schilderung geschlagen hätten. Nur diese Anmerkungen noch: Offenbar gab es verschiedene Versionen des Demos, die damals verteilt wurden. Im Booklet abgebildet ist nämlich eine, die nur acht Songs enthält – „Ascension To Destiny“ fehlt. Und die Datumsangaben auf den abgebildeten Tapes von den Triad-Studios (das sind die mit „Soldiers Of Steel“ und „Battle Angels“) stimmen nicht mit Rutledges Schilderung im Text überein. Soviel zum Quellenwert ...



Roland Ludwig

Trackliste

1Dream Of The Incubus4:26
2Die For My Sins3:40
3Soldiers Of Steel6:39
4Death Rider/Third War4:14
5White Rabbit2:35
6Ascension To Destiny5:06
7Battle Angels5:19
8I Am Insane4:02
9Veil Of Disguise6:23

Besetzung

Warrel Dane (Voc)
Lenny Rutledge (Git)
Sean Blosl (Git)
Jim Sheppard (B)
Rich Furtner (B: 3, 7)
Dave Budbill (Dr)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger