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Reviews

Velvet Viper

From Over Yonder


Info

Musikrichtung: Metal

VÖ: 21.08.2020 (01.04.19

(Massacre / Soulfood)

Gesamtspielzeit: 56:03

Internet:

http://www.velvet-viper.de

Velvet Viper-Review-Serie, Folge 1: From Over Yonder



From Over Yonder – so hieß doch das Debütalbum von Zed Yago, mag sich mancher Altmetaller erinnern, und dem einen oder anderen sagt vielleicht auch der Bandname Velvet Viper noch etwas. Aber in der hier gegebenen Kombination? Des Rätsels Lösung liegt gleichfalls in der Vergangenheit begründet: Nach dem zweiten Zed-Yago-Album Pilgrimage brachen rechtliche Streitereien aus, in deren Folge Sängerin Jutta Weinhold und phasenweise auch Drummer Claus Reinholdt aka Bubi The Schmied unter dem neuen Namen Velvet Viper, aber mehr oder weniger im gleichen musikalischen Stil weitermachten, interessanterweise auf dem selbstbetitelten Debütalbum mit einer ganzen Latte von Songs, die noch von einigen der Ex-Bandkollegen mitgeschrieben worden waren. Offensichtlich ist die Rechtslage immer noch kurios genug, dass Massacre Records für die aktuellen Re-Releases zwar die Mitwirkung von Jutta sicherstellen konnten (Bubi war 2018 gestorben), es aber nicht gelang, die Rechte dafür einzuholen, diese Werke unter dem Bandnamen Zed Yago zu veröffentlichen, unter dem sie weiland in den Achtzigern erschienen waren – Gitarrist Jimmy Boehlke bzw. heute Jimmy Durand verwendet den Namen für seine aktuelle Formation mit seiner Gattin Yvonne am Mikrofon, mit der er zumindest 2006 auch zahlreiche der alten Songs (und sogar einen vom selbstbetitelten Velvet-Viper-Album!) live spielte. So kommt es also zum Kuriosum, dass der Re-Release von From Over Yonder nunmehr als Velvet-Viper-Album deklariert ist, ausgestattet übrigens auch mit neuem Artwork, das sich im Farbkonzept völlig vom Original unterscheidet, indem hier Brauntöne dominieren und Blau und Grün völlig verschwunden sind.

Den Songs an sich machen diese Merkwürdigkeiten aber natürlich nichts aus. Zed Yago waren damals konzeptuell durchaus originell, denn die gedankliche Brücke von Richard Wagner zum Metal wurde von ihnen viel konsequenter geschlagen als von Joey de Maio. Auf Basis der Geschichte vom Fliegenden Holländer, die knapp anderthalb Jahrhunderte vorher Wagner zu seinem ersten Opernerfolg verholfen hatte, entwarf die Band eine Fantasystory im maritimen Milieu mit gewisser Piratenschlagseite (letztere entdeckten parallel auch die Ortsnachbarn Running Wild für sich) und unterlegte diese mit Power Metal, den sie bewußt in mittleren Tempolagen ansiedelte. Jutta pflegte das seinerzeit mit dem Terminus „schwerer Beat“ zu umschreiben und traf damit ins Schwarze – der treibende Opener „The Spell From Over Yonder“ markiert, wie man später feststellt, bereits die Tempoobergrenze des Albums. Zwar schoß die Sängerin bisweilen übers Ziel hinaus, wenn sie etwa (im RockHard Nr. 32, zitiert bei Matthias Herr) äußerte, mit der Musik von Zed Yago dem Metal zu einer Imageverbesserung verhelfen zu wollen – in den Achtzigern galt der Metaller beim Normalbürger in der Tat generell als arbeitsscheuer asozialer Trinker, aber der Versuch, dieses Image nun gerade mit der Verbindung zur Hochkultur verbessern zu wollen, mutet im Rückblick etwas unglücklich und überambitioniert an. Umgekehrt überstiegen die literarischen bzw. geistesgeschichtlichen Bezüge allerdings auch den Horizont so manches potentiellen Anhängers der Musik, was dann zu beiderseitigem Unverständnis führte. Aus der rückblickenden Betrachtung heraus kann uns diese Lage natürlich herzlich egal sein, zumal Metal mittlerweile gesellschaftlich tatsächlich längst arriviert ist, auch ohne dass Zed Yago diesbezüglich größere Spuren hinterlassen hätten. Interessanterweise weisen die Credits des Re-Releases die fünf Bandmitglieder als alleinige Komponisten aus, obwohl „The Flying Dutchman“ an zweiter Position gleich eine ganze Legion an Wagner-Motiven in den Ring führt und diese teils auf der Gitarre, teils auch mit Keyboards umsetzt, wobei letztgenannte in der Gesamtbetrachtung des Albums allerdings nur eine sehr marginale Rolle spielen und lediglich an einzelnen Stellen für bestimmte Effekte herangezogen werden – exzellent etwa die Fanfareneinwürfe in „United Pirate Kingdom“! Vom Drummer kommt wie erwähnt tatsächlich meist der „schwere Beat“, der einige Songs an die Doomgrenze manövriert, diese allerdings nicht überschreiten läßt, und die beiden Gitarristen erweisen sich nicht nur als Riffmeister, sondern auch als leadseitig äußerst begabt – immer wieder entdeckt man kleine Licks und Feinheiten, die man in der Form nach langem Nichthören nicht mehr in Erinnerung hatte. Nachhaltig ins Gedächtnis eingebrannt hat sich hingegen so mancher Refrain, den man auch nach jahrzehntelanger Abstinenz immer noch auf Anhieb mitsingen kann, etwa die Bandhymne „Zed Yago“ oder auch das vielleicht einen Tick zu schwerfällige (aber trotzdem interessante Gitarrenlicks hervorzaubernde!) „Rockin‘ For The Nation“, das die neun Songs im Original abschloß. Rein musikalisch wäre da die Hymne „Revenge“, die zu LP-Zeiten die A-Seite abschloß, mit ihrer großartigen Finale besser plaziert gewesen, aber das hätte dann von der Textstruktur sicher nicht ins Konzept gepaßt. Aber das ist ein kleiner Schönheitsfehler einer großartigen Platte, die nicht zuletzt auch von der interessanten Leadstimme lebt: Jutta hatte u.a. im Dunstkreis von Udo Lindenberg gearbeitet, mit Alex Parche unter dem Bandnamen Breslau eine weitgehend mißverstandene Platte veröffentlicht und klang wie keine andere halbwegs bekannte Sängerin der damaligen Zeit – erst einige Jahre später tauchte Barbara Malteze auf, die das Malteze-Album Count Your Blessings einsang, das ein wenig wie eine speedigere Version von Zed Yago klang, und sie hatte eine ähnliche Stimmfärbung wie Jutta. Diverse mitshoutbare Backings der männlichen Mitglieder sorgen zudem für livehaftiges Identifikationspotential, und die Band war damals auch auf mancher Bühne zu erleben, so dass mancher durchaus gespannt gewesen sein dürfte, wohin die Reise des Fliegenden Holländers noch führen würde.
Wie wir heute wissen, gab es nach From Over Yonder und Pilgrimage Schiffbruch, und das Altmaterial taucht nun sozusagen als Strandgut wieder auf, remastert von Alex Krull, der dem Material tatsächlich etwas mehr Glanz und Power zugleich verleihen konnte. Der Re-Release des Debüts enthält nach den neun Albumtracks noch drei Boni, zunächst zwei Livemitschnitte aus dem Jahr 1989, die deutlich machen, dass sowohl Jutta als auch die Backingsänger bisweilen doch einige Schwierigkeiten hatten, angepeilte Töne auch zu treffen, wenngleich sie in anderen Momenten durchaus zu überzeugen wußten. „Rebel Ladies“ bezieht im vorliegenden Mitschnitt übrigens nur ein Grundmotiv aus diesem Song und wird dann zu einer Art Jamsession, wo Jutta bisweilen klingt wie Doro Pesch mit doppeltem Stimmvolumen, und „Rockin‘ For The Nation“ enthält zwar nicht ganz so viele Gitarrengirlanden wie das Studiooriginal, aber allein schon das originell scheppernde Drumkit macht hier grundsätzlich Hörspaß. Bubi, der auch nach der Revitalisierung der nach The 4th Quest For Fantasy zunächst aufgelösten Velvet Viper (Jutta machte unter verschiedenen anderen Namen weiter) bis zu seinem Tode wieder zur Mannschaft gehörte, bekommt mit dem letzten Song „The Schmied“ noch einen musikalischen Nachruf in Gestalt einer nur aus Stimme, Akustikgitarre und Keyboards bestehenden Ballade, die seinen Werdegang nachzeichnet und die vermutlich im Zuge der Einspielung des jüngsten regulären Velvet-Viper-Albums The Pale Man Is Holding A Broken Heart anno 2019 aufs Band gebracht, aber letztlich dann doch nicht auf besagtes Album übernommen wurde. In der reduzierten Instrumentierung hört man Jutta das stimmliche Alter mittlerweile doch ein wenig an, glaubt man beim ersten Hördurchlauf, aber die latente Brüchigkeit könnte durchaus auch als Stilmittel gedacht gewesen sein – erfahren genug ist die Sängerin ja allemal. Egal wie: Der Song wirkt rein musikalisch naturgemäß ein wenig wie ein Fremdkörper, aber wen das stört, der hat heutzutage ja entsprechende Möglichkeiten, seinen CD-Player zu programmieren, und so mancher Hörer wird die abweichende Gestaltung gerade als Trumpf ansehen. Haupttrumpf aber bleibt natürlich das Material der Originalplatte, und das ist auch reichlich drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung immer noch hochgradig hörenswert.



Roland Ludwig

Trackliste

1The Spell From Over Yonder5:10
2The Flying Dutchman2:20
3Zed Yago4:26
4Queen And Priest4:27
5Revenge5:30
6United Pirate Kingdom5:55
7Stay The Course5:09
8Rebel Ladies4:35
9Rocking For The Nation4:40
10Rebel Ladies (Live)5:17
11Rocking For The Nation (Live)4:53
12The Schmied3:42

Besetzung

Jutta Weinhold (Voc)
Jimmy Boehlke (Git)
Gunnar Heyse (Git)
Wolfgang „Tatch“ Mirche (B)
Claus „Bubi The Schmied“ Reinholdt (Dr)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger