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Reviews

X-Creta

Patronizing The Heterodox


Info

Musikrichtung: Metalcore

VÖ: 08.2019 (1986)

(Moshover)

Gesamtspielzeit: 38:28

Internet:

http://www.facebook.com/Moshover

X-Creta fanden im Jahr 1984 zusammen und spielten noch im Gründungsjahr ein erstes Demo ein, dessen Titel der Infotext von Moshover Records nicht nennt. 1985 folgte das We Will Thrash You-Demo und 1986 das Album Patronizing The Heterodox, bevor das Quartett noch im gleichen Jahr wieder auf dem Bandfriedhof verschwand. Mehr als 30 Jahre später liegt nun auf dem niederländisch-brasilianischen Liebhaberlabel Moshover Records ein Re-Release der zwischenzeitlich in Fankreisen sehr gesuchten Scheibe vor, wobei die neun Songs noch mit den vieren des zweiten Demos angereichert wurden, während die Nummern des ersten Demos in der Versenkung belassen wurden und der Nichtbesitzer dieses Demos somit nicht ergründen kann, ob die Aussage im Infotext, die Band habe damals schnellen Hardcore-Punk gespielt, korrekt ist.
Fest steht hingegen, dass die Entwicklung des aus der Hardcore-Szene kommenden belgischen Quartetts immer stärker in Richtung Metal ging, was dann zur hier verwendeten Stildefinition Metalcore führte. Damit ist selbstverständlich nicht der erst in den Neunzigern entwickelte und nach der Jahrtausendwende zum Trend gewordene Stil gemeint, der sich reichlich im Göteborg-Death bedient – wir sind hier wie beschrieben noch mitten in den Achtzigern, und da meinten die Termini Metalcore, Deathcore oder auch Crossover noch etwas völlig anderes als ein Jahrzehnt später, nämlich die Verschmelzung von Hardcore- und Metalelementen der damaligen Spielarten. Der eingebaute Metal war im Zuge der Härter-und-schneller-Bewegung naturgemäß meistens Thrash (der Death Metal steckte zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen), aber einfallsreiche Bands beschränkten sich durchaus nicht auf diesen, auch X-Creta nicht, die etwa „The Wild One“ mit einem Black-Sabbath-kompatiblen Riff einleiteten und im großen Break sogar so etwas wie den New-Orleans-Sound späterer Dekaden andeuteten. Die Gitarrenarbeit von Erwin Vanmol hingegen weist phasenweise deutliche Einflüsse aus dem Traditionsmetal auf, und in den alten Fotos im Booklet sieht man den Mann sogar eine Doppelhalsgitarre spielen – ein zu dieser Zeit in diesem Stil völlig unübliches Instrument. Möglicherweise spielte er die Rhythmusparts auf dem einen Hals und die Soli auf dem anderen – und Soli wie das in „Oblivion“ wären durchaus auch bei Slayer nicht aus dem stilistischen Rahmen gefallen. Da X-Creta allerdings aus dem Hardcore kamen, strapazierten sie die Toleranzgrenze ihrer ursprünglichen Fanbase sehr stark und ernteten von dieser nicht selten negative Reaktionen, worüber sie sich auch in einem im Booklet des Re-Releases abgedruckten 1986er Interview mit Patrick van Laethen vom Hardcore Mag bitter beschwerten. So dürfte es keinen Zufall darstellen, dass sie 1986 dann lieber mit Metalbands aus ihrem Heimatland Belgien spielten, etwa mit Cyclone oder mit den noch blutjungen Target. Die Neigung zu für Hardcore-Verhältnisse relativ langen Instrumentalpassagen wird schon im Opener „David Slays Goliath“ nach dessen fliegensummenartigem Intro deutlich und bricht sich später dahingehend Bahn, dass der Quasi-Titeltrack „The Heterodox“ ein eher hardrockangehauchtes (!) Instrumentalstück darstellt und X-Creta mit dem Albumcloser „X-Creta Banzai Mosh“ noch eins draufsetzen: Auch das ist ein Instrumentalstück, und zu dem hätten wohl auch Anthrax nicht nein gesagt (wir befinden uns wie bekannt im Jahr 1986, als Scott Ian & Co. gerade Spreading The Disease, ihren Zweitling, draußen hatten). Der Gesang von Marc Maes hingegen bildet einen eindeutigen Hardcore-Knochen im Skelett von X-Creta – der Mann hält sich von Melodien konsequent fern und setzt auf Shouting in weitgehend ein und derselben Tonlage, was der Grundaggression des Materials durchaus entgegenkommt und die Optionen offengelassen hätte, bei einer etwaigen weiteren Metallisierung des Sounds der Band entweder eine Variabilisierung vorzunehmen oder aber gerade das nicht zu tun. Die Frage kann ob der Bandauflösung naturgemäß nicht beantwortet werden, und eine Reunion scheint es bisher auch noch nicht gegeben zu haben.
Die Songs des Re-Releases sind nicht chronologisch sortiert – die vier Demotracks von 1985 stehen also hinter den neun 1986er Albumtracks, was aufgrund des Bonuscharakters ja auch irgendwie logisch ist. Das Labelinfo bezeichnet dieses Tape als „lost“, und irgendwo scheint dann doch noch jemand die Aufnahmen wiedergefunden zu haben, allerdings auf einem Band, das zehnmal überspielt worden ist oder jahrelang in der Sonne gelegen hat. Der Sound dieser vier Nummern ist also ziemlich dumpf, aber man erkennt, dass die Grundzüge des Stils auf dem Album auch auf dem Demo bereits ausgeprägt waren, wie man anhand des Titels We Will Thrash You auch bereits vermuten konnte. Abermals bleibt der Titeltrack instrumental, und so wie er wurde auch „Glamour World“ nicht für das Album neu eingespielt, was gerade im letzteren Fall schade ist, denn es wäre interessant gewesen, wie der coole Schunkelpart, mit dem die Belgier mal wieder ihrer Zeit weit voraus waren, in vernünftigem Sound geklungen hätte. „The Wild One“ hat die Sabbath- und New-Orleans-Anklänge auch schon in seiner Frühfassung, „Talks About Morality“ aber unterscheidet sich in einem markanten Punkt von der Albumfassung: Maes gestaltet die Vocals auf dem Demo viel hysterischer als später auf dem Album. Den coolsten Einfall freilich gibt es in beiden Versionen zu hören: Als letzten Part des Mittelteils spielen X-Creta mal eben eine längere, dank des Refrains auch wiedererkennbare Passage aus „You Really Got Me“, wobei erstmal unerheblich ist, ob sie das Kinks-Original oder die Van-Halen-Fassung als Vorbild vor Augen hatten. Das mutet wie eine Vorstufe der Idee der gleichgesinnten New Yorker Rest In Pieces an, als diese Jahre später auf ihrem Zweitling Under My Skin Montroses „I Got The Fire“ coverten, und setzt der coolen Mixtur der Belgier die Krone auf.
Patronizing The Heterodox ist 1986 in zwei Covervarianten erschienen – beide haben das gleiche Motiv (eine zeittypische gezeichnete Horrorszene mit sich aus den Gräbern erhebenden Untoten), aber die eine ist rot und die andere grün eingefärbt. Moshover Records haben das für den Re-Release mit einem Wendecover des Booklets gelöst, wobei das Primärcover das grüne ist und sich in einem Detail vom 1986er unterscheidet: Es zeigt nicht das originale, praktisch unlesbare Bandlogo, sondern ein anderes und lesbares. Wem das Originallogo lieber ist, der dreht das Wendecover um und bekommt auf der roten Variante das Original geliefert. Das Booklet enthält ansonsten noch die Texte der Albumsongs, was nutzbringend ist, da man Maes‘ Gesang oft nicht sonderlich gut versteht. Trotz der musikalischen Metallisierung blieben X-Creta textlich der Hardcore- bzw. Punktradition treu und wettern gegen alles, was ihnen suspekt ist, von Kindersoldaten über organisierte Religion als Geldquelle bis zur Plutokratie im allgemeinen. Auch damit reihen sie sich problemlos in die Riege vieler artverwandter Bands der damaligen Zeit ein, und wer diese mag, der sollte Patronizing The Heterodox trotz des diskographiestrukturell bedauernswerten Fehlens der Songs des ersten Demos (dann hätte man das Gesamtwerk der Belgier beisammen gehabt – und genug Platz gewesen wäre auf der CD allemal) sein Ohr leihen.



Roland Ludwig

Trackliste

1David Slays Goliath4:03
2Exaggerated1:39
3Destructive Outfit2:14
4The Law Of Gravitation4:22
5The Wild One2:55
6Oblivion3:41
7The Heterodox1:17
8Talks About Morality2:42
9X-Creta Banzai Mosh3:42
10We Will Thrash You (Demo 1985)2:01
11Talks About Morality (Demo 1985)2:52
12Glamour World (Demo 1985)3:09
13The Wild One (Demo 1985)3:21

Besetzung

Marc Maes (Voc)
Erwin Vanmol (Git)
Peter Reynaert (B)
Erik Steppe (Dr)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger