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Reviews

Tokyo Blade

Tokyo Blade


Info

Musikrichtung: New Wave of british heavy Metal

VÖ: 20.11.2019 (11/1983)

(Classic Metal / Voice Music)

Gesamtspielzeit: 67:44

Internet:

http://www.classicmetal.com.br
http://www.voicemusic.com.br

Die 1979 in Salisbury gegründeten White Diamond bemerkten nach ihrer Umbenennung in Killer und der Einspielung eines Sechs-Track-Demos bald, dass sie nicht die einzige Band mit dem mörderischen Namen waren. Die in der Folge zum zweiten Mal umbenannte und Genghis Khan getaufte Formation begab sich, nachdem sie 1982 ein 11-Track-Demo eingespielt hatte, 1983 abermals ins Studio, um fünf neue Songs aufs Band zu bannen, von denen vier auf zwei Singles veröffentlicht wurden, die es in einem Double Dealin‘ getauften Doppelpack zu erwerben gab (ob es sie auch einzeln gab, dazu differieren die Quellen). Dann überschlugen sich die Ereignisse im weiteren Verlauf dieses Jahres: Zunächst entschloß sich das Quintett zu einem dritten Namenswechsel – zur Auswahl sollen der Fama nach Tokyo oder Blade gestanden haben, und da man sich nicht für einen der beiden entscheiden konnte, wurden sie kurzerhand zu Tokyo Blade zusammengefaßt (zumindest der Name Tokyo wäre zu jener Zeit allerdings schon vergeben gewesen, nämlich an eine deutsche AOR-Formation). In der Folge kam die Band bei Powerstation Records unter, die die Singles unter dem neuen Bandnamen wiederveröffentlichten (nun wohl in der Tat einzeln) und im gleichen Jahr auch noch das selbstbetitelte Debütalbum in die Läden stellten, das in weniger als einer Woche mit Produzent Kevin D. Nixon eingespielt worden war. Zudem wurde Gitarrist Ray Dismore (oder Disemore – die Schreibweise in den Quellen differiert, wobei Dismore die größere Wahrscheinlichkeit besitzt) gegen John Wiggins ausgetauscht, wobei dieser Tausch schon vor dem Einspielen des Albums passiert sein muß, denn die Besetzungsliste gibt bereits Wiggins an, wohingegen der Eintrag in der englischen Version des Ultimate Hard Rock Guide formulierungstechnisch etwas widersprüchlich ist und auch so gelesen werden kann, als sei Dismore erst nach Veröffentlichung des Albums gegangen. Dass Wiggins für den Albumtrack „Break The Chains“ aber als Co-Songwriter angegeben ist, während Dismore in den Songwritingcredits nirgendwo auftaucht, bildet ein weiteres Indiz für die These, dass der Wechsel schon vor dem Albumeinspielen passiert ist. So wurde 1983 rückblickend zum wohl ereignisreichsten Jahr in der Bandgeschichte Tokyo Blades überhaupt.
Das Stichwort 1983 ist ein gutes: Die NWoBHM ebbte, was die erste Welle betraf, schon wieder ab, und hier war am Ende des Jahres klar, dass die entscheidenden musikalischen Impulse in Zukunft nicht mehr aus England, sondern aus den USA kommen würden – die Debütalben von Metallica und Slayer hatten das Licht der Welt erblickt. Nichtsdestotrotz schafften es Tokyo Blade mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum, sich an die Spitze der zweiten, kleineren Welle der NWoBHM zu setzen, und das, obwohl sie im Albumkontext sogar relativ zurückhaltend und melodisch agierten, jedenfalls im Direktvergleich zu beispielsweise Jaguar, die mit Power Games im gleichen Jahr debütierten. Klar, Drummer Steve Pierce arbeitet auch mal in gehobeneren Tempi, aber das Gros des Songmaterials verbleibt in Midtempolagen, wobei „If Heaven Is Hell“ aufgrund des galoppierenden Rhythmus sogar noch schneller wirkt, als es eigentlich ist. Schrägerweise ist die B-Seite in der Durchschnittsbetrachtung ein gutes Stück schneller ausgefallen als die A-Seite, aber der einstige B-Seiten-Opener „Killer City“ bleibt unterm Strich der einzige richtig schnelle Song der Scheibe, und auch der hätte von der Introgestaltung her noch die Möglichkeit offengehabt, in halbem Tempo zu arbeiten. Dafür besitzen Tokyo Blade aber andere Trümpfe: Sänger Alan Marsh ist für seine Zeit ein durchaus Guter (wenn auch kein absoluter Spitzenkönner), die beiden Gitarristen Andy Boulton und der bereits erwähnte John Wiggins aber zählen zur Creme de la creme ihrer Zunft und zaubern in Verbindung mit dem ideenreichen Songwriting (dafür zeichnen im wesentlichen Boulton und Marsh verantwortlich) starke Riffs, ideenreiche Soli und schöne Melodien en masse aus dem imaginären Hut, dass es nur so eine Freude ist. Man höre sich nur mal das hin- und herfliegende Soloduell in „On Through The Night“ an – zumindest in der hier vorliegenden Pressung wird der Effekt noch dadurch verstärkt, dass die Signale der beiden Gitarren zwischen den beiden Boxen aufgeteilt werden. Im Mittelteil von „If Heaven Is Hell“ oder dem Intro von „Liar“ wiederum kommen ausgesprochen gefühlvolle Linien zum Einsatz, die auch das Beherrschen dieser Sparte demonstrieren. „If Heaven Is Hell“ bildet übrigens die einzige Übernahme von Songs aus der letzten Genghis-Khan-Session, und auch diese Nummer wurde nicht 1:1 herübergeholt, sondern neu eingespielt - die anderen vier blieben unberücksichtigt, wurden aber 1984 für alle Nicht-Single-Käufer auch noch einmal zugänglich gemacht, nämlich in Form der Midnight Rendezvous-EP, die es verwirrenderweise auch in zwei Versionen gegeben haben soll: einmal mit vier Songs, nämlich denen, die auf den beiden Singles enthalten gewesen waren, und einmal mit fünf Songs, also die komplette Session inclusive des nicht auf den Singles enthalten gewesenen und erst auf der Albumauskopplung „Powergame“ als B-Seite verbratenen „Death On Main Street“ (zu allem Überfluß gibt es unter dem gleichen Titel auch noch einen US-Sampler mit vier EP-Songs und vier weiteren vom Debütalbum ...). Bei den acht Songs des regulären Albums griff die Band allerdings in einem Fall auch auf Fremdmaterial zurück – nicht „On Through The Night“ (denn das gleichnamige Def-Leppard-Debüt besaß keinen Titeltrack), sondern „Tonight“ aus der Feder von Russ Ballard (keine Exklusivkomposition von ihm für Tokyo Blade, sondern ein Cover von einem seiner regulären Tracks, in dem Falle einem von seinem Solo-Fünftling Into The Fire aus dem Jahre 1981), das mit seinem gemäßigten Melodic-Rock-Touch auf der wie erwähnt insgesamt deutlich flotteren B-Seite ein wenig aus dem Rahmen fällt und zwischen „Liar“ mit seinem dramatischen (und die Spannung leider nicht ganz ausspielenden) Schlußteil und dem großartigen Closer „Sunrise In Tokyo“ (neben „If Heaven Is Hell“ bester Song der Platte – und was für wunderbar flüssige Tappingskalen flitzen die Gitarristen da rauf und runter!) irgendwie leicht verloren wirkt, wenngleich auch dieser Song ein hohes Qualitätslevel nicht unterschreitet. Der Terminus „Closer“ für „Sunrise In Tokyo“ trifft übrigens nur auf die Original-LP zu – dort war das dahinter versteckte „Blue Ridge Mountains Of Virginia“ nirgendwo vermerkt, während es auf den meisten Re-Releases als Extratrack gekennzeichnet ist. Es handelt sich um ein kurzes Spaßstück von kaum mehr als einer Minute Länge, wo die Band zu Nixons Honky-Tonk-Piano im passend-verstaubten Sound die betreffende, aus einem Laurel-und-Hardy-Film bekannte traditionelle Nummer singt – ein locker-flockiger Ausklang nach einer Dreiviertelstunde überwiegend hochklassigem Metal.
Die vorliegende Re-Release-Fassung aus Brasilien folgt in der Songauswahl vielen anderen Wiederveröffentlichungen, allen voran der High-Vaultage-Version von 1997 – den neun Albumtracks werden also noch die der Midnight Rendezvous-EP beigegeben, und zwar alle fünf. Beim ersten Hören warf das für den Rezensenten (und Nicht-Besitzer sowohl der EP als auch der Powergame-Single) die Frage auf, woher ihm der Refrain von „Death On Main Street“ sofort so bekannt vorkam, dass er die Refrainstruktur umgehend mitformulieren konnte. Des Rätsels Lösung: Im hiesigen Plattenschrank steht neben den Original-LPs von Tokyo Blade und dem Nachfolger Night Of The Blade auch die 1985er Doppel-LP Warrior Of The Rising Sun, und zwar nicht in der englischen Version (die eine simple Wiederveröffentlichung der ersten beiden LPs darstellt), sondern in der gleichnamigen deutschen, bei der es sich um eine Raritätencompilation handelt, auf der u.a. auch die fünf EP-Nummern zu hören waren. Zwar war diese LP mindestens 20 Jahre nicht mehr abgespielt worden, aber einige Elemente hatten sich doch im Langzeitgedächtnis festgekrallt und wurden jetzt beim Hören der CD wieder nach vorne geholt. „If Heaven Is Hell“ wurde wie erwähnt für die LP neu eingespielt, aber auch die anderen Songs hätte man rein qualitativ durchaus bedenkenlos neben das neue Material stellen können. „Highway Passion“ fällt im Intro noch durch einen anderen Aspekt auf: So nahe an Iron Maiden agierten Tokyo Blade kaum jemals, und die Ähnlichkeit ist hier nicht nur stilistisch bedingt, sondern auch konkret songwriterisch – allerdings, was die Chronologie angeht, in unvermuteter Richtung: Das Maiden-„Pendant“ heißt nämlich „Heaven Can Wait“ und steht erst auf der 1986er Somewhere In Time-Scheibe. Nach besagtem Intro drückt „Highway Passion“ dann allerdings das Gaspedal durch – es handelt sich um den schnellsten Song der Frühphase der Band, zumindest was den ihm bekannten Teil des Schaffens angeht (das Genghis-Khan- und das Killer-Demo gibt es seit 2011 als Re-Release bei High Roller Records, aber dieser liegt hier noch auf dem großen Stapel der Ungehörten). Der Stampfer „Midnight Rendezvous“ wiederum gestaltet die Backing Vocals fast ein wenig im Stile von The Sweet, bevor es noch zweimal Speed mit „Mean Streak“ und dem bereits erwähnten, soundlich einen kleinen Deut abfallenden, aber immer noch sehr gut hörbaren „Death On Main Street“ gibt – die Band war also tatsächlich im Durchschnitt mal deutlich flotter unterwegs und hat fürs Debütalbum offenbar bewußt einen Gang heruntergeschaltet. Die Anhängerschaft nahm’s nicht krumm und kaufte Tokyo Blade in ansehnlichen Größenordnungen – und noch heute lohnt sich die Anschaffung für Freunde hochklassiger NWoBHM-Klänge definitiv, falls das Werk nicht schon längst in der Kollektion stehen sollte. Die vorliegende brasilianische Pressung enthält die Liner Notes von Alan Marsh, die schon der 1997er High-Vaultage-Pressung beigegeben waren, dazu die Lyrics (in etwas randverschnittener Form) und eine Doppelseite mit alten Bildern; sie kommt dazu in einem Pappschuber, der aber keine gesonderten Gestaltungselemente bietet.



Roland Ludwig

Trackliste

1Powergame3:43
2Break The Chains5:02
3If Heaven Is Hell5:54
4On Through The Night7:16
5Killer City5:42
6Liar5:30
7Tonight3:54
8Sunrise In Tokyo5:38
9Blue Ridge Mountains Of Virginia1:13
10If Heaven Is Hell (EP Version)6:00
11Highway Passion4:24
12Midnight Rendezvous3:22
13Mean Streak4:44
14Death On Main Street3:35

Besetzung

Alan Marsh (Voc)
Andy Boulton (Git)
John Wiggins (Git, 1-8)
Ray Dismore (Git, 10-14)
Andy Robbins (B)
Steve Pierce (Dr)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger