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Reviews

Swallow The Sun

When A Shadow Is Forced Into The Light


Info

Musikrichtung: Doom / Death Metal / Progrock

VÖ: 25.01.2019

(Century Media / Sony)

Gesamtspielzeit: 52:32

Internet:

http://www.swallowthesun.net
http://www.centurymedia.com

Swallow The Sun hatten mit ihrem 2015er Werk Songs From The North gehörig überrascht, denn anstatt nur einer Scheibe lieferten sie gleich drei ab, von denen nur die erste nach ihrem typischen melancholisch-romantischen Doom/Death klang, während die zweite eine Akustikplatte war und auf der dritten fünf ultrafinstere Funeral-Doom-Songs standen. Von daher durfte gespannt gewartet werden, was sie denn als Folgewerk herausbringen würden: Bleiben sie bei ihrem gewohnten Leisten von Songs From The North I, lassen sie verstärkt Einflüsse der anderen beiden Nordscheiben zu, wechseln sie gar direkt in eines der beiden dort gepflegten Genres, oder machen sie etwas völlig anderes? Die vorab veröffentlichte Single Lumina Aurea ließ zunächst die letztgenannte Option vermuten – aber ihre stilistische Ausrichtung ist situativ bedingt, stellt sich heraus: Bandkopf Juha Raivio hat 2016 seine langjährige Lebensgefährtin Aleah Starbridge durch Krebstod mit noch nicht mal 40 Jahren verloren, und Lumina Aurea stellt quasi das Requiem für sie dar und bietet zweimal vierzehn Minuten lang ultrafinsteren Ambient (einmal mit Vocals, einmal den gleichen Song rein instrumental), der allerdings in Minute 10 einen markanten Umschwung in der Grundstimmung erfährt, hin zum Loslassen, hin zur Katharsis, auch wenn man schon aufmerksam hinhören muß, um das zu verstehen. „Die Liebe ist größer als der Tod“ lautet die finale Botschaft des Videos zu diesem Song, und damit bleibt die Frage, was Swallow The Sun denn nun auf ihrem neuen Album, auf dem keine der beiden Fassungen des Songs „Lumina Aurea“ vertreten ist, fabrizieren würden, nach wie vor offen.
Die Antwort ist ein überraschender Mix aus drei der vier oben genannten Optionen. Ausgeschieden ist die dritte: When A Shadow Is Forced Into The Light enthält keine Spur Funeral Doom und ist auch keine reine Akustikplatte – aber der Anteil der Akustikelemente liegt schon ein gutes Stück höher als früher und wird mit dem bisher archetypischen Bandsound gekoppelt sowie mit weiteren Elementen angereichert. Postrock hatten sie ja schon auf dem Nord-Dreier einzuflechten begonnen, und der nimmt jetzt einen noch größeren Anteil ein. Mikko Kotamäki hat dazu das Grunzen nahezu völlig eingestellt – artikuliert er sich extrem, dann tut er das fast immer im Kreischbereich, und ansonsten gibt es viel Klargesang und gelegentlich etwas Flüstern. Aber dazu treten Einflüsse, die man von der Band bisher kaum oder noch gar nicht gewohnt war: Progrock nämlich und Pink Floyd im speziellen, so dass wir mit „The Crimson Crown“, dem längsten Song der Scheibe, quasi ein Zwischending aus Pink Floyd und Riverside vor uns haben, wobei speziell die Einleitung so floydig tönt, wie man kaum floydiger tönen kann, und in dieser Hinsicht „This Cut Is The Deepest“ vom Emerald Forest And The Blackbird-Album aus dem Jahr 2012, den bisher floydigsten Song der Band, locker in den Schatten stellt. Im eröffnenden Titelsong von When A Shadow Is Forced Into The Light sind solche Einflüsse phasenweise auch schon zu vernehmen, hier allerdings noch mit stärkeren metallischen Elementen gekoppelt und in der Gesamtheit ein wenig an die Entwicklungsstufe erinnernd, die Anathema in den Mittneunzigern erklommen hatten, als sie mit The Silent Enigma und besonders Eternity gleichfalls Pink Floyd entdeckten und den Reiz entsprechender atmosphärischer Gestaltungen zu schätzen begannen. Während die Briten allerdings in gewisser Weise tempovariabel und sozusagen eine Rock’n’Roll-Band blieben, legt Juuso Raatikainen konsequente Schleichbeats unter die härteren Passagen, freilich nicht so funeralig schleichend, dass einen das Gewicht des Sarges schon lange vor dem Loch zum Zusammenbruch gebracht hat, aber schon bedächtig genug, um die Klassifizierung „Doom“ ohne jegliche Probleme aufrechterhalten zu können. Klar, gewisse Tempovariationen gibt es immer noch, und Menschen, die nicht der reinen Doom-Lehre frönen, freuen sich über diese zweifellos auch, wenn etwa die „Stone Wings“ sich dann irgendwann doch noch mit schwerem Flügelschlag in die Lüfte erheben. Dieser Song ist einer von denjenigen, wo zusätzlich zu den anderthalb Keyboarderplanstellen auch noch klassische Streichinstrumente zum Einsatz gebracht werden, und obwohl Swallow The Sun nicht selten mit reduzierten Arrangements arbeiten, so sind sie doch an anderen Stellen auch auf einen vollen Bandsound bedacht, zumal ja auch die anderthalb Gitarristenplanstellen gerechtfertigt werden müssen. Die Halbierung bemißt sich daraus, dass Raivio sowohl für die sechs Saiten als auch für die Tasten zuständig ist, während es mit Juho Raihä auch noch einen Nur-Gitarristen und mit Jaani Peuhu einen Nur-Keyboarder gibt, wobei letztgenanntes nicht ganz stimmt, denn der Mann steuert auch noch Gesangslinien bei, wobei nicht eindeutig feststellbar ist, für welche Teile er sich verantwortlich zeigt und für welche Hauptsänger Kotamäki. Im Finale von „Clouds On Your Side“ gibt es zu all dem auch noch einen weiblichen gesprochenen Part, beigesteuert von Clémentine Curie, und dieser Song ist von den acht neuen auch der einzige, der nicht von Raivio allein geschrieben wurde: Kotamäki bekommt hier einen Co-Composer-Credit und Starbridge auch – offenbar ist es einer ihrer letzten kreativen Einfälle. Entscheidende Unterschiede zum Rest der summiert reichlich 50 Minuten Musik lassen sich allenfalls peripher feststellen: Das Intro hinterläßt einen leicht postrockigen Eindruck, und zudem ist das einer der seltenen Songs, wo Kotamäki tatsächlich noch seine Grunzstimme auspackt, die man von ihm nicht nur anhand der Vorgängeralben, sondern auch anhand des Schaffens seiner früheren Zweitband Barren Earth kennt. Von der Stimmfarbe her paßt das helle Kreischen allerdings in der Tat besser zur Anlage der Songs: Kräftiges Doomriffing in tiefen Lagen besitzt Seltenheitswert, und der Gitarrenliebhaber bekommt vielfältige andere Einsatzmöglichkeiten dieses Instrumentes geboten, aber eben keine fürs extreme Fach. Statt dessen entwickelt sich in „Here On The Black Earth“ der kurze finstere Doomausbruch zu einer langen Leadgitarrenlinie weiter, die auch in den Epic Metal gepaßt hätte, und weil Raivio letzteres Stilmittel so gut gefallen hat, setzt er es im Intro des folgenden „Never Left“ gleich nochmal ein, hier u.a. mit einer Cello-Stütze. „Firelights“ wiederum enthält sogar ein klassisches Gitarrensolo, wie es auch in den Traditionsmetal gepaßt hätte, bleibt damit allerdings allein auf weiter Flur.
In der Gesamtbetrachtung werden wohl Menschen, die die ersten fünf Alben von Swallow The Sun mochten und von Songs From The North speziell die erste Scheibe schätzten, für When A Shadow Is Forced Into The Light einiges an Gewöhnungszeit brauchen (die optische Gestaltung läßt auch ein musikalisch deutlich düstereres Album vermuten), während es den Finnen gelingen könnte, auch Fans aus anderen Arealen zu gewinnen – gerade wer sich eine konsequent temporeduzierte und hier und da leicht gehärtete Version von Riverside vorstellen kann, der könnte hier eine angenehme Überraschung erleben. Auszuschließen ist allerdings auch nicht, dass das Sextett komplett zwischen den Stühlen landet, die bisherigen, schon von Songs From The North aufgeschreckten Anhänger endgültig verliert und in anderen Arealen weiterhin als Doom/Death-Kapelle abgespeichert bleibt. Letzteres Szenario wäre anhand der Qualität der acht Songs freilich schade, und das bombastische Finale von „Never Left“ mit seinem zupackenden, aber trotzdem entspannt-romantisch bleibenden Gestus könnte Grund genug sein, hier gleich nochmal die Repeat-Taste zu drücken. Swallow The Sun sind totale Schöngeister“, hatte Kollege Tobias Audersch in seiner Rezension von Songs From The North auf www.crossover-netzwerk.de geschrieben – auf When A Shadow Is Forced Into The Light trifft diese Einschätzung, von der optischen Gestaltung mal abgesehen, trotz Raivios erwähnter völlig veränderter emotionaler Situation mindestens im gleichen Maße zu.



Roland Ludwig

Trackliste

1When A Shadow Is Forced Into The Light7:28
2 The Crimson Crown7:57
3 Firelights5:41
4 Upon The Water6:16
5 Stone Wings6:55
6 Clouds On Your Side4:46
7 Here On The Black Earth5:39
8 Never Left7:49

Besetzung

Mikko Kotamäki (Voc)
Juha Raivio (Git, Keys)
Juho Raihä (Git)
Jaani Peuhu (Keys)
Matti Honkonen (B)
Juuso Raatikainen (Dr)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger