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Reviews

Riot

The Brethren Of The Long House


Info

Musikrichtung: Classic Rock / Metal

VÖ: 2015 (1995)

(Metal Blade)

Gesamtspielzeit: 65:55

Internet:

http://www.metalblade.de
http://www.areyoureadytoriot.com

Auch nach dem Release von Nightbreaker schafften es Riot nicht, eine angekündigte Europatour zu realisieren – statt mit ihnen und Jag Panzer zogen Metal Church und Vicious Rumors im Herbst 1994 mit Paul Di’Annos Killers und Zodiac Mindwarp durch die Alte Welt. Im nachhinein wird gerne Steve Loeb als der Schuldige bezeichnet - der Manager und Produzent, der Riot seit ihren Anfängen betreut hatte und maßgeblich dafür verantwortlich gewesen war, dass die Karriere 1977 überhaupt erstmal ins Rollen kam (er gründete ein Eigenlabel, weil keine etablierte Firma das Debütalbum Rock City veröffentlichen wollte), soll sich spätestens in den Neunzigern in ein Enfant Terrible verwandelt haben, liest man in diversen schriftlichen Zeugnissen. Inwieweit die Morbus-Crohn-Erkrankung von Bandkopf Mark Reale gleichfalls eine Rolle spielte, ist nicht ganz klar – fest steht aber, dass sich in den Mittneunzigern diverse Wege trennten. Zunächst verließ Drummer Bobby Jarzombek Anfang 1995 die Band mitten in den Aufnahmen zum neuen Album The Brethren Of The Long House, weil er mit Produzent Loeb nicht mehr klarkam, und letztlich wurde selbige Scheibe dann auch das letzte Werk, das Riot in Kooperation mit Loeb erstellten, bevor Reale sich von ihm trennte und die geschäftlichen Belange der Band vorerst selbst in die Hand nahm. Das verlieh ihm offenbar auch einen Schub an gesundheitlicher Stabilität – die Europatour mit Skyclad und Whiplash im Frühjahr 1996, wo auch der Damals-Noch-Nicht-Rezensent die Formation erstmals zu Gesicht bekam, fand tatsächlich im geplanten Billing statt.
Vier Songs für die 1995 in Japan, 1996 in Deutschland und 1999 in den USA veröffentlichte The Brethren Of The Long House-Scheibe hatte Jarzombek noch eingetrommelt: „Rain“, „Holy Land“ und das „The Last Of The Mohicans“-Doppel, das in ähnlicher Struktur wie „Racing With The Devil On A Spanish Highway“ auf The Privilege Of Power Intro und Outro der Scheibe bildet: als Intro eine eher knappe Einführung ins Thema, als Outro dann eine ausführliche Metalversion des im Original jeweils nichtmetallischen Stückes, hier aus Trevor Jones‘ Musik zur damals noch recht aktuellen Verfilmung von „Der letzte Mohikaner“. Damit ist zugleich der thematische Rahmen für das Album vorgegeben, das sich mit den nord- und mittelamerikanischen Ureinwohnern und deren Konflikten mit den europäischen Kolonisten beschäftigt, nicht im Sinne einer durchgehenden Handlung freilich, sondern in der Behandlung jeweiliger Einzelaspekte in den Songs. Von den dreizehn Nummern des Originals sind gleich vier Coverversionen, neben den beiden Mohikanerstücken noch das Traditional „Shenandoah“ und – nein, nicht Maidens „Run To The Hills“, das thematisch prima gepaßt hätte und das man gerne mal in einer Riot-Interpretation gehört hätte, sondern Gary Moores „Out In The Fields“, zwar kein explizit auf die Indianerkriege gemünztes, sondern generell pazifistisches Lied, aber dadurch natürlich trotzdem kein thematischer Fehlgriff, wenngleich die Riot-Umsetzung irgendwie wenig spannend anmutet. Dass die Moore-Connection gedanklich damit den Boden fürs nächste Riot-Album und die dortige Behandlung der irischen Auswanderung nach Amerika bereiten würde, konnte zu diesem Zeitpunkt natürlich noch kein Außenstehender ahnen, und vielleicht wußte Mark Reale es zu diesem Zeitpunkt auch selbst noch nicht. Interessant im indianischen Zusammenhang ist freilich das Coverartwork, entworfen übrigens vom neuen Drummer John Macaluso, den Insider von Powermad oder von TNT kannten und der sich offenbar schnell ins Thema eingearbeitet hatte oder sowieso schon eine Affinität dazu besaß. Geistiger Hintergrund hierfür ist der Song „Santa Maria“, der mit der apokalyptischen Vorstellung diverser mittelamerikanischer Urvölker Ende des 15. Jahrhunderts arbeitet, es würden in Kürze weiße Götter von Osten übers Meer gefahren kommen, so dass sie die dann tatsächlich eintreffenden Spanier für ebenjene Götter hielten. Etwas seltsamerweise ist der Indianer, der auf dem Cover eine Vision der Schiffe mit dem großen Kreuz auf den Segeln hat, aber eher in für bestimmte nordamerikanische Stämme typischer Kleidung abgebildet und nicht in der für mittelamerikanische typischen – es gab auch unter den nordamerikanischen Stämmen welche, die den genannten Mythos um die weißen Götter kannten, aber für die Kolonisation Nordamerikas spielte dieser Aspekt eine weit geringere Rolle als bei Hernan Cortez‘ Eroberung und Zerschlagung des Aztekenreichs im frühen 16. Jahrhundert.
Unter den 13 Songs bildet das erwähnte „Santa Maria“ eine von drei Balladen – eine recht hohe Quote für Riot, die sich dieses Stilmittels bisher kaum bedient hatten, wobei allerdings Mark Reale etwa auf den beiden ruhigeren Songs von The Privilege Of Power, „Runaway“ und „Maryanne“, bereits bewiesen hatte, dass er auch mit der Akustischen perfekt umgehen kann. Hier verleiht er „Santa Maria“ noch ein leicht spanisches Kolorit, während „Rain“ eher als klassische Metalballade durchgeht und „Shenandoah“ als dritter Song dieses Typus naturgemäß Folkelemente, aber auch etwas Orchestergesäusel verarbeitet und irgendwie einen Musical-artigen Eindruck hinterläßt. Einen richtigen Zugang findet der Rezensent zu letztgenannter Nummer trotz Reales abermals phantastischer Leadgitarrenarbeit (die große Linie zerschneidet Herzklappen!) allerdings nicht, wobei Americana mit Folkhintergrund allerdings noch nie sein Spezialgebiet war und er auch keine der vielen Dutzend anderer Einspielungen dieser Nummer sein eigen nennt. Der Südafrikaner Trevor Jones hingegen hat es geschafft, seinem Hauptthema von „Last Of The Mohicans“ sowohl eine Ahnung von Folklore als auch epische Breite und emotionale Tiefe zu verleihen, und mit dessen Adaption bringen Reale und seine Spießgesellen wieder mal ein Meisterwerk fertig. Solche finden sich noch einige weitere auf der Scheibe, wobei hier auffällt, dass Riot nach dem zwischen Classic Rock und Metal angesiedelten Nightbreaker dieses Spannungsfeld auch auf dem neuen Album nicht verlassen, sich aber ein kleines Stück näher am Classic Rock positionieren. Das wird in diesem Falle zum Problem, denn die besten Songs neben der Mohikaner-Adaption und zwei der drei Balladen sind die metallisch krachenderen. Schrägerweise plaziert Reale nach dem Intro gleich die beiden schnellsten Nummern der Scheibe am Stück hintereinander, und gerade „Glory Calling“ kann sich mit seiner furiosen Gitarrenarbeit und Macalusos Jarzombek nicht nachstehendem Power-Drumming locker in der Spitzengruppe der Riot-Kompositionen behaupten, während das folgende „Rolling Thunder“ diesbezüglich nicht ganz mitzuhalten imstande ist, aber immer noch sehr hoch zu punkten weiß. Dritter im Bunde ist das nicht ganz so schnelle, aber dafür mit einem knackigen klassischen doppelläufigen Riff, das auch Steve Harris in seiner Frühzeit hätte schreiben können, aufwartende „Ghost Dance“, das sich mit ebendiesem Riff nachhaltig im Großhirn festklammert. Aus ebenjenem kommt noch ein ganz anderes Signal: Im Titeltrack leiht sich Zweitgitarrist Mike Flyntz, der diesmal zwei Songs mit Sänger Mike DiMeo geschrieben hat und außerdem an der Ganzbandkomposition „Ghost Dance“, die möglicherweise erst im Studio geschrieben wurde (und zwar in der Ära Macaluso), beteiligt war, eine absteigende Linie, die Judas Priest in „Freewheel Burning“ vorm Refrain eingebaut hatten, ohne dass man dem Riot-Gitarristen deswegen aber böse sein müßte, zumal DiMeo naturgemäß ganz anders singt als Rob Halford. Der Riot-Vokalist liefert abermals eine gute Leistung ab und steht nur vor dem kleinen Problem, dass sein ganz leicht bluesiger Vokaltouch in den hardrockigeren Nummern seine Entsprechung findet, und das sind diesmal die etwas schwächeren des Albums – nichts richtig Durchfallendes natürlich, aber eher unauffällig, egal ob „Wounded Heart“, „Blood Of The English“ oder das noch am ehesten zupackende „Holy Land“. In „Shenandoah“ hingegen macht der Vokalist, was die stilistische Ausrichtung angeht, eine gute Figur, und so bleibt in der Gesamtbetrachtung unter den 13 Songs ausgerechnet „Out In The Fields“ als am wenigsten überzeugende Nummer.
Die 1996er Euro-Pressung hatte in einer Special Edition als Bonus-CD noch Live In Japan enthalten, aber da die in der Metal-Blade-Digisleeve-Re-Release-Serie ja als gesonderte Scheibe erschienen ist, war von vornherein nicht damit zu rechnen, dass The Brethren Of The Long House in ebenjenem Re-Release analog ausgestattet wäre. Statt dessen gibt es aber noch einen vierzehnten Song, „Sailor“, der auch auf der 1999er US-Pressung enthalten war – gleichfalls eine Halbballade, aufwartend mit Akkordeon, Mandoline und weiteren Zutaten, die eine gewöhnungsbedürftige und auch nach etlichen Durchläufen nicht so richtig zünden wollende, wenngleich durchaus gute Ideen aufweisende und zumindest im Hauptsolo wieder ein Grinsen ins Gesicht zaubernde Mixtur ergeben. Angaben zu den Komponisten macht der Digipack nicht, auch hatte der Text keinen Platz mehr auf der dafür bestimmten Seite des Posterbooklets, aber es scheint sich um eine Eigenkomposition zu handeln. Zwar wäre man rein musikalisch wohl auch ohne sie glücklich geworden, aber vielleicht findet auch sie ihre Liebhaber, und in editorischer Hinsicht gehört sie natürlich auf die Scheibe. Was freilich generell auffällt, ist die etwas matte Produktion von The Brethren Of The Long House, die es in puncto Klarheit und Druck keinesfalls mit beispielsweise The Privilege Of Power oder auch Nightbreaker aufnehmen kann. Das Klanggewand ist nicht per se schlecht, aber man hat irgendwie immer das Gefühl, als hinge ein Vorhang vor den Boxen. So wird der knapp 66minütige Silberling zu einem guten, aber nicht weltbewegenden Werk, das freilich mit seinen ungewöhnlichen, teils storyimmanenten Elementen einen experimentierfreudigen Eindruck hinterläßt, ohne die Basis des Bandsounds zu gefährden, so dass alle, die den Ansatz von The Privilege Of Power mochten, auch denjenigen von The Brethren Of The Long House zu schätzen wissen könnten.



Roland Ludwig

Trackliste

1The Last Of The Mohicans - Elk Hunt (Intro)1:41
2 Glory Calling5:12
3 Rolling Thunder3:56
4 Rain4:58
5 Wounded Heart (The Betrayal Of King Phillip)3:56
6 The Brethren Of The Long House5:23
7 Out In The Fields4:03
8 Santa Maria3:50
9 Blood Of The English5:49
10 Ghost Dance5:14
11 Shenandoah4:18
12 Holy Land5:25
13 The Last Of The Mohicans - Elk Hunt (Mohicans Reprise)5:46
14 Sailor6:16

Besetzung

Mike DiMeo (Voc)
Mark Reale (Git)
Mike Flyntz (Git)
Pete Perez (B)
John Macaluso (Dr)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger