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Reviews

Patrick Gläser

Orgel rockt – Tour 4: Die Live-CD 2016/2017


Info

Musikrichtung: Orgelmusik

VÖ: 13.12.2018

(Soundmanufaktur)

Gesamtspielzeit: 70:10

Internet:

http://www.orgel-rockt.de, www.soundmanufaktur.de

Dass man mit einer Kirchenorgel weit mehr als nur gottesdienstliche Choralbegleitung oder für dieses Instrument original gedachte Stücke vom kleinen Präludium eines Bachschülers bis zum riesigen spätromantischen Reger-Schinken spielen kann, beweist Patrick Gläser den staunenden Zweiflern nun schon fast eine Dekade lang. Orgel rockt heißt sein Projekt, mit dem der Mann aus Öhringen in Baden-Württemberg außer seiner Heimatgemeinde mittlerweile auch zahlreiche Menschen in ganz Deutschland und darüber hinaus überzeugt hat. Konkret bedeutet das, dass Gläser Rock- und Popsongs sowie Filmmusik hernimmt und sie auf eine Kirchenorgel überträgt – ein Prinzip, das aufgrund der Tatsache, dass die Orgel ja quasi ein Orchester im Kleinen darstellt und alle möglichen und unmöglichen Klangfarben aus Bläsern und Streichern nachbildet, grundsätzlich funktionieren kann, freilich einiges an Können, aber auch an Kreativität, Einfallsreichtum und Improvisationsvermögen erfordert. Über diese Tugenden verfügt Gläser in hohem Maße, wie er auf den Orgel rockt-CDs 1 bis 3 bereits unter Beweis gestellt hat – diese bilden jeweils ein Tourprogramm ab, und wer sich für Details interessiert, findet auf www.crossover-netzwerk.de die ausführlichen Rezensionen dazu. Ebendort steht auch eine über Gläsers Konzert am 19.8.2016 in Hartha – das war des Rezensenten erstes Konzerterlebnis des Projektes, und dort erklang das vierte Tourprogramm, das mit etwas Verspätung nun gleichfalls den Weg auf Silberling gefunden hat.
Wer Orgel rockt von Beginn an verfolgt hat, dem fällt auf, dass der Anteil an Filmmusik schrittweise etwas zurückgegangen ist – unter den 19 Stücken der vierten CD findet sich nur noch zweimal Stoff aus dieser Sparte: „Game Of Thrones“ und „Skyfall“. „Reine“ Orgelstücke, also solche, die von vornherein bereits als solche angelegt waren, gibt es bereits seit der zweiten Tour gar keine mehr, nachdem im ersten Programm beispielsweise Leon Boëllmanns Toccata c-Moll aus der „Suite Gothique“ eingeflochten worden war. Das mag den Liebhaber solchen Stoffs ein wenig betrüben, aber er wird dafür anderweitig reichlich entschädigt. Wie schon bei CD 2 und 3 handelt es sich auch diesmal wieder um keinen Mitschnitt nur eines Konzertes, sondern eine Zusammenstellung aus einer größeren Zahl von Kirchenräumen, konkret nun allerdings nur noch sechs. Aber auch die genügt problemlos, um dem Hörer zu verdeutlichen, wie der Organist äußerst geschickt die jeweiligen Stärken des Instruments einsetzt, um bestimmte Wirkungen in den Stücken zu erzeugen – dieses Gefühl entgeht logischerweise dem Besucher nur eines einzelnen Konzertes, da jede Orgel zwar über eine Vielzahl, aber eben doch eine begrenzte Anzahl von Klangfarben verfügt, so dass das eingangs erwähnte Improvisationsvermögen und die Fähigkeit des Organisten, auch bei einem ihm bisher noch unbekannten Instrument schnell ergründen zu können, wie man dessen Stärken herauskitzelt und welche man in welchen Stücken wie einsetzen kann, hier besonders wichtig ist. Interessanterweise liegen von den sechs Kirchen, die auf CD 4 mitschnittseitig vertreten sind, gleich drei in Bayern (okay, zwei davon in Franken), dazu kommen Eschweiler bei Aachen, Schönheide im Erzgebirge und Lund in Schweden. Die sechs Instrumente sind im Booklet auch abgebildet, allerdings leider ohne Nennung, in welcher Kirche sie denn stehen. Das ist bei Röthenbach an der Pegnitz oder Schönheide nicht schwer zu ergründen, aber bei München steht man dann doch arg hilflos da und kann lediglich versuchen, in den alten Tourprogrammen nachzuschauen, welche Münchener Kirchen bespielt worden sind, und dann anhand des Bildes auf vergleichende Suche gehen. Das war in den vorherigen Booklets besser gelöst und sollte auch in folgenden CDs besser gelöst werden, am besten auch mit konkreten Angaben, welcher Track von welcher Orgel stammt – das erlaubt nochmals interessante Analysen über die Klangeigenschaften jedes Instrumentes, eben die Ermittlung des Charakters jeder Orgel, von dem Gläser in seinen Liner Notes schreibt. Gerade in „Schattenzeiten“ beispielsweise glaubt man ein Instrument in einem riesigen Klangraum zu hören, ausgestattet mit entsprechend powervollem Unterbau, und man wüßte dann doch gerne, ob man mit der Vermutung, dass das z.B. im zu erahnenden riesigen Raum von Lund an Schwedens größter Kirchenorgel aufgenommen wurde oder einem die Wahrnehmung einen Strich gespielt hat und man statt dessen den recht kleinen Raum in Röthenbach hört.
Besagtes „Schattenzeiten“ ist eine von drei Eigenkompositionen Gläsers im Programm – die zweite, „Spirits“, bildet mittlerweile einen relativ festen Bestandteil in den sonst im Prinzip komplett wechselnden Tourprogrammen, und die dritte fällt strukturell auch aus dem Rahmen: In „Geh deinen Weg“ spielt Gläser nicht nur Orgel, sondern singt auch noch – das tat er in Hartha auch live, für die Konserve wurde der Gesang aber im Studio hinzugefügt, weil das adäquate Livemitschneiden einen recht großen technischen Aufwand bedeutet hätte. Mit „Mary Did You Know“ ist noch ein zweites Gesangsstück dabei, und Gläser singt mit einer sehr angenehmen weichen, aber bedarfsweise durchaus mit forderndem Unterton ausgestatteten hohen Bariton- oder tiefen Tenorstimme. Die anderen siebzehn Stücke bleiben rein instrumental, lassen aber an Vielfarbigkeit wenig zu wünschen übrig, sowohl im Vergleich untereinander als auch schon innerhalb der einzelnen Stücke selbst. Man nehme nur mal Bryan Adams‘ „Summer Of 69“ her, wo vom ultratiefen schnarrenden Baßregister bis zum strahlenden Prinzipal die komplette Palette zum Einsatz kommt. Auch „Game Of Thrones“ nutzt das ganze Spektrum lustvoll aus, und „Auf uns“ darf trotz vielleicht einen Deut zu hohen Tempos in puncto Dynamikentwicklung durchaus als lehrbuchreif bezeichnet werden, während andere Stücke sich eher auf kleinere Variationen ähnlicher Klangfarben konzentrieren, etwa Udo Lindenbergs „Horizont“. Für die Tourkonzerte in Sachsen und Thüringen hat Gläser mit Karussells „Als ich fortging“ und Karats „Über sieben Brücken“ extra zwei Ostrocktitel einstudiert, und da Schönheide die einzige der sechs CD-Orgeln ist, die in einem dieser Bundesländer steht (ein Instrument der in Dresden ansässigen Firma Jehmlich hinter dem Prospekt der Vorgängerorgel aus der vogtländischen Trampeli-Dynastie), dürfte davon auszugehen sein, dass die Mitschnitte von dort stammen – es sei denn, Gläser hat die Songs später auch noch an anderen Tourstationen gespielt, was speziell bei der Karat-Nummer durchaus nicht unlogisch wäre, kennt der durchschnittliche Altbundesbürger diese anhand der Coverversion von Peter Maffay doch auch. Ansonsten geht’s, wie ein Blick auf die Tracklist der CD oder ins Hartha-Livereview zeigt, bunt durch die Rock- und Popwelt der letzten vier Dekaden mit Earth Wind & Fires „Fantasy“ als ältestem Beitrag, das auf die beiden in puncto Instrumentationsspannweite schon recht archetypisch Modell stehenden Opener „Jump“ (Van Halen) und „Viva La Vida“ (Coldplay) folgt. Im Schlußblock finden wir dann neben „Skyfall“ und der alten Disconummer „I Will Survive“, in der Gläser die Orgel klanglich tatsächlich zum Hüpfen und Hopsen bringt (was aus spieltechnischen Gründen enorm schwierig umzusetzen ist), noch zwei Rockklassiker, die die jeweiligen Instrumente an ihre Grenzen führen, aber gerade dadurch ihre markante Wirkung gewinnen: Europes „Final Countdown“ erfordert einige Durchläufe, um den Übergang ins original von John Norum auf der Gitarre gespielte Solo nicht als totalen Klangbruch zu empfinden, wobei allerdings auch hier wie schon in Hartha für die Keyboardfanfare ein noch geringfügig strahlenderer Prinzipal wünschenswert gewesen wäre (der kommt dann erst für die Gesangsmelodie der zweiten Strophe zum Einsatz), und Queens „Bohemian Rhapsody“ ist schon im Original so sinfonisch gedacht, dass eine Umsetzung auf Orgelverhältnisse nur logisch erscheint. Gläser entledigt sich dieser Aufgabe kongenial (man höre mal auf die ebenso winzigen wie witzigen Tempovariationen nach Minute 2:30!), und auch wenn nicht alle Stücke jene immens hohe Qualität erreichen, so lohnt doch CD 4 als Ganzes den Erwerb ebenso wie ihre drei Vorgänger. Wer vorher als „Test“ ein Livekonzert miterleben möchte, hat dazu reichlich Gelegenheit – freilich nicht mit dem Programm zu Tour 4: Die ist abgeschlossen, und aktuell ist Gläser mit Tour 5 unterwegs. Aber für einen grundlegenden Eindruck zum Projekt eignet sich diese natürlich auch.



Roland Ludwig

Trackliste

1Jump2:50
2 Viva La Vida4:15
3 Fantasy3:47
4 Horizont4:25
5 Game Of Thrones3:40
6 Kiss From A Rose4:45
7 Geh deinen Weg3:18
8 Schattenzeiten2:30
9 Mary Did You Know4:01
10 Summer Of 693:17
11 Flash mich2:38
12 Auf uns3:55
13 Spirits2:01
14 Als ich fortging3:12
15 Über sieben Brücken3:34
16 Final Countdown4:27
17 I Will Survive2:52
18 Skyfall5:09
19 Bohemian Rhapsody5:28

Besetzung

Patrick Gläser (Org, Voc)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger