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Reviews

Michy Reincke

?!


Info

Musikrichtung: Deutsch Pop-Rock/Songwriter

VÖ: 30.11.2018

(Rintintin)

Gesamtspielzeit: 52:01

Internet:

http://www.michyreincke.de/
http://rintintinmusik.de/index.html
http://www.presse-peter.de/

?!, wieso denn das? Darum! So könnte das zu Michy Reincke passen, der hiermit sein dreizehntes Album vorlegt. Doch genau erfahren wir es durch sein Selbstinterview, ich zitiere hiermit:
Das neue Album ist fertig. Es ist sehr gut geworden & heißt „? !“ Frage: „? !“. Ist das nicht ein seltsamer Name für ein Album? Antwort: Ich bin froh, dass Sie das fragen. Die Antwort ist nein! Es ist ein geeignetes Symbol vor der Unschärfe der Welt. Es sagt: Bleib interessiert, hinterfrage die Dinge! Was sind die wichtigen Fragen? Manche Menschen kennen die Antwort & können trotzdem nicht anders. Das hat mich immer fasziniert.

Auf der Suche nach einem Line-up wird man nicht fündig werden, denn der Musiker hat sein Album komplett im Alleingang eingespielt. Reincke hierzu: Ich habe z.B. aktuell darauf verzichtet meine Musiker zu beschäftigen, weil es mir nicht möglich gewesen wäre sie angemessen zu entgelten. Tja & deshalb habe ich alles selbst gespielt. Und seien wir ehrlich. Es gibt bessere Sänger. Keine Frage. Tasteninstrumentalisten. Sicher. Virtuosere Gitarrenspieler, klar. Bassisten. Natürlich. Und auch Leute, die Schlagzeug-Geräusche aufnehmen, editieren & programmieren können.

Bis auf einen Song hat der Musiker erneut alles selbst komponiert und getextet. Bei “U-Boot-Mädchen“ variierte er das Thema aus dem Andantino des Wolfgang Amadeus Mozart-Konzertes für Flöte und Harfe (C-Dur, K.299:II.). Monatelang soll Reincke an der Aufnahme des Albums gearbeitet haben, bis das Ergebnis stand, dabei ein Ergebnis, dass zunächst überrascht, weil es teilweise anders klingt als alle anderen Platten. Stilistisch sicher nicht, finden wir erneut eine gelungene und typische Mischung aus Singer/Songwriter-Elementen über Funk, Pop hin zu vom Chanson geprägten Songs.

Nur – das Schlagzeug, ja, das „schockt“ eigentlich sofort beim ersten Song. Wie Michy ja selbst bemerkte, gibt es Leute, die Schlagzeuge besser aufnehmen, editieren und programmieren können. Das mag stimmen, doch sehe ich das Problem bei einigen Songs eher darin begründet, dass das Schlagzeug einfach zu sehr in den Vordergrund gemischt wurde und somit den Hörer sofort darauf fixiert, es lenkt also sehr ab und drängt Wesentliches in den Hintergrund. Dadurch wirkt so manches Stück statisch und wenig elastisch, etwas, was früheren Aufnahmen des Musikers eigentlich gemein war. Leider limitiert er seine Songs dann damit selber. Doch betrifft das einerseits nicht alle Titel und andererseits bleibt die Qualität der Texte, der Musik allgemein und der unvergleichlichen individuellen Atmosphäre davon unberührt.

Denn da ist Michy Reincke abermals ein Volltreffer gelungen. Wenngleich sich bei dem einen oder anderen Song Assoziationen zu früheren Titeln einstellen, bleibt es dabei, dass der Künstler wie selbstverständlich mit Worten umgeht, sie zu teils ungewöhnlichen Sätzen fügt, mit Aussagen, die bedeutungsschwanger und tiefgründig zum Denken anregen, und zum wiederholten Anhören zwingen, denn während man über die eine oder andere Zeile noch nachdenkt, läuft die Platte ja bereits weiter. Hier muss ich mich einmal selbst zitieren, hatte ich in der Rezension zu “Sie haben den Falschen“ festgestellt: Hier wird nicht nur einfach dumpf gereimt, hier werden Sätze in den Raum geworfen, die zu denken geben, über die man erst einmal nachdenken muss, bis man begreift, dass Tiefe existiert, aber nicht konstruiert, sondern aus offensichtlich echter Erfahrung heraus und mit Charisma und Charakter vorgetragen, manchmal auch augenzwinkernd.

Ob es nun relativ grundsätzliche Aussagen sind wie: Liebe ist für jeden etwas anderes. Wenn es mich glücklich macht, braucht es für dich nicht dasselbe zu sein. oder philosophisch angelegte wie Dein Karussell trägt mich aus der Kurve, durch den Wind & wird den Stachel tiefer treiben, stets sind die Texte von einem hohem Niveau geprägt, in der heutigen deutschsprachigen Musik bereits eine Seltenheit.

Musikalische Ausprägungen sind auch vielfältig und auch Raum für Assoziationen wird geboten. “Lola meint“ – der Beginn trägt gleich zwei davon – “We Will Rock You“ (Queen) und “Kiss“ (Prince). „Gib mir einen Grund zu bleiben“ ist das „Jazz-Stück“ der Platte, hier wurden die Schlagzeugbesen gut programmiert (oder ist das gar selbst gespielt?) und die Phrasierungen swingen leichtgängig dahin. Nicht auf jeden Song der Platte will ich explizit eingehen, und so beschränke ich mich auf persönliche Eindrücke und Vorlieben. Besonders berührt mich die heitere Stimmung von „Verwandte der Sonne“, „Der Mond, mein Freund aus Silber“ mit seinem melancholischen Charme, „Die Erfindung der Welt“, weil dieser Song so locker und leichtgängig swingt, und ganz viel vom typischen Reincke-Sound in sich trägt, auch mit dem gewissen augenzwinkernden Humor, wenn man bei 1:18 ein Schaf blöken hört, „U-Boot-Mädchen“, und das nicht nur wegen Mozart, sondern weil es einfach ganz schön und verträumt ist. Ach ja, noch einmal zu „Die Erfindung der Welt“ – da bin ich gedanklich ganz schnell bei Bob Dylan und seinem Song “I Want You“, die beiden Songs könnten Brüder sein. Dann gibt es noch die feine Stimmung der „Sonnenblumenfelder“, einschließlich eingebundener Naturgeräusche, ja, das ist sehr stimmungsvoll eingefangen worden. Mit Vogelzwitschern und sonstigem Gesumme geht es nahtlos über in „Coda“, also - den angehängten, ausklingenden Teil einer musikalischen Bedeutungseinheit. Diese Bedeutungseinheit trifft sicher auf die ganze Platte zu, denn bedeutungsvoll ist sie allemal, trotz meiner kritischen Anmerkung zum Schlagzeugsound…

Wenn man genauer zuhört, dann wird man die nuancenreiche Arbeit der Umsetzung von Ideen in den Arrangements bemerken, oft sind es kleine Momente, die wie zufällig eingeworfen werden, und zur feinfühligen Ausschmückung beitragen. Wie schon so oft, schwingt durch die Musik der ganzen Platte eine ganz große Welle von Melancholie, manchmal auch mit sehnsüchtigen Aspekten gespickt, vielleicht auch das eine oder andere Mal ein Hauch von Traurigkeit. Genau das trägt dazu bei, dass man sich schnell identifizieren kann mit dem einen oder anderen Song, und zur Verbundenheit mit dem Musiker führt.



Wolfgang Giese

Trackliste

1 Woher hast Du diese Frau eigentlich genau?
2 Verwandte der Sonne
3 Lola meint
4 Gib mir einen Grund zu bleiben
5 Der Mond, mein Freund aus Silber
6 Frei von all dem
7 Toben
8 Die Erfindung der Welt
9 U-Boot-Mädchen
10 Alle Straßen leuchten
11 Worte
12 Te Quiero Mi Vida
13 Sonnenblumenfelder
14 Coda

Besetzung

Michy Reincke (Gesang, Texte, Kompositionen, Arrangements, Instrumente, Produktion, Klänge, Programmierungen, Ton & Mix)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger