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Reviews

Tarja

From Spirits And Ghosts – Score For A Dark Christmas


Info

Musikrichtung: Gothic / Neoklassik

VÖ: 17.11.2017

(ear music / Edel)

Gesamtspielzeit: 49:33

Internet:

http://www.ear-music.net
http://www.tarjaturunen.com

Dass eine klassisch ausgebildete Sängerin mit traditionellem Advents- und Weihnachtsliedrepertoire klarkommt, sollte selbstverständlich sein, und Tarja Turunen hat das ja auch bereits mehrfach bewiesen, sowohl auf Tonkonserve als auch live. Für From Spirits And Ghosts (oder From Spirits & Ghosts – erstere Variante steht auf dem Cover, zweitere auf dem Rücken des Digipacks) besitzt diese Feststellung allerdings erstmal keine Relevanz, denn wie der Untertitel schon andeutet, haben wir es hier keineswegs mit einer gewöhnlichen Weihnachtsplatte zu tun, obwohl einen bei einem Blick auf die Tracklist zehn bekannte Titel anschauen und nur „Pie Jesu“ und „Together“ auf den ersten Blick nicht dem hergebrachten Weihnachtsrepertoire zuordenbar sind.
Der Hase oder die Weihnachtsgans liegt bei den Arrangements im Pfeffer und macht die knapp 50 Minuten zunächst mal originell – zumindest dem Rezensenten ist keine auch nur ansatzweise ähnlich konzipierte Scheibe bekannt, wobei er sich im Gothic-Areal allerdings nicht gut genug auskennt, um diese Aussage mit tiefgehendem Wissen verabsolutieren zu können. Metal-oder Punk-Weihnachtsplatten besitzen üblicherweise eher einen parodistischen Hintergrund, das Trans-Siberian Orchestra verändert die Originalstimmungen im Regelfall ebenfalls nicht grundlegend, wenngleich durch Einbeziehung düsterer Thematiken wie den Sarajevo-Geschichten von Savatage zumindest hier und da die nicht so harmonischen Seiten des Festes der Liebe beleuchtet werden. Letztgenannten Pfad geht Tarja nun konsequent weiter und hat gleich ein Gesamtkunstwerk erschaffen, indem zum Projekt From Spirits And Ghosts auch noch eine Graphic Novel gehört, die dem Rezensenten allerdings nicht vorliegt, so dass sich seine Analyse ausschließlich auf die CD bezieht.
Die braucht partiell einiges an Zeit, um ihre Reize zu entfalten, zumal die beiden stärksten Beiträge in der hinteren Albumhälfte stehen. Wäre die Grundstimmung der Arrangements nicht so düster, könnte man an einigen Stellen von entschleunigender Wirkung sprechen, aber so ist die Scheibe nun ganz und gar nicht gemeint. An Instrumenten kommen ausschließlich Keyboards, Konservenorchester und ein Cello zum Einsatz, dazu tritt Tarjas Gesang, der die originalen Melodielinien zwar nicht selten reproduziert, sie aber in einen harmonisch völlig anders gepolten Kosmos überführt. Das hat nicht selten etwas Dekonstruktivistisches und findet seinen Höhepunkt im einzigen deutschsprachigen Beitrag der Scheibe, der zugleich eines der beiden genannten Highlights darstellt: „O Tannenbaum“ wird in ein finsteres Mollkleid gehüllt (man erinnere sich, dass im Originaltext das lyrische Ich die Untreue des Partners beklagt) und entwickelt sich über einen sehr zurückgenommenen Strophenteil bis in einen finster-bombastischen Orchesterhauptteil, dessen ultratiefem Baßposaunengeknarze die Mauern Jerichos keine Minute standgehalten hätten. Unmittelbar davor hat „Amazing Grace“ mit einer ähnlichen Herangehensweise, allerdings einem „neutraleren“ Orchesterhauptteil bereits den Weg gebahnt, aber das Tannenbaumlied greift zudem auch noch das Element eines psychedelisch wirkenden Glockenspiels auf, das bereits zuvor in „We Three Kings“ für abseitige Stimmungen gesorgt hatte, und ergibt damit ein ganz besonderes Kunstwerk, das mit Worten kaum adäquat zu beschreiben ist. „Pie Jesu“ stellt sich übrigens als Werk von Andrew Lloyd Webber heraus, und „Together“ ist die einzige Eigenkomposition auf der Scheibe und könnte auch auf Left In The Dark stehen, dem Alternativalbum der vorletzten Tarja-Scheibe, das in der Veröffentlichung der dortigen Demofassungen auch schon einen gewissen, dort freilich retrospektiven dekonstruktivistischen Ansatz aufwies, den From Spirits And Ghosts nun in die andere Richtung entwickelt und zudem konsequent auf die Spitze treibt, wobei es freilich die Songs selbst durch die erwähnte Übernahme von Text und Melodie erkennbar hält und nicht alles in seine Einzelteile zerhackt. Der Rezensent pflegt einen solchen Ansatz bisweilen selbst, wenn er sich morgens im Auto auf dem Weg zur Arbeit den Spaß gönnt, „Es ist für uns eine Zeit angekommen“ in Moll zu singen, aber bei Tarja hat das natürlich viel mehr Substanz als bei ihm, wenn sich „Have Yourself A Merry Little Christmas“ mühsam durch die Botanik schleppt und zugleich den Weg für das andere große Highlight bereitet – den Closer „We Wish You A Merry Christmas“, dessen fahl-düsteres, schleppendes und sinistres Arrangement in skurrilstem Kontrast zum Text steht und die ganze Widersprüchlichkeit der heutigen vielerorts anzutreffenden Ausprägung des Weihnachtsfestes als Fest des Konsums und des Vergessens der nicht an selbigem Teilhabenden zum Ausdruck bringt, wie es die altgedienten erzgebirgischen Rocker Gideon schon vor Jahrzehnten in ihrem Klassiker „Heiligabend“ angerissen hatten. Tarja und ihr kreativer Partner Jim Dooley, der die komplette Instrumentierung verantwortet, außer dem Klavier in „Together“ (das steuerte Tarja selbst bei) und dem Cello (das spielte Peter Gregson), gehen zwei Schritte weiter und haben ein mehr als ungewöhnliches Album erschaffen, das freilich polarisiert: Bei metal-archives.com ist zum Rezensionszeitpunkt nur ein Review gepostet, und das hat eine Wertung von 5% - und es erscheint leicht vorstellbar, dass sich so mancher Hörer nicht die Zeit nehmen wird, die knapp 50 Minuten zu erschließen, während manch anderer das auch gar nicht wollen wird, vielleicht den Umgang mit den Songs als Sakrileg empfindet, gar als noch sakrilegiger als die Parodieplatten von Onkel Tom oder den Roten Rosen. Dieser Personenkreis wird also wohl auch in Zukunft Peter Schreier singt Weihnachtslieder, Weihnachten in Familie oder das Trans-Siberian Orchestra auflegen und ist damit auch besser bedient. Wer aber beispielsweise Virgin Black schätzt oder auch Tuomas Holopainens Imaginaerum-Soundtrack (nicht das Studioalbum!), könnte einen musikalischen Zugang zu From Spirits And Ghosts finden, während der gesellschaftliche Zugang wohl erst in einigen Jahrzehnten größere Verbreitung finden wird.
Bleibt die Frage nach der Punktwertung, die in der Tat extrem schwierig zu beantworten ist. Dass das Ganze kompetent eingespielt wurde, davon war auszugehen (interessanterweise fanden die Aufnahmen in einem Studio auf den Antillen statt, also in einem Areal quasi ewigen Sommers), ebenso von einer starken Gesangsleistung Tarjas, auch wenn die Chanteuse sich themengemäß hier ziemlich stark zurücknimmt und bisweilen fast flüstert, während strahlende Sopranlagen selbstverständlich außen vor bleiben. Zählt man den Originalitätsfaktor hinzu, bleibt eigentlich nur eine sehr hohe Wertung übrig, die aber die Einschränkung erfahren muß, dass die Wertung selten so stark vom Geschmack und der persönlichen Prägung des Hörers (und speziell dessen Einstellung zum Weihnachtsfest in Theorie und Praxis) abhängt wie hier. Der Rezensent braucht allerdings nach jedem Durchlauf der Scheibe als nächstes was Fröhliches, also kommt jetzt Mundo Gris von Eternian dran (gestern war die Wahl auf Tales Of A Tragic Kingdom von Supreme Majesty gefallen). Und ob man die CD auch zu anderen Zeiten des Jahres in den Player wirft, ist noch eine ganz andere Frage. Aber es gibt ja auch Menschen, die das WO am liebsten im August hören.



Roland Ludwig

Trackliste

1O Come, O Come, Emmanuel4:56
2 Together3:21
3 We Three Kings3:54
4 Deck The Halls2:44
5 Pie Jesu3:28
6 Amazing Grace4:42
7 O Tannenbaum3:37
8 Have Yourself A Merry Little Christmas3:40
9 God Rest Ye Merry Gentlemen4:13
10 Feliz Navidad5:48
11 What Child Is This4:55
12 We Wish You A Merry Christmas4:07

Besetzung

Tarja Turunen (Voc, Keys)
Jim Dooley (Keys, Programming)
Peter Gregson (Vc)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger