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Reviews

Miles Davis & John Coltrane

The Final Tour, The Bootleg Series, Vol.6


Info

Musikrichtung: Jazz

VÖ: 23.03.2018

(Legacy/Sony)

Gesamtspielzeit: 220:56

Internet:

https://www.milesdavis.com/
https://www.johncoltrane.com/
https://www.legacyrecordings.com/
http://www.promo-team.de/


Für Freunde der Musik von Miles Davis und seiner jeweiligen Mitmusiker ist diese Serie ein Gewinn und ein Hochgenuss gleichermaßen. Nach erfolgreichen fünf Folgen der Reihe The Bootleg Series ist nun Volume 6 erschienen. Dieses Mal liegt der Fokus auf The Final Tour. Final daher, weil es die letzte gemeinsame Tournee von Miles Davis und John Coltrane war. Auf einem vier CDs umfassenden Box-Set sind fünf Live-Mitschnitte versammelt, die während der “Jazz At The Philharmonic European Tour“ im Frühjahr 1960 entstanden. Zu hören sind zwei Shows aus dem L’Olympia in Paris (aufgenommen am 21. März), zwei Gigs aus dem Stockholmer Konserthuset (22. März) sowie ein Mitschnitt aus dem Tivolis Koncertsal, entstanden am 23. März. Darüber hinaus bietet diese Ausgabe noch ein Interview, das Carl-Erik Lindgren mit John Coltrane führte.

Allen Zuhörern/innen dürfte noch das grandiose Album “Kind Of Blue“ gewesen sein, mit dessen Mannschaft man unterwegs war, allerdings ohne Bill Evans und Cannonball Adderley. Doch wer sich mittlerweile vielleicht bereits mit der neuen Ausrichtung des Trompeters angefreundet hatte, der modalen und recht ruhigen Spielweise, dürfte live oft eines Besseren belehrt worden sein, war letztlich doch auch Coltrane der „Störenfried“ mit seinen wilden Exkursionen. Gleich auf der ersten CD, mit den französischen Einspielungen, setzte er mit seinem expressiven Solo auf “All Of You“ Akzente. Auch das auf “Kind Of Blue“ so sehr ruhig angelegte “So What“ wurde bei allen Aufnahmen kräftig im Tempo angezogen und ließ allen Solisten infolge der jeweiligen Länge viel Spielraum für Improvisation, die Coltrane reichlich nutzte, und dabei schien er die übrigen Mitspieler oft mitzureißen, und dabei lieferte der Pianist Wynton Kelly eindrucksvolle Soli ab, die Rhythmus-Sektion schnurrte nicht nur wie ein Uhrwerk, sondern warf auch oft eigene Statements ein, Jimmy Cobb am Schlagzeug tat sich hier besonders kreativ hervor mit seinen gelegentlichen Einwürfen.

Sogar Davis schien sich inspirieren zu lassen von dieser heißen Atmosphäre und so cool er auch klang, so stürmisch wurde auch er mitunter. Klar, das war sicher eine Art „Konkurrenzsituation“, denn neben Coltrane mit seiner neuen, bereits stärker in die Zukunft orientierten Spielweise musste er sich behaupten. Doch gerade aus dieser Reibung erwuchs eine Atmosphäre, die von oft prickelnder Spannung erfüllt war, und die Gegensätze schufen somit eine kreative Spielwiese für Alle. Coltrane spielte seinerzeit sehr schnell, dachte nicht mehr an das Spiel einzelner Noten, sondern dachte in Gruppen von Noten, für Einige vielleicht gar schon avantgardistisch, und so fragte der Interviewer ihn damals auch, ob er wütend sei. Coltrane antwortete: “No, I don’t. I was talking to a fellow the other day, and I told him, the reason I play so many sounds, maybe it sounds angry, I’m trying so many things at one time. I haven’t sorted them out”. Ja, er war in einer neuen Phase der Entwicklung und auf der Suche. Des Weiteren wird der Saxofonist zu seinen Lieblingsalben befragt sowie zur Zusammenarbeit mit Davis, und erklärt, dass er viel Freiheit in dieser Besetzung genieße. Als persönliches Vorbild unter Kollegen nannte er Sonny Rollins und Dexter Gordon.

Auf jeden Fall ist es begrüßenswert, dass diese Aufnahmen endlich offiziell, in einer sehr guten Klangqualität, zu erhalten sind, so dass bisherige echte Bootlegs endlich eingemottet werden können. Wir können anhand der verschiedenen Versionen gleicher Titel nachvollziehen, wie die Band untereinander interaktiv tätig wurde und wie unterschiedlich wahrscheinlich auch auf Reaktionen des Publikums reagiert wurde. Es ist eine wahre Freude, mit anzuhören, wie die Solisten auf diesem treibenden Fundament ihre Soli entwickeln, und wie stark spontane Einfälle mit einfließen und so die jeweiligen Improvisationen auf gleichen Stücken so immer unterschiedlich wirken, das ist Jazz auf höchstem Niveau, für viele Liebhaber von Miles Davis mag diese Phase auch ein Höhepunkt im Schaffen des Trompeters darstellen, für mich persönlich war diese Besetzung die beste, von rein emotionalen Gesichtspunkten betrachtet. Hier kann man mitfliegen auf der nicht abebbenden Energie des Ensembles.



Wolfgang Giese

Trackliste

CD 1

Olympia Theatre, Paris – March 21, 1960
First Concert
1 All of You
2 So What
3 On Green Dolphin Street
Second Concert
4 Walkin'

CD 2

Olympia Theatre, Paris – March 21, 1960 (second concert continued)
1 Bye Bye Blackbird
2 'Round Midnight
3 Oleo
4 The Theme
Tivoli Kosertsal, Copenhagen – March 24, 1960
5 Introduction
6 So What
7 On Green Dolphin Street
8 All Blues
9 The Theme (incomplete)

CD 3

Koncerthuset, Stockholm – March 22, 1960 (first concert)
1 Introduction by Norman Granz
2 So What
3 Fran Dance
4 Walkin'
5 The Theme

CD 4

Koncerthuset, Stockholm – March 22, 1960 (second concert)
1 So What
2 On Green Dolphin Street
3 All Blues
4 The Theme
5 John Coltrane interview by Carl-Erik Lindgren

Besetzung

Miles Davis (trumpet)
John Coltrane (tenor saxophone)
Wynton Kelly (piano)
Paul Chambers (bass)
Jimmy Cobb (drums)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger