····· „Ultraviolet“ ist die neue Single von Freya Ridings ····· Feuerschwanz gehen in der zweiten Jahreshälfte mit neuem Album auf Tour ····· Nach mehr als zehn Jahren erscheint in Juni ein neues Album von U96 ····· Details zum kommenden 25. Uriah Heep-Studio-Album ····· milou & flint besingen die "Schwalben im Mai" ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Reviews

Manuel Schmid

Seelenparadies


Info

Musikrichtung: Poprock

VÖ: 07.2016

(A&O Records / Edel)

Gesamtspielzeit: 47:10

Internet:

http://www.manuel-schmid.com
http://www.ao-records.com

„Sänger von STERN-COMBO MEISSEN“ prangt als Sticker-Imitation auf dem Cover von Seelenparadies, Manuel Schmids zweitem Soloalbum. Das ist im promotionalen Sinne natürlich nützlich, gleichzeitig allerdings auch gefährlich, da man einerseits damit hohe Erwartungshaltungen weckt, andererseits sowohl diejenigen Hörer, die eine konsequente Orientierung am Stern-Combo-Sound (wobei noch zu definieren wäre, welcher denn gemeint sei – Weißes Gold und Stundenschlag etwa unterscheiden sich deutlich voneinander) präferieren, als auch diejenigen, die etwas komplett anderes hören möchten, sich vor den Kopf gestoßen fühlen könnten. Schmid setzt sich mit Seelenparadies nämlich bewußt zwischen sämtliche Stühle.
Klar, die Stern-Combo-Parallelen sind allein aufgrund der Stimme da – wer sie einmal (und vor allem primär) in diesem Kontext gehört hat, ordnet sie auch im weiteren Schaffen fast automatisch in eine bestimmte Schublade ein. Schmid stellt sich der Herausforderung aber auch in anderer Weise: Zusammen mit Anna-Marlene Bicking (ja, die Tochter des Ostrockern sicher noch bekannten Andreas Bicking) hat er den SCM-Klassiker „Also was soll aus mir werden“ in einer mit dem Original nur noch den Text und einzelne Melodie- bzw. Strukturfragmente gemeinsam habenden neuen Fassung eingespielt, die viele Altfans wohl eher ratlos zurücklassen wird, bei häufigerem Hören aber durchaus einige gute Ideen preisgibt, wenngleich sie irgendwie nicht wie bis zu Ende gedacht wirkt und mit knapp drei Minuten Spielzeit durchaus noch Platz für mehr gelassen hätte. Die SCM-Hommage ist mit dem „Seelenlieder“-Doppel deutlich besser gelungen, wenngleich sich bestimmt wieder irgendein Kritikaster finden wird, der Schmid übelnimmt, daß der in „Seelenlieder I“ eine Anrufbeantworter-Nachricht von SCM-Originalfronter Reinhard Fißler (der seiner schweren Krankheit bekanntlich mittlerweile erlegen ist und sich hier mit schon recht angegriffener Stimme nach Schmids aktuellen Projekten erkundigt) eingebaut hat, was per Untertitel sogar explizit als Fißler-Hommage gekennzeichnet ist. Und Judith Fißler hätte sonst wohl auch nie im zweiten Teil mitgewirkt.
Damit hat es sich dann aber schon mit den SCM-Direktbezügen, während die Gastmusikerliste noch einige andere ostrockszenebekannte Namen aufweist: Rainer Oleak, Peter „Bimbo“ Rasym und in „Seelenlieder II“ Dirk Zöllner als Zweitsänger. Eine strukturell viel wichtigere Rolle spielte aber Marek Arnold (der übrigens eine Zeitlang als zweiter Keyboarder bei der SCM musizierte) als Co-Produzent, Engineer, Co-Komponist einiger Nummern, Teilzeitkeyboarder sowie nicht zuletzt als einfühlsamer Spieler von Klarinette und Saxophon, damit reizvolle Farbtupfer setzend und Leben in die Musik bringend. Das ist hier und da bitter nötig: Irgend jemand hat Schmid eingeflüstert, in einigen der Songs einen Drumcomputer zu verwenden und entsetzlich flach klingende Sounds aus diesem zu holen. Das ist unglücklicherweise gleich im dem vielversprechenden Intro „Der Tag erwacht“ folgenden Quasi-Opener „Das Paradies“ der Fall, was manchen Hörer zum sofortigen Betätigen der Eject-Taste animieren könnte und die klassische Purple-Schulz-Zeile „Das Paradies kann das nicht sein“ ins Gedächtnis ruft, nachdem man die beiden einleitenden Zeilen der Schmid-Nummer, „Das Paradies ist ganz woanders/Es ist nicht hier, und es ist auch nicht dort“, als klassische Freudsche Fehlleistung verbucht hat. Im Kinderlied „Elena“ tritt ein ähnlicher Problemfall auf, und man kann der hier auch selber mitsingenden Widmungsträgerin Elena Marie Klukas nur wünschen, daß ihre musikalische Früherziehung von irgend etwas, was zumindest halbwegs wie natürliche Drums klingt, untermalt sein wird. Den Unterschied hört man auf der CD deutlich: „Geld“ und „Seelenlieder II“ sind mit einer kompletten Band inclusive Drummer aus Fleisch und Blut eingespielt, nämlich mit den Musikern von Cyril, bei denen Schmid umgekehrt mittlerweile auch am Mikrofon steht, hätten rein stilistisch auch zu besagten Cyril gepaßt (obwohl sie in deren aktuellem Repertoire am „unproggigen“ Rand siedeln würden) – und da ist auf einmal richtig Leben in der Bude, das die gewisse Sterilität diverser anderer Nummern wie eine Kuriosität anmuten läßt.
Kurios ist die Struktur der CD aber sowieso, denn sie vereint Nummern, die Schmid innerhalb von vier Jahren mit verschiedensten Besetzungen eingespielt hat, so daß als verbindender Kitt eigentlich nur seine Stimme bleibt. In „Liebe“ steht die sogar allein auf weiter Flur – es handelt sich um einen reinen A-Cappella-Song mit Mouth Percussion, die naturgemäß einen leicht künstlichen Touch besitzt, hier aber gut funktioniert. Der Harmonik von „Elena“ wiederum hört man phasenweise die Erfahrung Schmids (und der hier gleichfalls mitsingenden Rebecca Klukas) mit dem Gospelchor Colours Of Soul an. Etwas schwierig ist hingegen die Anordnung der Songs: „Seelenlieder II“ an elfter Position bildet das klare Highlight und wäre ein logisches CD-Finale gewesen, so daß die drei noch folgenden, zudem partiell eher skizzenhaften Nummern wie Anhängsel wirken.
Irgendwie bleibt nach dem Hören der CD ein ambivalentes Gefühl zurück. Schmid ist ein erstklassiger Sänger und ideenreicher Songwriter (allen flachen Computerbeats zum Trotz hat der Refrain von „Das Paradies“ definitiv viel Größe und ist zudem unverschämt eingängig), aber das Gesamtbild wirkt fragmentiert, und es kann in den Songtiteln und Texten noch so oft das Wort „Seele“ vorkommen – ein Drumcomputer hat keine solche. Wer deutschsprachigen Poprock mit leichter Artrock-Schlagseite mag und kein Problem mit den beschriebenen Ausprägungen hat, sollte ein Ohr riskieren, aber dem Rezensenten wäre ein homogeneres Folgewerk deutlich lieber, und das ist nicht so gemeint, daß dann alle Songs von einem flach vor sich hin zischelnden Elektronikbeat untermalt werden sollen.



Roland Ludwig

Trackliste

1Der Tag erwacht 1:50
2 Das Paradies 6:06
3 Also was soll aus mir werden 3:01
4 Glaube mir 2:51
5 Hüte deinen Traum 3:21
6 Elena 4:24
7 Worte sind wie Bilder 3:08
8 Liebe 3:00
9 Geld 3:16
10 Seelenlieder I 1:28
11 Seelenlieder II 4:34
12 Vorbei 3:35
13 Seelengarten 2:03
14 Das Ende vom Lied 4:04

Besetzung

Manuel Schmid (Voc, Keys, Programming)
Marek Arnold (Keys, Sax, Klarinette)
+ zahlreiche weitere Musiker

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger