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Reviews

Marillion

Fugazi


Info

Musikrichtung: (Neo)Prog

VÖ: 03/1984

(EMI)

Gesamtspielzeit: 45:57

Internet:

http://www.marillion.com/music/albums/fugazi.htm

Mit Script for a Jester’s Tear und Fugazi befinden sich Marillion (nur echt mit Fish) gleich zu Beginn ihrer Karriere auf dem qualitativen Höhepunkt. (Näheres in der monatlichen Kolumne 25 Years after)

Im Prinzip müsste man bei diesem farbenfroh verspielten Prog-Album nicht nur jeden Titel separat besprechen, sondern die einzelnen Themen und Melodien im Minuten-Takt durchkauen. Wer es so genau wissen will, hört sich das Album aber besser gleich selber an. Versuchen wir hier die großen Linien zu bestimmen.

Eins ist ganz deutlich: DIE Visitenkarte von Marillion ist Fish. Immer wieder ist es seine Stimme, die sich mittlerweile deutlich von den übergroßen Parallelen zu Peter Gabriel frei geschwommen hat, die die Dramaturgie der Stücke bestimmt. Fish singt oder spricht die Stücke nicht nur; er inszeniert sie; er lebt sie. Er wird zur Verkörperung der Titel. Ich habe Marillion in diesen Jahren zwei Mal live gesehen – im Juli 84 bei einem Festival im Paderborner Hermann Löns-Stadion und im November 85 in Hannover – einmal als bekanntere Szene-Band auf einem mittleren Platz im Festival-Programm und einmal nach dem Durchbruch mit der Single „Kayleigh“ auf Headliner-Tour. Es war insbesondere in Paderborn fantastisch mitzuerleben, wie es Fish gelungen ist, das Festival-Publikum, das zum großen Teil eher wegen der Headliner Joe Cocker und Paul Young gekommen war, mit längeren Ansagen und Geschichten auf Englisch nicht nur nicht zu langweilen, sondern es zu fesseln und zum Teil einer Inszenierung zu machen, in der Ansage, Gesang, Mimik und Gestik eine permanente intime Ansprache an jeden einzelnen Besucher war. Ich habe selten einen derart fantastischen Entertainer erlebt. Und es gelingt ihm auf Fugazi diese Präsenz im Vergleich zum Debüt sogar noch einmal verstärkt auf die Platte zu bannen.

Die ersten drei Stücke stecken das Terrain ab, das Marillion auf ihren frühen Alben ausgemacht hat. Eröffnet wird das Album der Band, die einige Jahre am Rande der Hard Rock-/ Metal-Szene gesehen wurde, mit einer der härtesten Nummern der Bandgeschichte. Der Titel erreicht seine Aggressivität mit sehr unterschiedlichen Mitteln. Zum Ende hin sind verstärkt die zu erwartenden Gitarren und Keyboards dafür verantwortlich. Aber wieder ist es Fish, der die nötige Dramatik auch alleine mit seiner von Ian Mosleys Drums und Percussion begleiteten Stimme zu erzeugen in der Lage ist. Ein fantastischer Energiebrocken zu Beginn der Scheibe, der dann auch die zweite Single-Auskopplung wurde.

Es folgt das als erste Single-Auskopplung von Fugazi veröffentlichte „Punch & Judy“. Mit ihr befinden wir uns am anderen Ende des stilistischen Spektrums von Marillion. Schon der Synthie-Einstieg zeigt eine größere Nähe zum damals aktuellen Soundgefühl. Im Vergleich mit anderen frühen Marillion-Stücken wirkt die Single kalkulierter, kompakter und glatter. Im Rückblick kann man sagen, dass sich hier – wie auch bei „Emerald Lies“ - bereits die Hinwendung zum Neo Prog andeutet. Das konnte man damals natürlich so noch nicht erkennen – nicht zuletzt, weil es den Neo Prog ja noch gar nicht gab. Aber „Punch & Judy“ ist von Anfang an das Fugazi-Stück gewesen, mit dem ich am wenigsten warm wurde.
Um nicht falsch verstanden zu werden. Wir differenzieren hier jetzt kritisch auf 8000er Höhe. „Punch & Judy“ ist eine fantastische Nummer, deren Refrain sich wie ein vokalisiertes Gitarrenriff in die Ohren fräßt. Es ist lediglich neben mehreren 8700er und 8600er Gipfeln der etwas niedrigere 8400er.

Nach den Hinweisschildern in Richtung Rock bzw. Pop kommen wir zur Königsdisziplin von Marillion, den genial aufgebauten, sich permanent wechselnden und häutenden Progressiv-Tracks. Meisterwerke in dieser Hinsicht sind die Titelstücke der beiden ersten Alben Script for a Jester’s Tear und Fugazi. Und auch „Jigsaw“ gehört in diese Kategorie. Ruhig und verhalten beginnend bäumt sich die gequälte Stimme von Fish aber bald auf und dann geht das instrumentale Feuerwerk ab. Mark Kelly kreiert die atmosphärischen Hintergründe vor denen Steve Rothery seine Saiten glühen, liebkosen oder tänzeln lässt. Weniger begnadete Bands machen aus den Ideen, die Marillion in knapp sieben Minuten verbrauchen, zwei komplette Alben.

Im Prinzip könnte man in ähnlichem Stil die letzten Nummern weiter durchgehen. Ich lasse es sein, um nur noch zu sagen, dass Fugazi, bei dem nicht ein Stück unterhalb der 18-Punkte-Marke liegt, mit zwei ganz großen Ausrufezeichen endet –darunter „Fugazi“, vielleicht das beste Stück der gesamten Bandgeschichte (wären da nicht etwas 60 Prozent des Debütalbums), das in einem Atemzug mit Genesis-Klassikern wie „The Muscial Box“ und „Supper’s ready“ genannt werden muss.



Norbert von Fransecky

Trackliste

1Assassing 7:01
2 Punch & Judy 3:18
3 Jigsaw 6:46
4 Emerald Lies 5:08
5 She Chameleon 6:53
6 Incubus 8:30
7 Fugazi 8:02

Besetzung

Fish (Voc)
Steve Rothery (Git)
Mark Kelly (Keys
Pete Trewavas (B)
Ian Mosley (Dr)

Gast:
Linda Pyke (Back Voc <6>)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger