De Lalande M.-R. (O’Dette, P. – Stubbs, St.)

Les Fontaines de Versailles – Le Concert d’Esculape u.a.


Info
Musikrichtung: Barock Ensemble

VÖ: 20.08.2020

(CPO / JPC / CD / DDD 2019 / Best. Nr. 555 097-2)

Gesamtspielzeit: 72:55



MONDÄN UND KLANGSINNLICH

Kürzlich wurde im Schloss von Versailles ein Mann aufgegriffen, der nur mit einem Bettlaken bekleidet war und sich für einen König hielt. Vielleicht hat dieser Herr zu viel französische Barockmusik gehört – aktuell erlebt dieses Repertoire ja einen wahren Boom, viele etablierte und jüngere Ensembles insbesondere in Frankreich und Belgien nehmen sich der weitverzweigten französischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts mit Erfolg an. Doch nicht nur dort: Eine Versailler Dependance gibt es schon seit Jahren in Amerika, genauer in Boston, wo die Truppen des Boston Early Music Festivals um die beiden Ensembleleiter und Zupfinstrumenten-Spezialisten Paul O’Dette und Stephen Stubbs regelmäßig immer wieder kleinere und größere Perlen präsentieren und damit auch auf Tournee gehen.
Opern von Lully waren bereits darunter, aber auch viele kleinere Kammeropern von Marc-Antoine Charpentier. Und jetzt eine Rarität: Unterhaltungsmusik, die Michel Richard de Lalande für die abendlichen königlichen Apartement-Vergnügungen in Versailles komponiert hat. De Lalande ist nun vor allem für sein Oeuvre geistlicher Werke, insbesondere seine über 70 Grand Motets bekannt, mit denen er die Gottesdienste in Versailles zu wahren Konzertmessen aufrüstete. Doch de Lalande hatte auch für andere, weltliche Anlässe Musik zu komponieren.

Wobei die auf dieser Aufnahme erstmals eingespielte Kammeroper „Les Fontaines de Versailles“ sowie die Kantate „Le Concert d’Esculape“ aus dem Jahr 1683 vom damals 26jährigen Komponisten sozusagen als Visitenkarten gedacht waren: Dieser aufstrebende junge Musiker empfahl sich für größere Aufgaben – die ihm dann auch nach und nach von Ludwig XIV. übertragen wurden, bis er am Ende seines Lebens alle maßgeblichen musikalischen Hofämter inne hatte.
In der Fontänen-Musik huldigt de Lalande mit seinem Librettisten der Gartenleidenschaft des Königs. Alle Brunnengötter der Versailler Palastgärten treten als Allegorien auf, singen einzeln oder im Chor, preisen die Schönheiten der Gärten, laden zum Tanz, zum Naturgenuss, animieren zum Lob auf den König. Das ist bester französisch-musikalischer Hochstil, opernhaft in der Gestik, farbig und fantasievoll in der Inszenierung der diversen antiken Gottheiten, intim in der Mini-Orchester-Besetzung, die ja in den Gemächern des Königs Platz finden musste.

Das Vokal- und Kammerensemble aus Boston musiziert die künstlerisch hochwertige Schmeichelei elegant, spritzig und einnehmend. Insbesondere der Instrumentalpart prickelt mitunter wie Champagner, was auch an dem reich ausgearbeiteten Continuo-Besatz liegen mag, der Theorben, Gitarre, Orgel und Cembalo umfasst.
Als Zwischenspiel präsentiert man einen Auszug aus der königlichen Tafelmusik, dem „Grande Pièce en G-Ré-Sol“, eines der Lieblingsstücke von Ludwig XIV. – und man versteht bei Bostoner Truppe sofort, wieso das so war.
Sozusagen als Lob auf den Leibarzt der ewig maladen Schwiegertochter des Königs und zugleich als musiktherapeutische Aufmunterung für die Kranke war „Le Concert d’Esculape“ gedacht: eine Art reich ausgestattete Kantate, die dem antiken Gott Äskulap ein Denkmal setzt und mit ihren raschen Wechseln von kurzen Soli und zahlreichen Ensembles und Chörchen de Lalande als Meister der Kontrastregie auf engem Raum zeigt. Insbesondere mit der der konzertanten Ouvertüre präsentiert de Lalande sich erneut als Könner, der diese arg standardisierte Form mit frischen Ideen zum Funkeln bringt.

Vokal ist das Niveau hoch, die Stimmen klingen, mit Ausnahme vielleicht des müde agierenden Olivier Laquerre und eines nicht ganz höhensicheren Tenors, jung und frisch.

Eine wahrhaft königlich unterhaltsame Platte!



Georg Henkel



Besetzung

Boston Early Music Festival Vocal Ensemble
Boston Early Music Festival Chamber Ensemble

Paul O'Dette und Stephen Stubbs, Theorben, Gitarre und Leitung


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