Boismortier, J. B. de (Niquet, H.)

Don Quichotte chez la Duchesse


Info
Musikrichtung: Barock Komische Oper

VÖ: 07.10.2022

(CVS / Note 1 / CD / DDD / 2021 / Best. Nr. CVS 075)

Gesamtspielzeit: 64:13



DON QUICHOTTE 3.0

… oder vielleicht besser: 4.0? Denn Joseph Bodin de Boismortiers kleine komische Oper „Don Quichotte chez la Duchesse“, die 1743 in Paris für Furore sorgte, begleitet das Ensemble „Le Concert Spirituel“ schon seit seiner Gründung im Jahr 1987. Zehn Jahre später entstand eine erste Aufnahme für das Naxos-Label, die immer noch im Katalog ist und frisch klingt. 2015 folgte bei Alpha der Mitschnitt einer witzigen Bühnenproduktion auf DVD. Und nun, coronabedingt, eine weitere konzertante Produktion aus der Versailler Oper.
Warum noch eine dritte Einspielung? Weil, so Ensemble-Maestro Hervé Niquet, man von dem Werk nicht genug bekommen könne und es kaum ein nebenwirkungsfreieres Antidepressivum gebe!

Recht hat er: Boismortiers Komödien-Zitrone, die Niquet erneut mit seiner inzwischen weitgehend anders besetzten, aber bestens gelaunten Truppe kredenzt, hat immer noch viel Saft und kitzelt die Anklangsnerven. Denn der berüchtigte Vielschreiber Boismortier verschwendet in einer runden Stunde Musik Einfälle fast im Minutentakt. Da jagt ein musikalischer Gag den nächsten, da kringelt sich ein Ohrwurm nach dem anderen aus dem Orchestergraben bzw. den sangesfreudigen Kehlen. Wir erleben die Geburt des französischen Barock-Musicals und der Operette auf einmal.
Monsterkämpfe, animalische Verwandlungen, Dämonenmumpitz, eifersüchtige Fürstinnen und gute, wenngleich falsche Zauberer wirbeln um das schräge Paar Don Quichotte und Sancho Panza herum, die beide oft nicht mehr wissen, wie ihnen geschieht, die am Ende aber, nach der erfolgreich überstandenen Verwandlung in einen Bären und einen Affen, irgendwie siegreich aus diesem Irrsinn herauskommen: Der eine wird zum Kaiser von Japan ernannt, der andere darf eine kongolesische Prinzessin heimführen.

Gegenüber der älteren Aufnahme hat sich nichts Grundlegendes verändert: Das Tempo ist mitreißend, aber an einigen Stellen doch weniger atemlos als in der ersten Produktion. So können manche Details noch pointierter herausgearbeitet werden, der musikalische Fluss gewinnt an Biegsamkeit.
Die Sänger:innen agieren mit viel Verve auf der Klangbühne, getragen vom nuancierten, volumenreichen Instrumentalspiel. Man reizt die Möglichkeiten zum vokalen Chargieren genüsslich aus, überspannt den Bogen dabei aber nicht.

Lediglich aufnahmetechnisch behält die ältere Aufnahme durch einen zwar trockeneren, aber ausgewogeneren Klang die Nase vorn. Die neue Produktion platzierte Sänger:innen und Orchester offenbar weiträumig auf der Bühne der Versailler Oper, wohl auch mit Rücksicht auf die strengen Corona-Auflagen. Doch die Stimmen und Instrumente kommen dadurch mit zu viel Hall aus der Tiefe des Raumes, wie aus einem Hangar.



Georg Henkel



Besetzung

Chantal Santon Jeffery, Mathias Vidal, Jean-Gabriel Saint-Martin, Nicolas Brooymans, Camille Poul, Charles Barbier

Chor und Orchester von Le Concert Spirituel

Herve Niquet, Leitung


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