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Musik an sich
 
Gustav Holst: The Planets (ergänzt um "Pluto" von Colin Matthews) / The Mystic Trumpeter
Bereits erschienen (Naxos)
Orchestermusik Klassik
 

Claire Rutter, Sopran / Royal Scottish National Orchestra / David Lloyd-Jones

Als George Lucas 1976 den skeptischen Produzenten von der Twentieth Century Fox eine erste Rohfassung seiner damals noch schlicht "Star Wars" betitelten Weltraumoper präsentierte, hatte er die Szenen mit Musik aus Gustav Holsts "The Planets" unterlegt.

Schon beim ersten Satz von Holsts zwischen 1913-1917 entstandener sinfonischer Suite wird klar, warum Lucas sich für das populäre Werk entschieden hatte: Kann man - heute! - "Mars, The Bringer of War" noch hören, ohne die berüchtigten Sternenzerstörer durchs All rasen zu sehen? Oder "Venus, The Bringer of Peace", ohne gleich an die heißen Sanddünen von Tatooine oder die keusche Prinzessin Leia zu denken? Wohl kaum. Ähnliche, auch unbestimmtere "kosmische" Assoziationen stellen sich bei jedem der Sätze ein.

Die Wirkung kommt nicht von ungefähr: Holst hatte jedem der damals bekannten Planeten des Sonnensystems (außer der Erde) einen Satz gewidmet und dabei den jeweiligen planetaren Charakter durch suggestiv-eingängige Themen und eine raffinierte, zwischen Spätromantik und Moderne changierende Orchestration herausgearbeitet. Bei den kleingliedrigen melodischen Formeln und Ostinati drängt sich, insbesondere in den langsamen Sätzen, der Eindruck unendlicher Weiten, kosmischer Nebel und kreisender Spiralgalaxien geradezu auf. Außerdem sind das in etwa die Mittel, derer sich auch sinfonisch arbeitende Filmmusikkomponisten wie John Williams (der spätere richtige Star-Wars-Komponist) für ihren Weltraum-Sound bedienen.

Doch gegenüber der geringen Halbwertszeit der meisten verbrauchsorientierten Filmmusiken hat sich Holsts Planeten-Suite, die im Katalog übrigens mit ca. 20 Einspielungen (auch in Bearbeitung für Syntheziser und Klavier) überreich vertreten ist, ihre Frische bewahrt.

In der aktuellen Einspielung mit dem Royal Scottish National Orchestra unter David Lloyd-Jones stellt das Werk seine Qualitäten erneut eindrucksvoll unter Beweis. Eingefangen durch eine hervorragende Tontechnik, die voluminösen Orchesterklang ebenso wie Transparenz garantiert, kann man - tolerante Nachbarn vorausgesetzt - gleich mit dem "Mars" so richtig durchstarten. Im Gegensatz zu manchen Kollegen, die das Werk strenger und kantiger nehmen, überlassen sich Lloyd-Jones und seine vorzüglich disponierten Musiker der Bildgewalt der Musik. Klänge und Stimmungen dürfen sich üppig verströmen; das unterstreicht für moderne Ohren zwar den ‚Filmmusikcharakter', verhilft Holsts Opus aber auch zu der erforderlichen Wirkung: durchschlagend in den schnellen, massiven Sätzen, von großer Zartheit, ja meditativer Ruhe in den langsamen. Und so zeigt sich einmal mehr: Holst hat keine Musik zu irgendeinem Planeten-Film geschrieben. Die Musik ist der Film. Heute zumindest.

Colin Matthews hat übrigens einen Auftrag des Dirigenten Kent Nagano und dem Hallé-Orchester zum Anlaß genommen, die ‚Planets' zu vervollständigen: Als Holst sein Werk komponierte, waren Pluto und sein Mond noch nicht entdeckt. In der aktuellen Einspielung wächst nun aus dem letzten, geheimnisvoll verklingenden Satz des Originals (Neptune, The Mystik), eine zeitgenössische Fortsetzung heraus. Diese fügt der Vorlage allerdings nichts Substantielles hinzu, sondern poliert den an sich vollkommen überzeugenden Schluß des Werkes mit mächtigen Theaterdonner astronomisch korrekt auf. Jenseits der Schallmauer der Moderne lauert hier das dekorative Chaos. Wers mag.

Interessanter ist da schon eine weitere, nahezu unbekannte Komposition von Holst selbst, eine ‚Scena for Soprano an Orchestra': ‚The Mystik Trumpet' (1904). Da das Oeuvre von Holst heute praktisch auf "The Planets" reduziert wird, ist hier ein Gewinn fürs Repertoire zu verzeichnen. Immerhin wird erkennbar, daß die "Planets" nicht aus dem Nichts kommen. Der mystisch-verhangene, düstere Beginn dieser "Scena" hätte auch noch dem späteren Werk gut angestanden - bis dann der Sopran mit einem Gedicht von Walt Whitman einsetzt. Man spürt den typischen Holst-Stil mit seiner intensiven, geradezu unbritischen Emotionalität, hört aber auch Wagnersches anklingen: Musik des Übergangs.

Fazit: Persönlich hätte ich zwar gegen etwas mehr Kantigkeit bei "The Planets" nichts einzuwenden gehabt. Aber in dieser opulenten, dabei konkurrenzlos preiswerten Einspielung seien die Planeten jedem Neugierigen ans Herz (bzw. die Ohren) gelegt. Ich glaube, dass ich hier bislang keine CD besprochen habe, bei der ich mir ähnlich sicher bin, dass sie tatsächlich auch anderen, nicht klassikorientierten Hörern gefallen könnte.

Repertoire: 1-5
Klang: 5
Interpretation: 4
Präsentation: 4

Zusammen: 18 von 20 Punkte

GEORG HENKEL

 

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