Musik an sich


Reviews
Bach, J. S. (Tetzlaff)

Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001-1006


Info
Musikrichtung: Barock Violine

VÖ: 10.04.2007

Hänssler Classics / Naxos
2 CD (AD DDD 2005) Best. Nr. 98.250


Gesamtspielzeit: 124:00



UNTER DER OBERFLÄCHE

Heilig-nüchtern. Asketisch. Protestantisch gar? Nichts von diesen Etiketten passt wirklich auf Christian Teztlaffs Interpretation der sechs Sonaten und Partiten für Violine Solo von J. S. Bach.
Und doch: Tetzlaff kommt dem Hörer bei seiner inzwischen zweiten Einspielung dieser geigerischen Gipfelwerke nicht sonderlich entgegen. Vielmehr scheint er die Musik vor einem allzu (selbst)gefälligen, lukullischen Zugriff schützen zu wollen: Der sehr zurückgenommene, bei aller technischen Perfektion ungeschminkt herbe und helle Ton seines Instruments wirkt geradezu unkörperlich, anonym. Tetzlaff nimmt die sechs Stücke weder als Vorlage für subjektiv zugespitzte Interpretenbekenntnisse noch als geigen- oder klangtechnische Bravourstücke. Die Einsichten in die barocke Klangrede finden Berücksichtigung, z. b. was das sehr reduzierte Vibrato, die raschen Tempi oder auch den deutlichen Tanzcharakter vieler Stücke angeht. Aber auch hier geht es nicht einfach um eine Demonstration handwerklicher Fertigkeiten.
Offenbar soll sich die Musik ganz aus sich selbst heraus entwickeln, ohne zugleich in unverbindlicher Sachlichkeit zu erstarren. Dass Tetzlaff dies gelingt, ist freilich das Ergebnis einer diffizilen, genau durchdachten Interpretation. Der Geiger inszeniert gerade nicht den großen Affekt. Dafür zeichnet er die Bachschen Linien wie mit dem Silberstift nach. Innerhalb des gewählten kleinräumigen Ambitus bringt er feinste Nuancen und Schattierungen an, modelliert den Klang mit dem Bogen im Bewusstsein um jeden einzelnen Ton, überlässt sich immer wieder dem unwiderstehlichen Puls der Musik, verliert das Große Ganze dabei aber keinen Moment aus den Augen.

So ist eine bei aller Strenge und Geschlossenheit ausgesprochen energetische, ganz und gar uneitle Interpretation entstanden, die denen, die durch die manchmal wenig anheimelnde klangliche Oberfläche „hindurchhören“, nach und nach ihren ganzen Reichtum offenbart.



Georg Henkel



Besetzung

Christian Tetzlaff, Violine


 << 
Zurück zur Review-Übersicht
 >>