Musik an sich


Artikel
Sicherheitsnadeln im Sozialismus




Info
Autor: Ronald Galenza, Heinz Havemeister (Hg)

Titel: Wir wollen immer artig sein

Verlag: Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag, Berlin, 2005

ISBN: 3-89602-637-2

Preis: € 20,90

789 Seiten


"Punk in der DDR" ist zwar ein Schwerpunkt von Wir wollen immer artig sein, greift zur Beschreibung des knapp 800-seitigen Wälzers aber zu kurz.
Die Anthologie gliedert sich in fünf Teile, die jeweils aus einer größeren Anzahl von Artikeln unterschiedlicher Autoren bestehen. Der erste Teil beschreibt die Punk-Szene in Ostberlin. Teil zwei klappert andere regionale Schwerpunkte (Leipzig, Erfurt,) ab und geht zum Schluss im wahrsten Sinn des Wortes über die Dörfer. Teil drei erweitert das stilistische Spektrum. Hier haben alle Formen unangepasster Musik ihren Platz: Jazz, Experimentalmusik, Aktionskunst und vieles mehr. Hier werden auch Randphänomene der Untergrundkultur der DDR, wie das Tapetrading oder die Fanzine-Szene, ausdrücklich gewürdigt. Teil Vier schildert unter dem passenden Titel Panem et Circenses die Bemühungen der offiziellen DDR ihre rebellierende Jugend wieder zu gewinnen, indem man zögerlich, inkonsequent und viel zu spät bestimmte Teile der „anderen“ Kultur zuließ. Zum Abschluss stellen die Herausgeber noch die Frage „Was bleibt?“ und verfolgen die Spuren einzelner Aktivisten in der Zeit nach der Wende.

Wir wollen immer artig sein zeichnet ein authentisches lebendiges Bild von unangepasstem Verhalten in der repressiven Gesellschaft der DDR. Dabei geht es letztlich nur am Rande um Politik. Die Trägerkreise der vorgestellten kulturellen Bewegungen – Das gilt insbesondere für die Punks. – verstanden sich weniger als politischer Widerstand oder gar revolutionäre Subjekte. Sie prallten schlicht und einfach an die massiven Wälle der gesellschaftlichen und obrigkeitsstaatlichen Ignoranz als sie versuchten ihre Pubertät nach den aus den West-Medien bekannten Vorbildern auszuleben.
Etwas mehr inhaltliche Substanz hatten die in der Regel intellektuellern Künstler, die im dritten Teil des Buches zu Worte kommen. Ob sie allerdings so viel Spaß wie die Punks hatte, scheint mir fraglich.

Wir wollen immer artig sein bemüht sich das Thema Punk in der DDR in wirklich enzyklopädischer Ausführlichkeit darzustellen. Die Sprache ist (meistens) gut, aber selten fesselnd. Auch ohne in die Autorenbiographien geschaut zu haben, ahnt man, dass die Schreiber schon lange nicht mehr damit beschäftigt sind, drei Akkorde durch den Alkoholnebel zu senden. Der Großteil von ihnen ist mittlerweile in unterschiedlichen Bereichen der Sozial- und Kulturwissenschaften oder bei entsprechenden Publikationsorganen unter gekommen.
Der nette Punk von der U-Bahn-Treppe nebenan dürfte kaum zu den Adressaten dieses extrem umfangreichen Werks gehören. Durchhaltevermögen und Disziplin sind die Grundvoraussetzung dafür, die 789 Seiten hinter sich zu bringen. Nicht unbedingt „punkige“ Tugenden. Danach aber hat man das Gefühl, nun wirklich von jedem(!) einzelnen Punkkonzert gehört zu haben, das in den 80er Jahren in der DDR stattgefunden hat, egal ob der Tatort nun ein FDJ-Heim (selten), eine Kirchengemeinde (häufig), eine Privatwohnung oder irgend eine andere Location gewesen ist.

Auf die Dauer bekommt die Darstellung dabei Längen. Immer wieder werden Erlebnisberichte und Erinnerungen geliefert, die sich nicht nur in ihrer Grundtendenz ähneln, sondern oft auch erneut von bereits bekannten Ereignissen berichten. Die Punk-Szene der DDR war eben klein und überschaubar, so dass bei bestimmten legendären Ereignissen ein Großteil der für die Anthologie rekrutierten Autoren anwesend war.

Eine zusätzliche Facette bekommt Wir wollen immer artig sein durch die Beiträge von Rainer Börner (FDJ-Bezirksleitung, Berlin) und Lutz Schramm (DT 64-Redakteur), die die Zeit des DDR-Punks aus der Sicht ihrer jeweiligen staatlichen Institutionen betrachten. Beide hatten sich bemüht der „anderen“ Musik Freiräume und Artikulationsmöglichkeiten innerhalb des bestehenden Systems zu verschaffen.
Eine der bedauerlichsten Lücken des Buches besteht im Fehlen einer kirchlichen Stimme zum DDR-Punk. Dem Leser wird zwar sehr schnell deutlich, dass die Kirche eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der DDR-Punk-Szene gespielt hat, da sie eine der wenigen Institutionen war, die Auftrittsmöglichkeiten zur Verfügung stellen konnte und das auch tat. Ebenso deutlich wird, dass das Verhältnis zwischen Kirchengemeinden, Pfarrern, Sozialdiakonen und Punks alles andere als ungetrübt war. Oft endeten die genehmigten Konzerte in Kirchen durch den Abbruch seitens eines Pfarrers. Schade, dass man hier nicht ein oder zwei authentische Stimmen beteiligter oder betroffener Kirchenvertreter eingeholt hat.

Wir wollen immer artig sein ist in dieser Form die überarbeitete Version einer 1999 erstmals erschienenen Publikation, die um die Betrachtung einiger Phänomene, z.B. Skinheads in der DDR, erweitert wurde. Das Buch enthält eine umfangreiche Discographie vor allem von Musikproduktionen, die im DDR-Untergrund erschienen sind.


Norbert von Fransecky



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