Musik an sich


Reviews
Tafelmusik Baroque Orchestra

The Galileo Project (DVD)


Info
Musikrichtung: Barock

VÖ: 26.3.2012

(Tafelmusik / Naxos / DVD / 2009, live / Best. Nr. TMK1001DVDCD)

Gesamtspielzeit: 56:54

Internet:

Tafelmusik



LOST IN SPACE

Bemühungen, klassische Musik einmal anders zu vermitteln und vielleicht auch neue Hörerschichten zu gewinnen, sind an sich ja immer lobenswert, oftmals aber für die echten Fans nur schwer zu ertragen. Und so mag man den Liebhabern der Barockmusik auch dieses DVD/CD-Kombipack des kanadischen Ensembles Tafelmusik nicht wirklich ans Herz legen. Den Aufhänger für das international sehr erfolgreiche Programm bildete das von der UN 2009 ausgerufene „Jahr der Astronomie“. Also gibt es Musik aus dem zeitlichen Umfeld wichtiger Astronomen (Galileo, Newton, Keppler) und ein barockes Potpourri in Anlehnung an das „Fest der Planeten“, welches man in Dresden 1719 anlässlich der königlichen Hochzeit inszenierte. Durchweg aber werden dabei nur einzelne Sätze aus Suiten oder Konzerten präsentiert. Diese „Schnipsel-Musik“, wie man sie beispielsweise vom Klassik-Radio oder mittlerweile auch vom NDR kennt, wird lose verknüpft durch die Textbeiträge von Moderator Shaun Smyth, der mit showmasterartiger Emphase und Lautstärke mal aus zeitgenössischen Briefen vorliest, mal das Libretto einer Oper zusammenfasst, aus der dann Auszüge gespielt werden. Im Hintergrund werden dieweil – ziemlich klein - Bilder gezeigt, die z.B. das Weltraumteleskop Hubble zur Erde gesandt hat. Während des Spiels bewegen sich die Orchestermusiker langsam schreitend in imaginären „Umlaufbahnen“. Wem das zu viel Klamauk und zu viel Zwischentext ist, der kann sich dank der mitgelieferten CD auch ganz auf die Musik konzentrieren und den Fernseher ausgeschaltet lassen.

Das hilft allerdings kaum weiter: Weil bei einem solchen Konzept alles passend gemacht werden muss, nivellieren die Musiker unter der Leitung von Jeanne Lamon natur- und zwangsgemäß alle stilistischen Unterschiede, so dass Monteverdi sich bruchlos an Lully und Telemann an Rameau anfügt. Barockmusik ist eh immer gleich, oder?! Es wird also auf hohem Niveau vergleichsweise harmlos und unwiderständig musiziert. Da hat man die Tafelmusik schon wesentlich besser erlebt, doch in diesem Rahmen war wohl auch für ein solches Spitzenorchester einfach nicht mehr drin.

Zudem ist die Produktion wenig nutzerfreundlich: DVD und CD fallen permanent aus der Verpackung, das DVD-Menü ist fehlerhaft programmiert, die Kapitelnummern im Booklet stimmen nicht mit den DVD-Tracknummern und z.T. noch nicht einmal mit der tatsächlichen Reihenfolge überein, die gesprochenen Texte sind nicht untertitelt und wurden auf der DVD nicht als gesonderte Titel programmiert, können also nicht übersprungen werden. Zudem ist das Klangbild recht bassbetont.

Ob man so nicht-klassikaffine Menschen sinnvoll dort abholt, wo sie stehen – was ja meist als fragwürdige Devise ausgegeben wird – darf bezweifelt werden. Das Paket mag allenfalls als Erinnerungsstück für diejenigen von Interesse sein, die eine der Aufführungen dieses Galileo-Projekts live erlebt haben.



Sven Kerkhoff



Trackliste
Tracklist der CD:
Antonio Vivaldi Concerto for 2 violins in A Major, op. 3, no. 5
1. Allegro 2:23
2. Largo 1:42

Jean-Baptiste Lully Excerpts from Phaeton
3. Ouverture 2:30
Suite des quatre saisons / Dances for the four seasons:
4. Le Printemps /Spring (Ritournelle Act IV, sc i) 1:06
5. L’Été / Summer (Air pour les Egyptiens) 1:27
6. L’Automne / Fall (Air pour Triton et ses suivants) 1:32
7. L’Hiver / Winter (Air pour les peuples qui portent des présents à Isis) 1:32
8. Entrée des furies / Entrance of the furies 1:10
9. Chaconne 3:47

Claudio Monteverdi
10. Ciaccona, after Zefiro torna 2:30

Tarquinio Merula
11. Ciaccona 2:35

Michelangelo Galilei
12. (Underscoring) Excerpt from Toccata in C Minor for solo lute, 3:48
from Il primo libro d’intavolatura di liuto
Toccata in C Major for solo lute, from Il primo libro d’intavolatura di liuto
(Underscoring): Improvised

Biagio Marini
13. Passacaglia, from Op. 22 4:01

C. Monteverdi
14. Moresca, from Orfeo 2:14

Henry Purcell
15. Rondeau, from Abdelazer 1:30

Jean-Philippe Rameau
16. Entrée de Jupiter / Entrance of Jupiter), from Hippolyte et Aricie 0:52

George Frideric Handel
17. Allegro, from Concerto grosso in D Major, op. 3, no. 6 1:53

J-P. Rameau
18. Entrée de Venus / Entrance of Venus, from Les surprises de l’Amour 1:03

Georg Philipp Telemann
19. Allegro, from Concerto for 4 violins in D Major 1:29

Jan Dismas Zelenka
20. Adagio ma non troppo, from Sonata in F Major, ZWV 181/1 2:44

J-P. Rameau
21.Entrée de Mercure / Entrance of Mercury, from Platée 1:26

J-B. Lully
22. Air pour les suivants de Saturne / Air for the followers of Saturn, from Phaeton 1:20

Silvius Leopold Weiss
23. Allegro, from Concerto for lute in C Major (reconstructed by L. Harris) 4:43

Johann Sebastian Bach
24. Sinfonia “Wie schön leuchtet der Morgenstern” / How brightly shines
the morning star, after BWV 1 3:52

J.S. Bach
25. Sinfonia, after BWV 29 3:39
Besetzung

Tafelmusik Baroque Orchestra
Jeanne Lamon: Ltg.

Alison Mackay: Konzept und Skript
Marshall Pynkoski: Regie


 << 
Zurück zur Review-Übersicht
 >>