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Der Hammond-König hat den Blues: Das Jon Lord Blues Projcet live in Roth




Info
Künstler: Jon Lord Blues Project

Zeit: 07.04.2011

Ort: Roth - Kulturfabrik

Internet:
http://jonlord.org

Jon Lord ist der Grund, warum ich im Teenageralter unbedingt Orgel lernen wollte und dies auch gemacht habe. Seine Sounds, die ich auf dem Deep Purple-Alben Machine Head, Made In Japan und vor allem auf In Rock entdeckt habe, hatten mich von Anfang an fasziniert. Gesteigert hat sich diese Faszination durch den Besuch eines Deep Purple-Konzerts in Augsburg auf der The Battle Rages On-Tour 1994. Das dort dargebotene Orgel-Solo von Mr. Lord gehörte zu den coolsten Sachen, die ich jemals live gesehen habe. Er hat in letzter Zeit diverse Live-Auftritte mit der Deep Purple-Coverband Demon’s Eye absolviert, die allesamt sehr gute Kritiken bekommen haben. Die letzte Veröffentlichung Danger: White Men Dancing, auf der vornehmlich Blues-Klassiker mit diversen Gastsängern vertont sind, ist eine Klassescheibe. Aufgrund dessen musste ich mir nach langen Jahren wieder ein Konzert mit Jon Lords Anwesenheit gönnen. Er tourt momentan in folgender Besetzung: Miller Anderson (Gitarre, Gesang), Maggie Bell (Gesang), Colin „Bomber“ Hodgkinson (Bass), Pete York (Schlagzeug) und Zoot Money (Keyboards). Bei diesen Musikern handelt es sich allesamt um Ausnahmekönner, die ihr Talent schon bei Musikern und Bands wie Peter Green, Taj Mahal, Whitesnake, Spencer Davis Group, Eric Burdon oder Alexis Korner unter Beweis gestellt haben.

Die Veranstaltung ist restlos ausverkauft, der Platz vor der Bühne wird eng. Beim Publikum sind diesmal eher die älteren Rockfans vertreten, was hinsichtlich Jon Lords Alter (69 Jahre) keine große Überraschung darstellt. Um Punkt 20 Uhr geht es los und die älteren Herrschaften kommen auf die Bühne. Als letzter betritt Jon Lord die Bretter, er bekommt erwartungsgemäß am meisten Applaus. Los geht’s mit dem coolen „Hoochie Coochie Man“, das der bärbeißige Schotte Miller Anderson singt. Der Typ sieht wie eine Mischung aus Waldarbeiter, stadtbekannter Säufer und Landstreicher aus. Wenn er jedoch zu singen beginnt und vor allem auch Gitarre zu spielen, rücken diese Äußerlichkeiten sofort in den Hintergrund. Die Rother Bluesfans quittieren diese Klasseleistung entsprechend und sämtliche Musiker saugen diesen Applaus begeistert auf. Der zweite Song wird ein bisschen rockiger. Die immer noch sehr agile Maggie Bell betritt die Bühne und ein fulminantes „Wishing Well“ (Free) wird vom Stapel gelassen. Sagenhaft, welche Wucht diese Vollblutsängerin noch immer in ihren Backen hat. Sie wird von Gentleman Jon Lord mit Handkuss von der Bühne verabschiedet, der nächste Song wird wieder von einem anderen Musiker gesungen. So wechselt dies nahezu nach jedem Song durch und das Konzert ist schon allein aufgrund dessen ein absoluter Gourmet-Happen.

Überrascht bin ich von Colin „Bomber“ Hodgkinson. Sein Name ist mir von einem kurzen Whitesnake-Gastspiel bekannt. Wenn man ihn so auf der Bühne sieht wird schnell klar, dass er zu keiner Zeit zu Whitesnake gepasst hat. Auf der anderen Seite wird auch klar, dass es David Coverdale einiges an Geld gekostet haben muss, dass er jetzt so aussieht, wie er aussieht. Der „Bomber“ hatte dieses Geld offensichtlich nicht. Allerdings hat er noch einiges an Spielfreude und musikalischer Genialität zu bieten. Er spielt etwa in der Mitte des Konzerts ein Basssolo, das mit zu den coolsten gehört, die ich je gesehen habe. Über allem thront Jon Lords Original-Hammond-Orgel, die am rechten Bühnenrand aufgebaut ist. Insgesamt fällt jedoch auf, dass er sich innerhalb seiner Band merklich zurückhält. Er versucht erst gar nicht, sich in den Vordergrund zu drängen. Ganz Gentleman hält er eine kleine Ansage und betont deutlich, dass er zwar als Bandleader offiziell auftritt, jedoch ohne seine fabelhaften Begleitmusiker völlig unbedeutend wäre. Für diese ehrliche Aussage erhält er sehr viel Applaus. Ich finde es schon bemerkenswert, wenn ein Weltstar wie Jon Lord so über sich selbst spricht. Dies ist eine große Ausnahme in einer Musikwelt, die sich mittlerweile häufig durch selbsternannte „Superstars“ aus Castingshows definiert.

Das Konzert geht viel zu schnell vorbei, was hauptsächlich an den beteiligten Musikern und deren enormes musikalisches Potential und im Falle von Zoot Money an erheblichen Entertainerqualitäten liegt. Er spielt sich mit seinem Keyboard im Stile eines Honky Tonk-Pianisten mehrfach in einen absoluten Rausch, singt dazu noch die irrsten Sachen, begleitet seine Pianopassagen mit seinem eigenen Gesang und ist somit eine absolute Ohrenweide. Er stopft die Löcher, die ihm Jon Lord lässt. Jon Lord spielt an diesem Abend nur Hammond-Orgel, kein einziges Mal einen Piano-Part. Am besten gefällt mir im ersten Teil der Show jedoch Miller Anderson, der kauzige Gitarrist. Was der optisch so unscheinbare Typ aus seiner Gitarre, seiner Kehle und aus seiner Blues-Harp herausholt, ist pures Gold. Miller Anderson ist ein sehr witziger Typ. Er erzählt eine Stories aus seiner Heimat, er kommt aus Schottland. Er nimmt sich selbst offenbar nicht allzu ernst, was ihn umso sympathischer macht.

Nach 45 Minuten gibt es eine kurze Pause, danach folgt mit „Lazy“, das sehr cool dargeboten wird, die erste Deep Purple-Nummer des Abends. Es kommen noch diverse weitere Blues-Klassiker, bevor mit „When A Blind Man Cries“, das von Miller Anderson gesungen wird, ein weiterer Purple-Klassiker gespielt wird. Dabei bleibt es aber dann auch. Die einzige Ausnahme: Während eines Jams spielt Jon Lord die Orgelpassagen von „Hungry Daze“ vom Perfect Strangers-Album an. Der einzige, der bis jetzt noch kein Wort gesagt hat, ist der ehemalige Schlagzeuger der Spencer Davis Group, Pete York. Er lässt lieber sein äußerst präzises Schlagzeugspiel für sich sprechen. Umso lustiger wird es, als er auf einmal eine Ansprache auf fast fließend Deutsch hält. Es geht um Steve Winwood, seinen ehemaligen Kollegen der Spencer Davis Group. Er beschwert sich, dass dieser mit ihm keinen Ton mehr spricht und überhaupt ein sehr eingebildeter Typ sein muss. Diesen Worten lässt er Taten folgen und spielt ein derart furioses Schlagzeugsolo klassischer Prägung, das seinesgleichen sucht. Während des kompletten Konzerts lässt er darüber hinaus eine Spielfreude erkennen, die an einen Nachwuchs-Musiker erinnert, der soeben einen Förderpreis gewonnen hat. Der Typ ist echt der Wahnsinn!

Nach dem Schlagzeugsolo stimmt die ganze Band in den fulminanten Spencer Davis Group-Gassenhauer „I’m A Man“ ein, danach ist der reguläre Teil des Konzerts beendet. Unter riesigem Beifall wird die Band erneut auf die Bretter gebeten. Die lassen sich nicht lange bitten und legen kurzerhand mit dem Evergreen „Gimme Some Lovin“ eine schmissige Zugabe nach. Roth steht Kopf und belohnt die gezeigte Spitzenleistung mit viel Beifall. Nach ca. 100 Minuten beendet die lässige Seniorenrunde ihren mehr als fulminanten Abend. Dieser Abend war wieder einmal ein Beweis, dass ausgezeichnet dargebotene Live-Musik keine Frage des Alters ist. Für mich persönlich war es ein riesiges Highlight, einen meiner großen Idole in einem derart gemütlichen Rahmen und aus nächster Nähe live zu bewundern.




Stefan Graßl



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