Kiss Forever Band live in Nördlingen – wie ein Geheimkonzert des Originals




Info
Künstler: Kiss Forever Band

Zeit: 01.03.2019

Ort: Nördlingen - Juzu

Internet:
https://www.facebook.com/tencentjane
https://www.facebook.com/KISSForeverBandOfficial

Die Kiss Forever Band habe ich vor einigen Jahren schon zweimal live gesehen. Einmal im Spectrum in Augsburg und ein weiteres Mal in der Pegnitzbühne in Nürnberg, die es mittlerweile leider nicht mehr gibt. Beide Konzerte waren klasse und genau das Richtige für einen feierlaunigen Freitagabend! Offensichtlich gibt es im Ries nicht so viele Kiss-Fans wie gedacht. Die Veranstaltung musste aufgrund der geringen Kartennachfrage von der Ankerhalle ins um einiges kleinere Nördlinger Jugendzentrum, kurz Juz,e verlegt werden.

Das Juze ist gut voll, als wir dort ankommen. Etliche auch jüngere Fans sind vor Ort, um sich die Kiss-Tribute-Band anzuschauen. Manche sind maskiert, andere tragen Kiss-Shirts wie selbstverständlich auch der Verfasser dieser Zeilen.

Als Anheizer wären eigentlich Sick Sick Sick geplant gewesen, die jedoch nicht vor Ort sind. Stattdessen wurde die Band Ten Cent Jane verpflichtet. Die Truppe aus Rosenheim gibt es bereits seit 2006. In unseren Breitengraden waren sie meines Wissens noch nicht unterwegs. Im Prinzip eine gute Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen! Von der Band gibt es bei Youtube etliche Videos, die an sich sehr gut gemacht sind. Mir gefällt die Musik sehr gut, sie erinnert mich an Bands wie Rhino Bucket und D.A.D. Die Songs gehen gut ins Ohr, der Gesang passt hervorragend zu dieser Art von Musik. An Motivation mangelt es der Truppe auch nicht. Vor allem die Rhythmusfraktion um Schlagzeuger Danny Raygun und Bassist Cryin Stevie posen wie die Weltmeister. Cryin Stevie zieht die letzten Songs sogar im Oberkörper-Frei-Modus durch. Die Guns N' Roses-Nummer „Night Train“ kommt super rüber, etlichen im Publikum scheint das Stück leider nicht bekannt zu sein. Die beiden Gitarristen spielen astrein ihre knochentrockenen Riffs, bleiben ansonsten jedoch relativ statisch an ihren Mikrofonständern stehen. Sänger Ben Sendlinger nimmt kaum Kontakt zum Publikum auf, er singt meist sogar mit geschlossenen Augen. Von daher verpufft ein Großteil des sehr melodischen Rock n Rolls, was wirklich schade ist! Vor der Bühne wird mitgewippt und getanzt, aber die große Begeisterung schwappt nicht über. Schade! Ich kann nur empfehlen: Testet die Songs mal im Internet an, die sind wirklich hörenswert!

Nun kommt, auf was alle am meisten gewartet haben: „You wanted the best and you've got the best. The hottest band in the world – KISS (Forever Band)!!!“ Dass dieser Schlachtruf auch den heutigen Abend einleitet, versteht sich von selbst. Ich hol mir grad an der Theke eine Ladung Bier für mich und meine Freunde, als die vier Ungarn aus Budapest ganz lässig in kompletter Kostümierung an mir vorüberlaufen. Mit „Creatures Of The Night“ beginnt der Budenzauber, der mich vom ersten bis zum letzten Song total aus den Latschen haut. Für mich waren Kiss schon seit meiner Jugendzeit eine meiner absoluten Lieblingsbands. Das größte Ereignis war die „Psycho Circus“-Tour 1999 in der Münchener Olympiahalle, bei der Gene Simmons, Paul Stanley, Ace Frehley und Peter Criss gemeinsam auftraten und in meinen Augen ein Konzert der Superlative abgefeuert haben. Seitdem hat mich die Musik nie mehr losgelassen und ein Abend wie dieser ist einfach nur genial…

Wir feiern enthusiastisch mit, singen dort, wo es die Textsicherheit und die Stimmbänder es erlauben, spielen Luftgitarre bis zum Abwinken und haben einfach nur einen genialen Abend. Aber nicht nur wir drei! Das Publikum im Juze ist allgemein in guter Stimmung und feiert die vier Ungarn, was das Zeug hält. Aufgrund der typischen Bemalung und Kostümierung fällt es auch irgendwann gar nicht mehr auf, dass hier nicht die echten Kiss am Start sind. Die Musiker sind den Originalen auch sonst sehr ähnlich, sie kopieren deren Bewegungen und Mimik perfekt. Vielleicht ist das wie bei einem Hund, der mit der Zeit seinem Herrchen ja angeblich auch immer ähnlicher sehen soll…

Etliche Songs laden zum kollektiven Mitgrölen ein – darunter Gassenhauer wie „I Love It Loud“, „Lick It Up“, „Shout It Out Loud“ oder das brachial gespielte „Heaven’s On Fire“. Die vier Ungarn lassen sich nicht lumpen, feuern und aus den Rohren und spielen mit einer Begeisterung, die schlichtweg ansteckend ist. Váry "Starchild" Zoltán macht die Ansagen und übernimmt die Stimme von Paul Stanley. Wie das Original hat auch er häufig mit den Höhen zu kämpfen. Trotzdem gefällt er mir besser als Stanley selbst, den zumindest ich mir mittlerweile live nicht mehr anhören kann. Es gibt einen neuen Ace Frehley! Der langjährige Gitarrist Maróthy "Space Ace" Zoltán hat sein Kostüm an den Nagel gehängt. Einen entsprechenden Nachfolger haben sie selbstverständlich dabei. Er darf sogar singen und bringt Ace Frehleys Signatur-Song „Shock Me“ und das Solo-Stück „New York Groove“. Das Gitarrensolo wird 1:1 von Frehleys Original übernommen, was schon wieder mehr als kultig ist. Die Gitarre raucht nicht, auch von der Feuershow sieht die Band ab. Das wäre brandschutztechnisch vermutlich eher schwierig geworden.

Von den Songs her gehen die Vier keineswegs auf Nummer sicher. Die Setlist dürfte sogar eher solche Kiss-Fans ansprechen, die sich im Katalog der Amis gut auskennen. Stücke wie „All The Way“, das überragende „Flaming Youth“ oder das wuchtige „War Machine“ (Was für ein Basslauf!) dürften die meisten Fans nicht unbedingt gekannt haben – trotzdem ist die Stimmung gut.

Das Schlagzeugsolo von Radek "Catman" Sikl ist sehr gut, aber ein Song mehr wäre mir hier bedeutend lieber gewesen. Gesanglich machen alle vier einen guten Job, wobei man Bassist Pocky "The Demon" besonders hervorheben muss. Er singt richtig genial und kommt Gene Simmons Stimme wirklich bedrohlich nahe. Die „Zahnfleischbluter-Aktion“ bei „God Of Thunder“ darf natürlich genauso wenig fehlen wie sein markantes Bassspiel bei „I Was Made For Loving You“. Das düstere „Black Diamond“ setzt zum Zugabenteil über und versetzt mich direkt in die Zeit als 12-Jähriger zurück. Ich werde nie vergessen, wie ich mir das Alive-Album zum ersten Mal angehört habe – „Black Diamond“ ist mit Sicherheit eines der Highlights dieser Scheibe.

„Detroit Rock City“ lässt das überragende Publikum noch einmal richtig abfeiern, „God Gave Rock N Roll To You“ beendet das fast zweistündige Konzert. Das Juze bebt in seinen Grundfesten, die phantastischen Musiker bekommen zurecht viel Applaus. Für mich und für die meisten Anwesenden war es ein sehr gelungener Abend. Das Juze hat als Veranstaltungsort hervorragend gepasst, auch die Akustik war sehr gut. Interessant ist, dass die Band auf etliche Klassiker (z. B. "Love Gun", "Calling Dr. Love" oder "King Of The Night Time World") verzichtet – und trotzdem für gute Laune gesorgt hat!


Ungefähre Setlist:
1. Creatures Of The Night
2. Deuce
3. Crazy Nights
4. I Love It Loud
5. Flaming Youth
6. All The Way
7. Shock Me
8. God Of Thunder
9. War Machine
10. Heaven’s On Fire
11. Lick It Up
12. New York Groove
13. I Was Made For Loving You
14. Black Diamond
15. Shout It Out Loud
16. Rock N Roll All Night
17. Detroit Rock City
18. God Gave Rock N Roll To You





Stefan Graßl



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