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Musik an sich
 
Wolfgang Rihm (geb. 1952): Tutuguri - Poème dansé für einen Sprecher, Chor und großes Orchester
(Hänssler)
20. Jahrhundert / Tanztheater
Cover
 

Nach dem Gedicht "Tutuguri" aus dem Hörspiel "Pour en finir avec le jugement de dieu?" von Antonin Artaud
Radio-Sinfoniorchester Stuttgart des SWR / SWR-Vokalensemble Stuttgart (Sprecher: Rupert Huber) / Fabrice Bollon

Wolfgang Rihm, Jahrgang 1952, gehört zu den produktivsten und arriviertesten zeitgenössischen deutschen Komponisten. Dass man ihn seit den 70er Jahren immer wieder auch als "Tabuverletzer" empfand, steht dazu nicht unbedingt in einem Widerspruch. Sein Erfolg und die Kontroversen um seine Musik mögen nicht zuletzt Folge einer kompromisslosen Suche nach dem "unverstelltem Tonfall und unverdrängter Emotionalität", nach "Erfahrung" (Rihm) sein. Diese Suche verhehlt in ihrem subjektiven Ausdruckswillen keineswegs einen - wenn auch mehr ideellen - Bezug zur Musik der Romantik, z. B. zu den Werken eines Franz Schubert.
Rihms Musik will als direkte An-Rede an den Hörer zum Klingen gebracht und vernommen werden. Statt also den Umweg über vormusikalische Strukturen oder abstrakte, letztlich unverbindliche Materialerkundungen zu gehen, will Rihm Zustände von Musik selbst ausdrücken, in der auch der Hörer als ‚Empfänger' immer schon vorgesehen ist. Ein Paradox, wenn man so will: Nicht Musik über Musik, sondern Musik nur aus und durch Musik. Doch verdanken Rihms Kompositionen diesem Ansatz eine mitunter bedrängende Unmittelbarkeit, die man bei Neuer Musik so nicht unbedingt erwarten würde.

Exemplarisch für Rihms Expeditionen ist das Poème dansé "Tutuguri" nach dem Hörspiel-Gedicht "Tutuguri. Der Ritus der schwarzen Sonne" von Antonin Artaud. Inspiriert durch dessen archaisierende, bildgewaltige Poesie, wird die Musik hier weniger komponiert und neu erfunden, als eindringlich beschworen und gleichsam aus Musik gezeugt. Radikal realisiert Rihm die "Idee vom Musikstrom: der Wunsch einer befreit-freien Musik, nur ihren eigenen Zwängen hörig, ‚Triebleben' der Klänge, aus- und eingespannt im Phantasiediktat" (Rihm).
Selbst wenn der avancierte Gestus dieser Musik unüberhörbar ist, so erscheint doch Vieles eigenartig vertraut, ohne dass man dabei irgendwelche ‚Zitate' ausmachen könnte. Musikalisch, so Rhim, beschreitet das Werk den "Weg vom Stil in den Klang, in den Vor-Ton". Und in der Tat: Man hat als Hörer das Gefühl, in eine musikalische Ursuppe einzutauchen, Musik in ihrem rohen, erhitzten, explosiven, animalischen und auch gewalttätigen Urzustand zu hören. Bruchstücke - Klangmoleküle - ziehen vor dem Ohr vorbei, befinden sich in einem steten Prozess der Auflösung und Neuformierung.
Rihm spricht hier von "Sprengung". Mit kompositorischer Meisterschaft kostet er die Extreme von Klang, Dynamik, Rhythmus, Farbe und Ausdruck aus. Ermöglicht wird dies durch die Massierung eines riesigen Apparates, der neben einem großen Sinfonie-Orchester allein sechs Schlagzeuger benötigt, dazu Sprecher und Chor. Alle Äußerungen, zu der die menschliche Stimme fähig ist, werden in das Riesenwerk eingeschmolzen: Klatschen, Stammeln, Singen, Flüstern, Schreien, Röcheln. Der zweite Teil ist fast ausschließlich dem Schlagzeug vorbehalten: "Gegen Ende: Auslöschung der Farbe, Aufhebung jeder Verbindlichkeit von Entwicklung außer der musikalischen" (Rihm).

Dass diese Aufhebung nicht in Beliebigkeit umschlägt und am Ende nur noch die musikalische Entropie steht, spricht für die Qualität von "Tutuguri". Hat man sich als Hörer auf dieses akustische Abenteuer, diese Klang-Orgie einmal eingelassen, ist die Erfahrung herrlich und schrecklich zugleich. Die provozierend kultisch-sakrale Aura des Werkes, die in der Aufführung als Tanztheater sicherlich eine noch leibhaftigere Dimension gewinnt, teilt sich auch beim Nur-Hören mit.

Für diese musikalisch wie klangtechnisch exemplarische Erst-Einspielung gebührt allen Beteiligten und Hänssler Classic höchstes Lob.
Anspielmöglichkeiten unter http://www.haenssler-classic.de.

20 von 20 Punkte

Georg Henkel

 

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