Der kiffende Star-Trompeter zwischen Innovation und Mainstream – Wolfram Knauer beleuchtet Louis Armstrong von allen Seiten




Info
Autor: Wolfram Knauer

Titel: Black and Blue - Louis Armstrong. Sein Leben und seine Musik

Verlag: Reclam

ISBN: 978-3-15-011323-3

Preis: € 24

256 Seiten


Louis Armstrong gehört zu den bekanntesten Jazz-Musikern überhaupt. Nicht nur die Refrains von „Hello Dolly“ oder „What a wonderful World“ sind ins allgemeine Kulturgut zumindest der westlichen Welt ebenso eingegangen wie sein Spitzname Satchmo. Auch optisch hat er einen Ikonen-gleichen Status gewonnen, sei es mit den weit aufgerissenen Augen und dem zu einem strahlenden Lachen geöffneten Mund oder mit dem weißen Tuch, mit dem er seine Trompete zu halten pflegte.

Wolfram Knauer zeichnet den Weg nach, der Armstrong aus dem Erziehungsheim im Elendsviertel von New Orleans in diverse Tanzorchester führte. Mit späteren eigenen Ensembles, den Hot Five und Hot Seven, entwickelte er sich in den 20er und 30er in Chicago zu einem der großen Innovatoren des Jazz. Diese Rolle muss er mit dem Aufkommen des Bebop und freierer Jazz-Varianten in den 40er und 50er Jahren aufgeben. Er konnte mit diesen neuen Entwicklungen nichts anfangen.

Seiner Stellung als Weltstar hat das nicht geschadet. Aber er war es nun als Teil des etablierten Musikmainstreams. Vor allem in den 50er Jahren tritt seine Rolle als Schauspieler stärker in den Mittelpunkt, wo er zum Teil, z.B. in High Society (Die oberen Zehntausend), sogar sich selbst spielt. Seit 1943 ist sein Lebensmittelpunkt New York. Sein Haus in Queens ist heute ein Louis Armstrong-Museum.

Black and Blue ist eine Musikerbiographie, die man zu einem gewissen Teil auch als Biographie eines Musikers für Musiker beschreiben kann. Knauer legt großen Wert darauf, Armstrongs Beitrag zur stilistischen Entwicklung der Jazzmusik zu würdigen. Dazu geht er immer wieder sehr ausführlich auf die kompositorischen Eigenheiten einzelner Stücke des Kornettisten und Trompeters ein. Auch der Einfluss seines unverwechselbaren Scat-Gesangs auf viel spätere Musikstile wie Rap und HipHop wird dargestellt.

Wer hier stärker einsteigen will, bekommt einiges geboten. Immer wieder erscheinen am Seitenrand die Symbole eines Kopfhörers oder eines Bildschirms, die auf die „Playlist“ im Anhang verweisen. Dort sind auf 24 Seiten Hinweise auf Fundstellen für die im Text erwähnten Aufnahmen bei Streamingdiensten oder Videoplattformen gelistet. So kann man durch Nachhören nachvollziehen, wovon Knauer spricht.

Darin geht Black and Blue aber nicht auf. Knauer macht auch den Menschen Armstrong lebendig. Und wer ihn als Nachgeborener (zu denen auch ich zähle) als Teil der etablierten Hochkultur kennen gelernt hat, der in den Feuilletons und Salons des Bildungsbürgertums neben Bach und Beethoven seinen Platz hat, wird an einigen Punkten erstaunt sein. Ich hatte bereits durch den Film High Society gelernt, dass der Liebling meines Vaters einmal als Bürgerschreck gegolten hatte.

Knauer vertieft das, indem er einen Mann schildert, der es, was den Umgang mit Frauen und Drogen anbelangt, sicher nicht mit Mötley Crüe, aber mit einer ganzen Reihe von Rock- und Punk-Bands aufnehmen kann.

Mehrfach thematisiert Knauer auch die Frage, wie der farbige Musiker Armstrong sich zur Rassenfrage stellt. Armstrongs Art sich mit rollenden Augen als komische Figur zu zeigen erinnert an die Minstrel Shows, in denen Weiße vor allem in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts extrem klischeehaft ihre von Vorurteilen geprägte Sicht auf Schwarze darstellten. Das hat Armstrong wiederholt den Vorwurf eingebracht, er habe als eine Art Onkel Tom dazu beigetragen rassistische Klischees zu verfestigen, um seinen Platz im von Weißen geprägten Show-Geschäft einnehmen zu können.

Knauer macht deutlich, dass Armstrong definitiv kein Agitator für die Gleichberechtigung der Schwarzen war. Er hält ihm aber zugute, dass er sich auf die bestehenden Verhältnisse eingelassen hat und so in der Lage war sich auch als Farbiger im Mainstream zu etablieren.

Dass Armstrong durchaus eine Position in der Rassenfrage hatte, macht Knauer an verschiedenen Beispielen erkennbar. So berichtet er, dass der etablierte Star, der auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges von der US-Administration bewußt als musikalischer Botschafter und US-amerikanischer Sympathieträger für Touren durch den Ostblock und mit ihm verbundene Länder in Asien und Afrika genutzt wurde, sich 1957 aus Protest gegen die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten einer Bitte des Außenministeriums in die UdSSR zu reisen widersetzte.


Norbert von Fransecky



 << 
Zurück zur Artikelübersicht