Chaos-Winter am Meer: Haydn, Dun und Debussy bei der Robert-Schumann-Philharmonie in Chemnitz




Info
Künstler: Robert-Schumann-Philharmonie

Zeit: 12.10.2023

Ort: Chemnitz, Stadthalle, Großer Saal

Fotograf: Wiener Konzerthaus und Julia Wesely

Internet:
http://www.theater-chemnitz.de

„Naturgewalten“ lautet das Motto des ersten Konzertes der Robert-Schumann-Philharmonie in der Saison 2023/24, und es markiert zugleich das Debüt von Elias Grandy, der in dieser Saison als conductor in residence fungiert. Einen Chefdirigenten hat das Orchester in dieser Saison nach dem Abschied von Guillermo García Calvo bekanntlich nicht, und so wird die Leitung von Gastdirigenten übernommen, unter denen der zuvor acht Jahre als GMD in Heidelberg tätig gewesene Grandy eine herausgehobene Stellung einnimmt, gleich in mehreren Konzerten dirigiert und daher den erwähnten Sonderstatus besitzt, ohne dass das aber als Fingerzeig gewertet werden darf, dass er damit quasi schon designierter GMD für die Folgejahre sei.

Dass Grandy ein recht kommunikativer Typ ist, zeigt sich schon darin, dass er nicht etwa nahtlos mit dem ersten Werk einsteigt, sondern eine kurze, aber intelligente Anmoderation davorstellt. Dann geht es aber mit „Die Vorstellung des Chaos“ los, also der Eröffnungsnummer aus Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, und die hebt programmgemäß mit einem chaotischen Akkord an. Die anfänglichen schrägen Klänge sind zwar kompositorische Absicht, aber man hört auch, dass sich Orchester und Dirigent erst noch aufeinander eingrooven müssen. Das schaffen sie zum Glück recht schnell (das Programm gab es ja auch am Vorabend schon mal, also sollte eine gemeinsame Basis da sein), und so steht der anfangs noch bedächtigen, aber bald vorwärtsdrängenden systematischen Entwicklung nichts im Wege. Im ersten Paukeneinsatz öffnet sich die Personaltür auf der rechten Seite noch einmal, und eine attraktive junge Frau in Kirschrot betritt die Bühne, auf der sich musikalisch ein spannend-bezaubernder Ausklang des Haydn-Stückes anbahnt.

Die besagte Frau ist Vivi Vassileva, die Solistin in Tan Duns Konzert für Schlagzeug und Orchester „The Tears of Nature“, dessen erster Satz „Summer“ (die Sätze sind nach den Jahreszeiten benannt, aber es gibt nur deren drei – der Frühling fehlt, da das Konzert ursprünglich als Fortsetzung von Igor Strawinskys „Frühlingsopfer“ gedacht war) attacca am Haydn-Finale hängt. Gefordert werden hier u.a. intensive Dialoge der Solistin mit den Schlagwerkern des Orchesters an verschiedenen Instrumenten, wobei Vassileva die halbe rechte Bühne durchmißt und Grandy ihr die Ausgestaltung dieser Dialoge gleich direkt überläßt. So entsteht dann gelegentlich viel Power, aber der Klang geht im Großen Saal der Stadthalle Chemnitz bekanntlich schnell in die Breite, und so entsteht nicht der Eindruck, dass hier ein Kampf auf Biegen und Brechen inszeniert werden soll. Die eher kurze Kadenz spielt die bulgarischstämmige Fränkin hinten auf den Pauken, und das Satzfinale besitzt eine recht eigentümliche Akzentuierung.
Der „Autumn“ stellt in traditioneller Umsetzung des klassischen Solokonzert-Schemas den langsamen Satz dar, Vassileva an die Marimba führend, während die Orchesterschlagzeuger gebetsmühlenähnlich tibetische Klangschalen bearbeiten und damit einen tinnitusartigen Sound hervorrufen, der gute Teile des Satzes hinterschwellig prägt, wobei es zwischendurch auch mal etwas entspannter zugeht. Am meisten Hörspaß machen freilich die diversen auch hier sehr intensiven Dialoge der Solistin mit einzelnen Orchesterinstrumenten, besonders der Harfe.
Der „Winter“ hängt attacca an und verändert das Bild völlig: Locker-flockig galoppiert das Orchester los, während die Solistin wie das sprichwörtliche Stehaufmännchen zwischen der riesigen Schlagwerk-Batterie auf ihrer Bühnenseite hin- und herwetzen muß, was besonders in der Kadenz eine anspruchsvolle logistische Aufgabe darstellt. Nicht selten hat Vassileva in einer Hand einen Schlägel und in der anderen ein anderes Anschlagwerkzeug, um alle Aufgaben zu bewältigen, die Tan Dun dem Solisten (Widmungsträger war Martin Grubinger, der das Werk u.a. 2017 mit dem Gewandhausorchester spielte – und Vassileva wiederum ist aktuell Grubinger-Schülerin, womit sich ein Kreis schließt) stellt. Diverse asiatische Anklänge sowohl im Schlagwerk als auch hier und da in den Flöten sind natürlich keine Zufälle, auch wenn es in diesem Satz um eine Naturkatastrophe an der US-Ostküste geht, während die ersten beiden Sätze tatsächlich von asiatischen Katastrophen inspiriert sind. Aber dass die Posaunen hier mal jazzig gären, paßt selbstredend zur US-Ostküste, und letztlich entwickelt sich ein wildes, aber doch prima strukturiertes Finale dieses interessanten Werkes, was vom Publikum mit viel Jubel und Standing Ovations honoriert wird.
Klar, dass eine Zugabe folgen muß – und dass die auch außergewöhnlich ausfällt, sollte nicht verwundern: Es handelt sich um die Kadenz aus dem Recycling Concerto von Gregor A. Mayrhofer, also einem Stück, das in bester Einstürzende-Neubauten-Manier Dinge, die sonst nicht als Schlaginstrumente gedacht waren, als solche einsetzt, aber das Ganze intelligent auf „klassische“ Weise durchstrukturiert und nicht zum Zwecke der Erzeugung kakophonischen Lärms. Vassileva nutzt als Schlaginstrument hier Plastikflaschen, die natürlich vorher auch entsprechend gestimmt werden müssen, und entfaltet damit ein ungewöhnliches, aber erstaunlich farbenreiches Klangbild, das so sehr bejubelt wird, dass sie noch eine weitere Zugabe nachlegt, die „Tango Jalousie“ von Jacob Gade, nun wieder an der Marimba und dort einige relativ markante Melodielinien evozierend. Danach ist ihr Teil aber zu Ende, auch wenn das Publikum ihr vermutlich noch lange hätte zuhören können und wollen. „Genial“, meint man in der Reihe hinter dem Rezensenten, der sich dem positiven Urteil vorbehaltlos anschließt. Im Opernbereich würde man für solche Reaktionen vermutlich eine sofortige Wiedereinladung aussprechen. Detail am Rande: Das Foto hier auf dieser Seite ist ein offizielles Pressefoto von Vivi Vassileva, das Programmheft zeigt auf dem Cover bzw. im Inneren zwei weitere, aber auf allen dreien sieht die abgebildete Frau jeweils völlig unterschiedlich aus – und die auf der Bühne bietet dann sozusagen die vierte Version ...

Nach der Pause geht es wäßrig weiter, und zwar mit Claude Debussys Dreisätzer „La Mer“. Dessen Morgengrauen zu Beginn des ersten Satzes holt Grandy von ganz weit unten hervor, auch der erste Trompeteneinsatz klingt wie von ganz weit weg, und überhaupt erweckt der Dirigent mit seiner Klanggestaltung nicht selten die Idee, man befände sich unter dem Wasser und nicht auf demselben. Nur gelegentlich taucht der Hörer dann doch mal empor und wird u.a. mit sehr eigentümlichen Offbeats aus den Kontrabässen konfrontiert. Grandy nimmt das Tempo langsam, aber nicht zu schleppend, so dass man nicht mangels Schwimmenergie untergeht, und ein Hornchoral führt zu einem bombastischen Tutti als eher knapper Satzschluß zum Mittag auf dem Meer.
Das Wellenspiel im zweiten Satz läßt in den Holz-Läufen erstaunliche Anklänge an einen gewissen dahindösenden Faun erkennen, aber allgemein herrscht hier schon muntere Lockerheit und Beweglichkeit. Dramatik gibt es immer nur episodenweise, wenn die Wellenberge doch mal etwas größer werden, aber Grandy findet einen guten Weg, diese Episoden ins große Gesamtbild einzupassen. Dafür, dass Publikumsgeräusche die Schlußspannung beeinträchtigen, kann er ja nichts.
Vor dem dritten Satz legt der Dirigent eine längere Pause ein und holt die Klänge dann wie schon im ersten von ganz weit unten kommend hervor – diesmal aber ist die Stimmung unheildräuend, der für diesen Satz titelgebende Dialog zwischen Wind und Meer verheißt nichts wirklich Gutes. Grandy findet auch hier den besten Weg zwischen Flow und Breaks, wobei die gegen die Orchesterrhythmis pulsierende Große Trommel schon großes Kino darstellt. Die Entspannung bleibt hier episodisch, die Dramatikausbrüche aber auch, wobei hier zwischendurch mal wieder klanglicher Tinnitus erzeugt wird, diesmal aber aus den ersten Violinen. Erst das Blechkommando sorgt für eine markante Steigerung der Gefahr, mal über- und mal unterschwellig, und das wilde Finale bleibt letztlich kurz und läßt den Überwältigungsfaktor aufgrund des stadthallenbedingt in die Breite diffundierenden Klangs ein wenig vermissen, wenngleich Grandy und das Orchester sich eine wirklich starke Wiedergabe gutschreiben lassen dürfen und abermals viel Applaus ernten, nicht ganz so enthusiastischen freilich wie nach der ersten Programmhälfte, was allerdings auch kaum zu erwarten gewesen wäre. Grandy gibt noch eine kurze Abmoderation zum besten und macht damit im besten Sinne neugierig auf die neue Saison, in der man ihn noch etliche Male erleben kann.


Roland Ludwig



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