Paradise Lost

Obsidian


Info
Musikrichtung: Gothic Metal

VÖ: 15.05.2020

(Nuclear Blast)

Gesamtspielzeit: 45:39

Internet:

http://www.paradiselost.co.uk


Paradise Lost hatten sich im Zuge ihrer ersten sieben Alben bekanntlich vom doomigen Death Metal zum Elektropoprock entwickelt, nebenbei den Gothic Metal mitentwickelt und nach einer stilistischen Kehrtwende über die nächsten sieben Alben hinweg auf Werk Nr. 15, Medusa, wieder zum doomigen Death Metal gefunden, sogar noch etwas konsequenter doomig als auf dem Debüt Lost Paradise. Mit einer gewissen Spannung durfte daher erwartet werden, wie der Follow-up von Medusa klingen würde. David E. Gehlke hatte vor der Veröffentlichung seiner Paradise-Lost-Biographie schon mal kurze Einschätzungen der Bandköpfe Nick Holmes und Greg Mackintosh einholen können, die eher auf eine Wiederzunahme der Stilvielfalt abzielten. Der Name Obsidian, der damals noch nicht genannt wurde, könnte allerdings auch in eine ganz andere Richtung weisen: Obsidian, ein Glas vulkanischen Ursprungs, ist bekanntlich tiefschwarz und ultrahart, und so wäre auch ein musikalisches Analogon denkbar gewesen, also dass Paradise Lost quasi auch tiefschwarz und ultrahart musizieren, noch tiefschwärzer und ultrahärter als auf Lost Paradise, was praktisch bedeuten würde, dass sie eine Funeral-Doom-Scheibe hätten einspielen müssen.
Nun, letzteres haben sie nicht getan – dazu reicht ein Hineinhören in den Opener „Darker Thoughts“. Der beginnt mit einem langen düsteren Akustikpart, über dem Holmes klagend klar singt und der später auch noch mit Violinen ausgestattet wird, bevor nach zwei Minuten dann Mackintosh und sein Gitarrenkompagnon Aaron Aedy doch noch die Verstärker aufreißen und ein paar dieser typischen Riffs evozieren, die man schon in der Frühzeit der Band lieben lernen konnte, wozu Holmes dann seine alte Grunzstimme wieder exhumiert. Klassische Mackintosh-Solomelodien gibt es im weiteren Verlaufe des Songs auch noch, der die einzelnen Elemente geschickt miteinander verschränkt und sein Pendant am ehesten in „Enchantment“, dem Opener des Fünftlings Draconian Times, findet, dessen Ansatz allerdings auf eine deutlich breitere Basis stellt (wir erinnern uns, dass Holmes auf diesem Album seine Grunzstimme schon völlig ad acta gelegt hatte). In „Fall From Grace“ wiederum hebt Holmes mit einem liebevollen „Uaaarghh“ an, und das Intro läßt die Option zu, hier richtig finster-bösen Doom Death folgen zu lassen, aber Mackintosh wählt eine andere: Er entwickelt tatsächlich etwas Düster-Doomiges, bricht dieses aber schnell wieder auf, holt Holmes aus dem Grunz- in den Normalbereich und evoziert nicht nur in den refrainartigen Parts fast so etwas wie Eingängigkeit. Dieser Song ist einer der beiden, die als erstes nach Medusa entstanden, und doch viel mehr als ein simpler Nachklang oder gar Abklatsch von dessen Material.
Hat man in diesen beiden Songs schon hier und da an die Sisters Of Mercy gedacht, so kommt mit „Ghosts“ quasi der Sisters-Song, den Andrew Eldritch irgendwie zu schreiben vergessen hat. Natürlich ist Mackintosh schlau genug, nicht einfach eine Sisters-Kopie abzuliefern, und schon in der Eingangssequenz führt er die Erwartungshaltung des Hörers ad absurdum, indem Drummer Waltteri Väyrynen und Bassist Steve Edmondson zunächst einen mitgeh- und rock’n’roll-kompatiblen Einstieg auf die Bretter legen, der erwartete flotte Mitgehrhythmus dann aber erst im Refrain zutagetritt, nachdem der Drummer die Strophenparts geschickt umspielt hat. Weil das An-der-Nase-Herumführen des Hörers hier so gut geklappt hat, wendet Mackintosh es in „The Devil Embraced“ (der andere der beiden frühesten neuen Songs) gleich nochmal an: Orgelprinzipal und Klavier scheinen wichtige Rollen zu spielen, was aber letztlich nur auf letzteres zutrifft, und das beispielsweise im Metalcore übliche Schema, die Strophen mit extremeren Vocals auszustatten und den Refrain clean zu singen, kommt hier in der reziproken Weise zur Anwendung. Sicherlich könnte man darüber streiten, ob das ziemlich komplexe Drumming, das Väyrynen hier drunterlegt, dem Song förderlich ist oder man eher ein etwas ökonomischeres Spiel nutzbringender gefunden hätte – aber wenn man mal genau drüber nachdenkt und sich die Songs in dieser Hinsicht gezielt anhört, ist Obsidian in rhythmischer, vor allem drumseitiger Hinsicht sowieso die vielschichtigste Paradise-Lost-Platte, die der Rezensent kennt. Mittlerweile ist der Drummer ja bekanntermaßen zu Opeth gewechselt, und es bleibt gespannt abzuwarten, ob Mackintosh die komplexere Linie auf dem Folgealbum weiter verfolgt oder aber wieder etwas ganz anderes macht. „Forsaken“ jedenfalls hebt mit weiblichen Chor-Vokalisen an und wird später recht bombastisch, während „Serenity“ als wohl geradlinigste Nummer der Platte durchgeht, wenngleich auch ihr ein markant anders rhythmisierter Kontrastpart eingepflanzt worden ist. „Ending Days“ bringt nochmal Alicia Nurho an der Violine zum Einsatz, rückt nach Sisters-Strophe und fast classicmetallischem Refrain im Solo aber so weit in Richtung AOR (natürlich in düsterer Bauart), wie man es von Paradise Lost bisher kaum mal gehört hat. „Hope Dies Young“ wiederum hätte auf Draconian Times oder dessen Folgewerk One Second stehen können, und nur Produzent Jaime Gomez Arellano wird wissen, warum Heather Mackintoshs Backing Vocals hier so weit in den Hintergrund gemischt wurden, dass man Schwierigkeiten hat, sie hinter Holmes‘ Gesang überhaupt zu entdecken. „Ravenghast“ schließlich hebt mit finsterem Riffing und bedeutungsschwangerem Piano an und holt aus seinen fünfeinhalb Minuten letztlich Gothic Metal der alten Schule, mit einigen klaren Vocals, Halbakustikparts und eben dem Piano aber auch hier Kontrastpunkte setzend, die klarstellen, dass wir eben nicht mehr 1992 schreiben. Wieso das sich lehrbuchmäßig steigernde Solo zur Hälfte auf einmal abgebremst wird, weiß wieder mal nur Mackintosh allein, aber dass die Komplexität hier bis zur Wiederkehr des Piano-Themas mal wieder markant zunimmt, paßt irgendwie ins Gesamtbild des Albums.
Die Wahl, Obsidian zu einem einerseits relativ komplexen, andererseits relativ stark an den Sisters Of Mercy orientierten Album zu machen, muß eine bewußte gewesen sein – zu diesem Schluß kommt der Hörer jedenfalls, wenn er sich nicht die Normaledition mit neun Songs in 45 Minuten zulegt, sondern den Digipack mit zwei Songs respektive zehn Minuten Spielzeit mehr. „Hear The Night“ und „Defiler“ nämlich zählen zur eher harten Kante, ohne freilich in Richtung des Vorgängeralbums oder der ganz frühen Zeiten zu schielen, und sie hätten damit auf dem Album eher neben „Fall From Grace“ und „Ravenghast“ gestanden, die in der Gesamtbetrachtung mit ihrer doomlastigen Bauart etwas die Paradiesvögel des Gesamtwerkes in seiner Neun-Track-Form sind. Somit erscheint es nicht unlogisch, gerade diese Songs als Boni zu verbraten. Ob man diese Strategie mag oder nicht, liegt wie immer im Ohr jedes einzelnen Hörers – aber Erwartungshaltungen und Paradise Lost, das ging wie erwähnt schon früher eher selten zusammen und tut es auch auf Obsidian nicht. Wenn man den richtigen Zugang zu dem Album findet, kann es den Hörer reich belohnen – aber nicht jeder wird ihn finden, und auch der Rezensent stolpert über einige Stellen, wo er „Weniger ist manchmal mehr!“ über den Kanal zu rufen geneigt wäre, wenngleich die grundsätzliche Klasse nicht anzuzweifeln ist.



Roland Ludwig



Trackliste
1Darker Thoughts5:46
2Fall From Grace5:42
3Ghosts4:35
4The Devil Embraced6:08
5Forsaken4:30
6Serenity4:46
7Ending Days4:36
8Hope Dies Young4:02
9Ravenghast5:30
Besetzung

Nick Holmes (Voc)
Greg Mackintosh (Git, Keys)
Aaron Aedy (Git)
Steve Edmondson (B)
Waltteri Väyrynen (Dr)




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