The Contrast

Madhouse Of Inventions


Info
Musikrichtung: Gitarrenpop

VÖ: 30.11.2018

(Secret Shark Records / CDbaby)

Gesamtspielzeit: 56:02

Internet:

http://www.thecontrast.net


David Reid legt mit seiner Band The Contrast bereits das achte Album vor, aber Madhouse Of Inventions ist die erste akustische Begegnung des Rezensenten mit seinem Schaffen in diesem Kontext (er kennt lediglich die auf www.crossover-netzwerk.de rezensierte Platte Lovely As Suspicion des Projektes ReidGraves, ein Quasi-Soloalbum Reids auf Texte von Ron Graves), und so kann der Leser nicht erwarten, Vergleiche mit den sieben Vorgängerwerken geboten zu bekommen, die allerdings sowieso ein wenig gewagt sein dürften: Erstens sind seit dem direkten Vorgänger fünf Jahre vergangen, so dass theoretisch durchaus eine Veränderung stattgefunden haben kann, und zweitens haben The Contrast einen neuen Keyboarder am Start: Simon Russell wählt gleich im Opener „Bureaucrats“ einen typischen Spätsechziger-/Frühsiebziger-Orgelsound, der so manchem Hörer beispielsweise aus dem Schaffen der Doors wohlbekannt sein könnte und auch The Contrast damit einen angenehm anachronistischen Touch verschafft, der jedoch keinesfalls pejorativ mit „verstaubt“ übersetzt werden darf. Zwar enthalten die sechzehn Songs im Prinzip nichts, was nicht mindestens auch schon vor einem Vierteljahrhundert entstanden sein könnte (ein paar schräge, sub-pop-kompatible Harmonien in „Your Secret“ stellen schon das „Modernste“ dar, was hier zu hören ist), aber wie eine pure Retroveranstaltung für eine Demo der Grauen Panther hört sich das Album nun auch wieder nicht an, zumal das Tempo durchaus auch mal in einen treibend-flotten Beat übergeht und das Material generell eine Portion Frische injiziert bekommen hat. Schon der galoppierende Zusatzbeat in „The Vulture Squadron“ würde in einer beschriebenen Demo garantiert reihenweise Herzinfarkte verursachen. Außerdem agiert Alleinsongwriter Reid durchaus nicht eindimensional, was man von ReidGraves weiß und auch hier im Infoblatt festgestellt wird – die dortige Stilumschreibung hätte der Rezensent nicht besser formulieren können, deswegen übernimmt er sie 1:1. Bitteschön:
The Contrast’s sleek, edgy chiming guitar pop embraces influences spanning folk, rock & roll, country, surf, psychedelia, 60s pop, jazz, punk and power pop, plus film noir, surrealism and sci-fi, wrapped up into irresistible 3-minute pop songs.“
Uff. Aber das meiste stimmt, irgendwo findet man es zumindest als Spurenelement, auch wenn man eine Weile warten muß und beispielsweise erst in „What Do You Get“ an Position 7 auf erste Countryanleihen stößt, wo Kat Moore als Gastviolinistin mit von der Partie ist. Die anderen drei Gäste der Scheibe beschränken sich auf Backing Vocals, worunter sich mit Kieran Wade ein Ex-Bandmitglied und mit Aimee Reid die auch schon bei ReidGraves als Gast dabeigewesene Tochter des Bandkopfs befinden, während eine weitere Person nachnamens Reid, nämlich Sharon, möglicherweise die Gattin von David, für das Sleeve Design verantwortlich zeichnet und damit durchaus Verwirrung stiftet: Das Coverartwork mit einigen aus einem Nebelmeer ragenden Gebäuden läßt jedenfalls keinerlei Rückschlüsse zu, welche Art von Musik der geneigte Hörer auf der Scheibe erwarten kann, während das Backcover und das innere Inlay eine Regatta mit Booten, die wie alte amerikanische Straßenkreuzer gestaltet sind, zeigen und damit immerhin dem Albumtitel ziemlich genau entsprechen, der wiederum den durchaus sarkastischen Inhalt so manches Textes erahnen läßt, was gleich mit dem fluffigen Opener „Bureaucrats“ losgeht und sich mit dem auf dem Fuße folgenden Titeltrack fortsetzt. Reid textet bei The Contrast zwar selber, aber ähnlich wie Graves bei ReidGraves behandelt auch er durchaus unkonventionelle, wenngleich der Realität durchaus genau nachempfundene bzw. gut beobachtete Themen.
Vielleicht auch als Satire ist die oben zitierte Dreiminutendauer gemeint – die 16 Tracks drehen sich nämlich fast exakt 56 Minuten im Player, was einen Schnitt von fast genau dreieinhalb Minuten ergibt. Aber vielleicht wollte der Texter auch nur darauf hinweisen, dass die Vierminutenmarke zumeist in gehöriger Entfernung angesiedelt ist, und tatsächlich überspringen sie nur die beiden letzten Songs, wobei auffällt, dass die längeren Nummern im letzten Viertel der Platte tatsächlich auch die am wenigsten mitreißenden sind, während die kürzeren Songs zumeist knackiger wirken. Ob die Band aber live ausschweifender agiert und die Songs als Vorlage für ausgedehnte Improvisationen nutzt, müssen Menschen entscheiden, die das Quartett im Gegensatz zum Rezensenten bereits auf der Bühne erlebt haben – aber eine starke Liveband könnten The Contrast durchaus sein, so dass sich das auf dem Promozettel zitierte augenzwinkernde Lob von Steven van Zandt aka Little Steven, sie seien eine der besten Bands des Planeten und auch Englands, möglicherweise (auch) auf ihre Livequalitäten beziehen könnte. Aber wie auch immer: In einem kleinen Retro-Club wie dem Kulturbahnhof Jena könnte man sich die Band gut vorstellen, und das einzige strukturelle Problem wäre, dass sie Aimee mitbringen müßten – wenn sie Backings singt, ergibt sich beispielsweise in „Sinister London“ ein äußerst willkommener 80er-AOR- bzw. –Westcoast-Touch, den man auf der Bühne auch gerne reproduziert sehen bzw. hören wollen würde. Die Vielschichtigkeit des The-Contrast-Schaffens offenbart sich etwa im angedüsterten „Demons From Your Id“, das mit seinen sinistren Keyboards und seinem latenten The-Mission-Touch trotzdem keinen Fremdkörper darstellt, sondern vielmehr als willkommene Zusatzfarbe dient. Hier überzeugt auch Davids im besten Sinne unprätentiöse Stimme am meisten, während man sich an manchen anderen Stellen fragt, was ein richtig großer Crooner aus dem Material noch hätte herausholen können. Aber da der gebürtige Schotte Reid aus der klassischen Singer-Songwriter-Schule stammt, ist die individuelle, aber nicht ganz große Stimme vom Grundkonzept her natürlich trotzdem passend. Nur die ganz großen Hits bleiben dadurch aus – man hört Madhouse Of Inventions gern am Stück durch, aber es auf Heavy Rotation zu nehmen ist man eigentlich bei keinem Stück geneigt. Das könnte sich wie geschrieben nach einem Liveerlebnis vielleicht ändern – aber Genrefans machen mit dem Album natürlich auch nichts verkehrt, zumal es auch in der technischen Komponente nichts zu meckern gibt. Neben den bereits genannten The Mission in ihren poppigeren Phasen seien als weitere Rahmenabstecker noch Tom Cochrane und New Model Army ins Feld geführt, aber aufgrund der bereits zitierten Stilvielfalt können das nur Anhaltspunkte bleiben, und im Oasis-Blur-Umfeld kennt sich der Rezensent zu wenig aus, um eventuelle weitere Marksteine zu setzen. Dass Parallelen zu ReidGraves nicht fehlen, liegt in der Natur der Sache, und wer von denen beispielsweise „Made My Baby Gag“ mochte, der wird auch am neuen Werk von The Contrast Gefallen finden. Gute Platte, ohne Wenn und Aber.



Roland Ludwig



Trackliste
1Bureaucrats3:12
2 Madhouse Of Inventions3:12
3 The Holy Grail3:25
4 Your Secret2:56
5 Before This Caper Goes Down2:55
6 The Vulture Squadron3:06
7 What Do You Get3:30
8 Pigless Head3:38
9 Updates3:51
10 Sinister London3:40
11 Passion2:36
12 Demons From Your Id3:55
13 Atmosphere3:59
14 River Of Infra-Red Light3:04
15 Intelligent Life4:38
16 This Final Day4:03
Besetzung

David Reid (Voc, Git)
Simon Russell (Keys)
Richard Mackman (B)
Thorin Dixon (Dr)



 << 
Zurück zur Review-Übersicht
 >>