Ego Project

A Középsö


Info
Musikrichtung: Metal

VÖ: 2015

(Nail Records)

Gesamtspielzeit: 37:33

Internet:

http://www.ego-project.hu


Cooler Name für ein Soloprojekt. Bisweilen firmiert diese ungarische Zusammenrottung allerdings auch einfach unter Ego, auf dem vorliegenden Album A Középsö beispielsweise auf den Inlayseiten, und das hat in gewisser Weise auch seine Berechtigung, denn die Besetzung, die „Mr. Ego“ István Beloberk um sich geschart hat, ist über die Jahre hinweg doch relativ stabil geblieben und besitzt gewissen festen Bandcharakter. Wem der soeben gelesene Name bekannt vorkommt: Ja, es ist der Bassist von Kalapács, und auch dort ist der Mann umfangreich am Songwriting beteiligt, aber scheinbar so kreativ, dass er noch ein weiteres Ventil braucht, um all seine Ideen unterzubringen.
Interessanterweise unterscheiden sich Ego rein stilistisch kaum von Kalapács – im Normalfall startet man ja ein Soloprojekt, wenn man andere musikalische Pfade beschreiten will als in der Hauptband. Das ist hier nicht der Fall, auch wenn man nach dem Opener „Ördög Tudja“ noch leicht im Zweifel sein könnte: Reggaelastige und auch mal numetalverdächtig quietschende Gitarren, wie sie hier gelegentlich aufblitzen, war man von Kalapács eher nicht gewohnt. Aber spätestens der klassisch-melodicmetallische Refrain rückt die Verhältnisse wieder zurecht, und der anschließende Titeltrack gebärdet sich einen Tick speediger, geradliniger und quasi so traditionsmetallisch, wie man das von diesen alten Recken eigentlich auch erwartet, was freilich auch in der Folge des Albums zumindest ganz kleine Experimente nicht ausschließt, wie etwa die Akustikgitarrendominanz im nichtsdestotrotz nach dem Intro abermals losflitzenden „Szívrontók“. Dafür bekommt man in „Boscánat“ eine derart archetypische Intro-Auflösung geboten, dass die Welt für den Traditionsmetalhörer ohne Wenn und Aber in Ordnung ist – er muß sich freilich dann im Hauptteil mit ganz leichten Bluesanleihen anfreunden, und der Refrain liefert wieder eine Elektrik-Akustik-Kombination feiner Qualität. Wer also befürchtet hatte, dass István Beloberk beim Ego Project etwa nur den Stoff unterzubringen trachten würde, der als für Kalapács zu schwach erachtet wurde, der sieht sich positiverweise eines Besseren belehrt, wenngleich man doch den einen oder anderen Durchlauf braucht, um die Qualität einiger Ideen wertschätzen zu lernen.
Wen haben wir personell beim Ego Project zu vermelden? Dass Istváns gleichfalls bei Kalapács aktiver Bruder Zsolt trommeln würde, war eine logische Entscheidung – er ist zugleich auch der einzige des Rest-Quartetts, der Songwritingcredits bekommt, allerdings nicht für die Musik, sondern für vier der Texte. Prominentester Mitstreiter unter den anderen drei dürfte Gitarrist Norbert Jung sein, dem Ungarn-Szenekenner von Pokolgép geläufig, wo er allerdings erst anheuerte, als József Kalapács bereits ausgestiegen war, um erst Omen (die ungarische Formation dieses Namens natürlich – die amerikanischen Omen waren zu dieser Zeit gerade auf dem Bandfriedhof gelandet) und dann die nach seinem Nachnamen benannte Combo zu gründen. Jung hat A Középsö zugleich tontechnisch betreut und alle Beteiligten ins rechte Licht gerückt, auch Sänger Zoltán Kiss, der deutlich cleaner singt als József Kalapács, womit sich ein markanter Unterscheidungspunkt des Ego Projects zur Band Kalapács ergibt. Fünfter im Bunde ist der zweite Gitarrist Zoltán Lahovicz, auch er kein unbeschriebenes Blatt in der ungarischen Szene, die sich ein weiteres Mal als äußerst lebendig erweist, wenn anderweitig durchaus nicht unterbeschäftigte Musiker quasi nebenher noch ein weiteres allermindestens gutklassiges Werk einzimmern und das nicht zum ersten Mal tun. Um mit dem Ego Project warm zu werden, darf man allerdings kein Freund ausladender Arrangements sein: Beloberk hält das hier eingespielte Material ziemlich kompakt, so dass sich die zehn Songs nur reichlich 37 Minuten im Player drehen. Das hat andererseits wieder den Vorteil, dass der Chefdenker zu Griffigkeit gezwungen ist – und das empfindet er offensichtlich nicht als Bürde, sondern als Chance. Markante Refrains stellen keine arrangementseitige Schwierigkeit dar, wenngleich es für den gemeinen Mitteleuropäer sprachlich natürlich etwas problematisch wird mit dem Mitsingen – Kiss artikuliert sich, wie die Songtitel bereits nahelegen, im heimatlichen Ungarisch, das bekanntlich weder mit den romanischen noch mit den slawischen und auch nicht mit den germanischen Sprachen sonderlich nahe verwandt ist. Das Vorgängeralbum hatte zusätzlich zu den ungarischen auch noch vier Bonussongs enthalten, die in Englisch vokalisiert waren – hier dagegen deutet dem Sprachunkundigen nur das Cover an, dass sich zumindest der Titeltrack der Medienkritik widmen dürfte. Aber man entdeckt auch beim Nur-Hören genügend interessante Momente, und wer zum leicht boogielastigen vorwärtsdrängenden Metal von „Közel A Tüzhöz“ keinen Bewegungsdrang verspürt, sollte dringend mal seine Lebensfunktionen überprüfen. Flottes und mittleres Tempo wechseln sich auf der Scheibe munter ab, die Ballade „Egyszerü Dal“ steht ganz am Ende und bringt einen weiteren Farbtupfer ins Geschehen ein, der zwischenzeitlich, etwa im erwähnten Intro von „Szívrontók“, nur angedeutet worden ist. Kein ganz großes Highlight, aber eine richtig gute und übrigens komplett keyboardfreie Scheibe, die Diskussionen über die Berechtigung des bereits seit 2005 existenten und mit vorliegender Scheibe bereits sein viertes Album veröffentlichenden Ego Projects gar nicht erst aufkommen lassen sollte.



Roland Ludwig



Trackliste
1Ördög Tudja3:21
2 A Középső3:48
3 Szívrontók4:14
4 Bocsánat4:24
5 Az Igazi Kincs3:37
6 Túlhajszolt Nemzedék3:24
7 Ez Vagyok Én4:00
8 Közel A Tűzhöz2:53
9 Hazamegyek4:11
10 Egyszerü Dal3:34
Besetzung

Zoltán Kiss (Voc)
Norbert Jung (Git)
Zoltán Lahovicz (Git)
István Beloberk (B)
Zsolt Beloberk (Dr)



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