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Artikel

Geva Alon: Israel ist ein harter Ort für Musik und Kultur

Info

Gesprächspartner: Geva Alon

Zeit: April 2011

Stil: (Alternative) Folk, Singer/Songwriter, Rock

Internet:
http://www.myspace.com/gevaalon

Pop- und Rockmusik aus Israel hält bei uns in den letzten Jahren nur spärlich Einzug. Namen wie Aviv Geffen (Blackfield) oder Orphaned Land sind dagegen inzwischen relativ bekannt. Dieser Tage erschienen gleich zwei herausragende Alben israelischer Musiker in unseren Breitengraden - beide auch erst mit zwei Jahren Verspätung. Die Namen der beiden Herren sind GEVA ALON und Asif Avidan. An dieser Stelle lassen wir einen der beiden, und zwar GEVA ALON, persönlich zu Wort kommen. Get closer ist bereits die dritte Platte des 1979 in einem Kibbutz geborenen und aufgewachsenen Musikers. Einst war er Mitglied in der Band des israelischen Indiemusikers Shy Nobleman, bevor er 2006 sein Solodebüt Days of hunger aufnahm. GEVAs Musik ist eindeutig von amerikanischen Folkrockern wie Neil Young beeinflusst. Heraus sticht besonders der leidenschaftliche Gesang. Dass Get closer eine sehr persönliche Angelegenheit für den Musiker war, ist kaum zu überhören. Aber genau so etwas zeichnet schließlich zeitlose und ehrliche Musik im Allgemeinen aus. Geschrieben wurden die Songs bei einem längeren Aufenthalt in den USA. Ob genau diese Entfernung für den Hauch an Sehnsucht verantwortlich ist, war nur eine Fragen, die MAS GEVA ALON stellte.


Was trifft eher auf Dich zu? 1. ich möchte die Herzen und Seelen der Leute mit meine Liedern berühren, oder 2. ich schreibe Lieder nur um mich selbst auszudrücken (eine Art egoistischer Akt).

Das ist kompliziert, da ich die Leute tatsächlich mit meiner Musik berühren möchte. Aber in erster Linie schreibe ich, um gewisse Dinge aus mir heraus zu holen. Es ist also ein bisschen von beidem.

Was hat Dich damals veranlasst Musiker zu werden?

Musik war immer um mich herum, als ich ein Kind war. Meine Eltern hatten eine kleine Plattensammlung und meine drei älteren Brüder brachten immer Musik in unser Haus. Zusätzlich mussten wir uns in der Schule ein Instrument zum Lernen aussuchen.

Wie hat Dich das Aufwachsen in einem konfliktträchtigen Land wie Israel in der Entwicklung als Schreiber und Musiker beeinflusst?

Ich bin sicher, dass diese Tatsache meine Musik beeinflusst hat. Aber es ist schwer zu sagen wie. Israel ist ein harter Ort für Musik und Kultur, da meisten Ressourcen des Landes in die nationale Sicherheit und derartige Dinge fließen. Aber trotzdem drehen sich viele der Lieder meines letzten Albums Get closer darum, in einem Kibbuz und in Israel aufzuwachen - und sogar um den Konflikt im nahen Osten.

Was denkst Du über die Demokratiebewegungen Deiner Nachbarländer und die bewaffneten Konflikte die sie hervorrufen? Hast Du ein wenig Angst oder ist es doch eine große Chance?

Ich denke es kann sich in beide Richtungen entwickeln. Es könnte eine großartige Möglichkeit sein, Dinge in eine bessere Zukunft zu lenken. Aber gleichzeitig ist es gefährlich und anspannend. Es ist schwer zu sagen, welche Nachfolgen das alles haben wird.

Deine Musik klingt sehr amerikanisch - in bester Folkrock-Tradition. Hat Dich Musik aus Deiner Heimat nicht beeinflusst? Oder waren es einfach Künstler wie Neil Young, welche Dich am meisten beeindruckt haben, als Du jung warst?

Israelische Volksmusik war stets um mich und ich liebe sie sehr. Ich denke auch, dass einige meiner Melodien „israelisch“ sind. Aber gleichzeitig war ich als Kind fasziniert von amerikanischer und englischer Musik und tauchte sehr schnell darin ein.

Es scheint, als würden die meisten erfolgreichen israelischen Musiker in ihrer Landessprache singen. Auf der anderen Seite wechselte ein Künstler wie Aviv Geffen von Hebräisch zu Englisch. Warum hast Du von Anfang an Deine Lieder in Englisch gesungen? Wolltest Du damit mehr Leute weltweit erreichen?

Ich begann ziemlich früh damit, in Englisch zu schreiben - als ich um die 14 war, da die ganze Musik die ich mochte amerikanische war und ich etwas in dieser Art machen wollte. Mit den Jahren wurde das einfach etwas das ich mache. Ich liebe die hebräische Sprache und ich schreibe ständig Lieder in Hebräisch. Ich habe nur noch nie ein Album in Hebräisch gemacht. Ich bin sicher, dass ich das aber eines Tages machen werde.

Deine Lieder haben stets einen melancholischen Touch. Bist Du generell mehr eine melancholische und nachdenkliche Person?

Ich denke nicht, dass ich eine besonders melancholische Person bin. Ich schreibe einfach über melancholische Dinge. Wenn ich fröhlich bin und mich nichts am Leben stört, spüre ich auch kein Bedürfnis zu schreiben.

Kommen wir nun zu Deiner neuesten Platte Get closer. Wie fühlt es sich an, ein Album zu bewerben, welches schon bald zwei Jahre als ist? Sind die Lieder noch immer aktuell für Dich?

Genau genommen ist es nur eineinhalb Jahre alt. Das Album ist mein persönlichstes bisher, darum auch der Titel „Get closer“. Und ich fühle mich nach wie vor sehr mit den Liedern darauf verbunden. Wenn ich die Songs heute spiele, spüre ich noch immer dieselben Gefühle, wie zum Zeitpunkt als sie neu waren.

Du hast die Lieder geschrieben, als Du für längere Zeit in den USA warst. Hat Dir diese Entfernung eine neue Perspektive gegeben, um über Deine Heimat zu schreiben?

Definitiv. Weit weg von meiner Familie und meiner Heimat zu sein, gab mir einen neuen Blickwinkel auf die wichtigen Dinge in meinem Leben und wem ich nahe sein will.

Ich habe sie noch nicht gehört, aber gelesen, dass Deine ersten beiden Soloalben etwas anders als Get closer klingen sollen. Kannst Du das ein wenig beschreiben? Und was wolltest Du mit dem letzten musikalisch erreichen?

Ich denke im Vorfeld nicht über ein Ziel nach oder was ich damit erreichen will, wenn ich eine Platte mache. Ich versuche einfach die besten Lieder zu schreiben, welche ich in der Zeit schreiben kann und sie so zu produzieren, dass ihr Potenzial maximiert wird. Ich bin sehr froh, dass sich meine Alben jeweils unterschiedlich entwickelt haben, da es zeigt, dass ich mit meiner Kreativität in viele verschiedene Richtungen gehen und nach neuen musikalischen Horizonten suchen kann. Einer der Unterschiede ist, dass meine ersten beiden Soloalben von mir selbst produziert wurden und Get closer von Thom Monahan. Er wird auch das nächste produzieren.

Denkst Du, die verschiedenen Richtungen Deiner Musik sind mit den diversen Stufen Deines Lebens verknüpft, welche Du persönlich durchlaufen hast?

Das tun sie wahrscheinlich. Alles was ich durchlaufen habe, hat einen unmittelbaren Effekt auf meine Musik.

Bist Du immer noch zufrieden wie Get closer geworden ist oder würdest Du rückblickend gerne etwas daran ändern?

Es gibt immer ein „ich hätte es jetzt besser machen können“-Gefühl wenn einige Zeit vergangen ist. Aber im Ganzen bin ich zufrieden und ziemlich stolz darauf wie das Album geworden ist.

Im Januar hast Du ein paar wenige Konzerte in Deutschland gespielt. Wie wurde Deine Musik aufgenommen?

Ich war sehr überrascht von den tollen Reaktionen die ich bekam und davon wie großartig die Auftritte dort waren. Ich spielte sonst nur vor ein paar Jahren ein paar Konzerte in Berlin. Im Januar war es viel besser als ich gehofft hätte. Ich plane Ende Mai noch einmal zu euch zu kommen (wurde mittlerweile bestätigt, s. Tourdatenkalender - d.Verf.).

Wie war es das erste Mal als junger Israeli in Deutschland zu spielen, das eine schwierige Geschichte mit Deinem Land und seinen Einwohnern hat?

Ich muss sagen, dass ich über diese Tatsache nicht allzu sehr nachgedacht habe, als ich dort spielte. Ich war nur aufgeregt, in einem neuen Gebiet zu spielen, wie es an jedem neuen Ort ist, an den ich komme. Ich will glauben, dass diese Geschichte nichts mit der heutigen Musikszene beider Seiten zu tun hat. Und es gibt auch keinen Grund, dass es das tut. Meine Familie hat eine Geschichte mit dem Holocaust und das wird nie vergessen sein. Davon abgesehen, habe ich auf all meinen Deutschlandbesuchen einige der nettesten, aufgeschlossensten und liberalsten Leute überhaupt getroffen.

Derzeit arbeitest Du an einem neuen Werk. Wann kann man mit einer Veröffentlichung rechnen und wie wird es wohl klingen?

Es ist schwer zu sagen, wie es klingen wird. Das ist eine Frage, die ich nie beantworten kann, bevor das Album fertig ist. Wie Get closer wird auch dieses von Thom Monahan produziert werden, der vorher mit solch großartigen amerikanischen Künstlern wie Dvandra Banhart, Dinosaur Jr., Beachwood Sparks und anderen zusammen gearbeitet hat. Thom hat ein paar tolle Musiker angeworben, um auf der Platte zu spielen. Otto Hauser (Vetiver, Espers, Devandra Banhart) am Schlagzeug, Jeff Hill (Rufus Wainwright) am Bass und Dan Hindman (Vetiver) an Gitarre und Keyboards. Es wird ein neues und aufregendes Abenteuer. Das Album wird in Spanien aufgenommen und es sollte Anfang 2012 herauskommen.

Hast Du ein paar unerfüllte Karrierewünsche, bzw. was möchtest Du in den nächsten Jahren erreichen?

Ich will einfach weiter Musik aus einer ehrlichen und aufrichten Position heraus machen und dazu fähig sein, zurückzuschauen und stolz auf die Dinge zu sein, die ich gemacht habe. So lange das funktioniert, ist alles in Ordnung!


Diskografie

Days of hunger (2006)
The wall of sound (2007)
Get closer (2009 / 2011)

Mario Karl


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