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Artikel

Gingerpig: Auf Wiedersehen Perfektionismus, willkommen Improvisation!

Info

Gesprächspartner: Gingerpig (Boudewjin Bonebakker)

Zeit: April 2011

Stil: (Retro) Rock

Internet:
http://www.gingerpigrock.com
http://www.myspace.com/gingerpigrock
http://www.facebook.com/GingerpigRock

Boudewjin Bonebakker kennen einige vielleicht noch von der holländischen Vorzeige-Deathmetal-Band Gorefest. Doch seit 2009 ist Schicht im Schacht bei diesem Vierer. Bereits kurz vorher begann der mittlerweile auch singende Gitarrist die Idee einer eigenen Band auszubrüten. Aufgrund seiner musikalischen Wurzeln wagt er mit GINGERPIG einen tiefen Blick zurück zu klassischen Rocktugenden. Komplett in der traditionellen Besetzung, inklusive Orgel, die hier eine große Rolle spielt. Auf dem Debütalbum The way of the Gingerpig bemühte er sich zusammen mit seinen drei ausgezeichneten Mitmusikern um einen möglichst authentischen und lebendigen Sound. Etwas das man in Zeiten des technischen Overkills gar nicht hoch genug schätzen kann. Und so knistert es hier an jeder Ecke, wenn sich GINGERPIG in ihrem Rausch im Bereich Hardrock, Blues und Black-Music spielen. Zu entdecken gibt es einiges. Hier im Interview gewährt uns Boudewjin einen Blick in sein musikalisches Selbstverständnis und das Wesen seiner Band.


Was zur Hölle ist ein „Gingerpig“ und warum hast Du den Namen für Deine Band gewählt?

Es ist eine Schweinezuchtrasse mit rötlichem Fell, die sich offiziell Tamworth nennt. Es ist vermutlich eine der ältesten britischen Rassen, nicht wirklich tauglich für die moderne Massenproduktion und ziemlich rar. Wir nannten die Band Gingerpig, weil wir den Klang mochten und keine Lust hatten, zuviel Zeit damit zu verschwenden, den coolsten Namen überhaupt zu finden. Ein Name ist nur ein Name und wir machen uns nicht zuviel daraus. Außerdem sieht es als Logo mit den vielen Gs cool aus.

Wenn man sich The way of the Gingerpig anhört, scheint es fast klar, wer bei Gorefest die 70er-Einflüsse in die Alben Soul survivor und Chapter 13 brachte. Ist Gingerpig nun also etwas, was Du schon lange machen wolltest?

Ich höre das oft, aber die beiden Alben waren Mannschaftsleistungen. Wir alle wollten diese Richtung gehen - besonders Ed (Warby, Schlagzeug - Anm.d.Verf.) und ich. Aber das macht Jan-Chris (de Koeijer, Bass/Gesang - Anm.d.Verf.) und Frank (Harhoorn, Gitarre - Anm.d.Verf.) zu keinen geringeren Komplizen. Schon sehr früh hatte ich ein Gefühl für die Musik aus dieser Ära und bereits als Kind bewunderte ich verschiedene Stilelemente wie die Basslinie von „Non non rien n’a change“ (Les Poppys) - die ursprünglich von Hendrix stammte, wie ich später herausfand. Oder auch die Orgel aus „Gimme gimme some lovin’“ (Spencer Davis Group) und die Gesangsharmonien von Fleetwood Macs „Go your own way“. Als ich die Idee meine eigene Band zu gründen entwickelte, war es mehr oder weniger ein Folgen meiner eigenen Ideale, wie man Musik macht: organisch und spontan. Ich war inspiriert eine Band in der Art von Black Mountain zu gründen. Ein bestimmter heavy, stonerartiger Sound mit ein paar verträumten Passagen. Natürlich kam dann als ich zum Schreiben anfing nichts heraus, das auch nur im Entferntesten etwas mit Stoner Rock zu tun hatte. Es kam ziemlich das heraus, was ich immer an Pop- und Rockmusik liebte. Das Wichtigste war, immer nur das zu tun, was aus mir heraussprudelte - vergiss Limitierungen. Und das ist genau das, was man nun auf dem Album hört.

War es schwer, die richtigen Musiker zu finden welche dieselbe Vision teilen - vor allem einen fähigen Orgelspieler?

Um für einen guten Nährboden zu sorgen, nahm ich mir vor, die Möglichkeiten einer traditionellen Rockbandbesetzung so gut es geht auszureizen - mit Instrumenten mit einem „natürlichen Sound“. Was ich als erstes wollte, war eine echte Hammond-Orgel, welche ich für vergleichsweise wenig Geld auf einer Auktionsseite erwarb. Als großer Fan von Steeley Dan wollte ich auch ein elektrisches Rhodes- oder Wurlitzer-Piano. Sonst nichts, nur diese beiden Dinge, damit es auch einfach spielbar bleibt. Davon abgesehen, dass mir nicht klar war, dass eine Hammond eine Tonne wiegt… Während des Schreibens spielte ich auch eine wenig mit Moog-Soungs herum und fand das gut, so dass ich es ebenfalls als Möglichkeit hinzuzog. Dieser organische Klang passte gut, also warum nicht?
Es war ziemlich schwer einen guten Orgelspieler zu finden. Solche sind rar und die meisten Spieler die ich fragte, waren Freischaffende, welche sich nicht nur einer Band verschreiben wollen. Wir begannen bereits zu proben, als wir endlich Jarno fanden. Er passte gut zu den Ideen welche ich hatte, brachte sogar mehr musikalisches Können mit als ich mir wünschte. Es öffnete sich also eine Welt der Möglichkeiten für mich.
Schlagzeug und Bass sollten sehr traditionell klingen. Ein Schlagzeug, bei dem man noch richtig den Klang von Häuten auf Kesseln, Holz und unverstärkte Akustik hören kann, virtuoses Spiel und rollende Grooves. So ähnlich wie die Rhythmussektion von Black Sabbath in ihren frühen Tagen, zum Beispiel. Unser Schlagzeuger Maarten hat einen Jazzrock-Hintergrund und passte zu meiner Philosophie ziemlich gut. Er spielt wie die Virtuosen der 70er, von denen die meisten ebenso einen Jazzhintergrund besitzen, und hat diesen typischen Groove. Anfangs half er nur aus, als wir für eine Weile keinen Schlagzeuger hatten. Aber er wuchtete uns auf eine Ebene, von der ich nur träumte und er mochte wirklich was wir taten. Also ketteten wir ihn einfach an den Gingerpig-Schlagzeughocker.
Bassist Sytse fand ich ziemlich einfach. Ich sah ihn spielen, fragte ihn und das war’s. Er hat den passenden Sound, ist ein richtiger Virtuose, dem es nichts ausmacht einen Groove auch mal nur mit einer Note zu spielen, und ist süchtig nach alten Instrumenten.

Das Album klingt sehr organisch und vibrierend. Du hast angegeben, dass es live und analog im Studio aufgenommen wurde, was man meiner Meinung nach auch hören kann. Ist das der einzig richtige Weg, atmende Rockmusik aufzunehmen? Würdest Du das auch Bands empfehlen, welche immer noch begeistert von digitalen Aufnahmemöglichkeiten wie ProTools sind?

Das kann ich nicht so richtig beurteilen. Ich bin sicher, dass man das mit Festplattenaufnahmen ebenso bewerkstelligen kann. Ich schätze, man muss ein bisschen disziplinierter sein, um es sich nicht zu einfach mit diesen Dingen zu machen. Es ist eine schwierige, aber natürliche Art des Aufnehmens. Es benötigt einiges an Investitionen, da man in der Lage sein muss, ein Studio zu mieten, welches die passende Ausrüstung bietet - ein gutes Bandaufnahmegerät und einen verdammt guten Tontechniker, der weiß was er tut. Du musst auch mal schlechte Tage in Kauf nehmen, vorher gut proben, aber nicht zu gut, und Dinge einfach mal offen lassen. Ich wollte eine bestimmte Magie einfangen, ein Gefühl von vier Leuten, die zusammen spielen und das kann man nicht so leicht herstellen, wenn man alles einzeln aufnimmt. Als ich das vorher mit Pieter Kloos, dem fabelhaften Tontechniker der Void Studios, besprach, wurde klar, dass wir das tun können. Das bedeutet: Halte dich nicht mit Diskussionen oder Klangverlusten auf, setze auf maximalen Bandruck und spiel einfach. All die Dinge, von denen ich dachte, dass sie dem Sound gut tun würden, bestätigte er mir als den einzigen richtigen Weg aufzunehmen. Es gab mir alles, was ich wollte: warmen Klang, Leute die hörbar zusammen spielen, aber das wichtigste, auf Wiedersehen Perfektionismus, willkommen Improvisation! Selbstverständlich gibt es ein paar Overdubs, ein Gitarrensolo ein paar Keyboardsachen, und natürlich den Gesang. Aber das meiste was du hörst ist richtiges ZUSAMMENspiel.

Wie entsteht ein Gingerpig-Song - schreibst Du die Stücke zu Hause in ihr jammt anschließend dazu im Proberaum?

Genau so! Bei manchen lasse ich die Band freier interpretieren, bei anderen sage ich genau, was sie machen sollen - was sie dann ganz genüsslich ignorieren…

Ich mag Deinen Gesang. Hast Du Deine Stimme jemals bei einer anderen Band trainiert oder ist das Dein erster Versuch und fühlst Du Dich wohl in Deiner neuen Rolle als Sänger und Gitarrist in Personalunion?

Vielen Dank. Es ist der erste Versuch nach 25 Jahren oder so. Es kann ziemlich schwierig werden, da ich beides nicht limitieren möchte. Natürlich muss ich das, aufgrund körperlicher Einschränkungen. Aber ich werde besser darin. Wenn ich jetzt wählen müsste, würde ich mich für den Gesang entscheiden. Aber das könnte morgen wieder ganz anders aussehen. Ich mag beides zu sehr, um mich für eines zu entscheiden.

Fühlst Du Dich selbst als Bandleader oder mehr als Teil des Ganzen? Von der Musik her ist die Gitarre ja meist nicht das dominierende Instrument. Das trifft nicht selten auf die Orgel zu.

Ich bin der Bandleader, keine Frage. Aber ich glaube, ein guter Bandleader weiß, wann er zurücktreten und andere in den Vordergrund lassen muss. Nach all der Gitarrengewalt bei Gorefest freue ich mich sehr über eine subtilere und „auf den Punkt“-Rolle. Was ich mit der Gitarre mache, muss getan werden. Und so mag ich das. Manchmal erlaube ich mir ein paar Solo-Extravaganzen, aber ich fühle nicht das Bedürfnis, das ständig zu tun. Um ehrlich zu sein, würde mich das ziemlich langweilen. Ich liebe es den anderen beim Spielen zuzuhören.

The way of the Gingerpig ist ein regelrechtes Füllhorn an verschiedenen klassischen Sounds. Es schmeckt nach Blues, Funk, ein bisschen Jazz und Soul und hat ein starkes Hardrock-Flair. Du scheinst Dir ja nicht gerade gerne Grenzen zu setzen. Ist also der Himmel die einzige Begrenzung?

Der Himmel ist die einzige Begrenzung, ganz einfach. Die Alben von früher, die sich liebe, variieren alle in ihrer Gestaltung. Queen, Led Zeppelin oder Thin Lizzy haben sich auch alle nicht auf einen Stil versteift.

Wie gestaltet sich ein Gingerpig-Konzert - improvisiert ihr wie Deep Purple früher oder auch Gov’t Mule heute oder haltet ihr Euch sehr an die Albumversionen?

Wenn wir länger spielen können, jammen und improvisieren wir mehr. In diesem frühren Stadium unserer Karriere haben wir allerdings nicht so oft die Gelegenheit bei Konzerten die Zeit zu vergessen. Aber in dem Rahmen den wir uns setzen, klingt kein Lied jemals gleich.

Es scheint, als hättest Du eine große Plattensammlung. Welche alten LPs der 60er und 70er würdest Du jungen Fans empfehlen, welche gerade diese Art von Musik entdecken?

Ich würde sagen, holt euch Parachute von den Pretty Things. Ein Album welches ich kürzlich entdeckte und in kurzer Zeit zu einem Favoriten wurde. Das erste Allman Brother Band-Album hat mich in Sachen Gesang ziemlich beeinflusst. Ich liebe es sehr. Es wäre ein gutes, um es sich anzuhören. Steeley Dan, The Small Faces, Hot Rats von Frank Zappa, Donny Hathaway, Gill Scott Heron - hunderte von Namen fallen mir da ein.

Boudewjin, ich danke Dir für Deine Zeit und wünsche Dir viel Erfolg mit der Band!

Ich danke Dir, dieses Interview geben zu können. Solange wir spielen können, sind wir glücklich. Also deutsche Clubs, ruft uns an!


Mario Karl


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