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Zeit: 29.06.2025
Ort: Leipzig, Gewandhaus, Großer Saal
Fotograf: Marius Drobisz (Collagenersteller)
Internet:
http://www.uni-leipzig.de/orchester
Musik von Frauen findet seit einiger Zeit im „klassischen“ Konzertbetrieb verstärkte Aufmerksamkeit – ein reguläres Sinfoniekonzertprogramm, das ausschließlich Werke von Frauen enthält, besitzt aber immer noch Seltenheitswert. Das Leipziger Universitätsorchester wagt sich in seinem 2025er Sommersemesterkonzert nun an ein solches Programm, noch dazu eines mit Werken von solchen Frauen, von denen auch im besagten Zeitalter der verstärkten Beachtung derartigen Schaffens kaum jemand je gehört haben dürfte, zumindest von denen in der ersten Programmhälfte. Das Risiko wird allerdings belohnt: Zwar ist das Sommersemesterkonzert grundsätzlich ein wenig schwächer besucht als das im Wintersemester, aber für ein derartiges Obskuritätenprogramm an einem Juniabend mit Wetter, das eigentlich eher zu Outdooraktivitäten einlädt, ist der Große Saal des Gewandhauses doch sehr achtbar gefüllt: Im wesentlichen bleibt nur die Orgelempore leer.
Morfydd Llwyn Owen starb 1918 mit nur 26 Jahren – trotzdem brachte sie es auf 15 Orchesterwerke und eine erkleckliche Zahl von Kompositionen für andere Besetzungen, so dass 2024 in ihrer walisischen Heimat sogar ein eigens ihrem Schaffen gewidmetes Festival stattfinden konnte und nicht gerade unter Optionenarmut litt. Hierzulande ist sie kaum präsent, was angesichts des Höreindrucks des Nocturne Des-Dur, mit dem das Universitätsorchester sein Konzert eröffnet, ein durchaus änderungswürdiger Zustand sein könnte. Ein sehnsuchtsvolles Klarinettenthema eröffnet das Werk, fugiert durch düstere Welten wandernd und von Daniel Seonggeun Kim, der übrigens den kompletten Abend auswendig dirigiert (wir erinnern uns: ein Obskuritätenprogramm mit lauter Werken, die er mit großer Wahrscheinlichkeit selbst neu einstudieren mußte), sehr bedächtig entwickelt. Die durchschrittenen Klanglandschaften sind karg, aber nicht hoffnungslos, und hier und da lugen erste Anflüge von Romantik um die Ecke. Das große Tutti (mit Pauken) wird lange vorbereitet – danach zeigt die Waliserin aber, dass ihr durchaus bewußt ist, dass sie im frühen 20. Jahrhundert lebt und komponiert: Den selbst aus heutiger Perspektive noch ziemlich abstrus oder mindestens ungewöhnlich anmutenden Übergang in eine flotte Pizzikato-Tanzweise mit munteren Holz-Themen hätte man ihr im 19. Jahrhundert noch um die Ohren gehauen. Der Schlußteil nimmt wieder Tempo raus, zeigt sich aber etwas aufgehellter als der Einleitungsteil, und der Bombast mündet in Momenten schriller Schrägheit – auch hier ist die neue Zeit angebrochen. Ein kurzes, nochmal grooviges Finale erstirbt in hoher Spannung, die sich in Jubel des Auditoriums entlädt.
Augusta Holmès, in Frankreich wirkend, aber irisch-britischer Abstammung, wurde reichlich doppelt so alt wie ihre walisische Kollegin und schuf gleichfalls ein reichhaltiges Werk, das heute weitgehend im Verborgenen schlummert. Bei ihren Sinfonien könnte das daran liegen, dass es sich um Programmusik handelt, auch wenn sie nicht als Sinfonische Dichtungen klassifiziert sind, sondern bekannten Formmodellen folgen – eine Art Hybride also, und solchen steht man in so manchem Kontext ja eher skeptisch gegenüber. An diesem Abend erklingt der 1875/76 geschaffene Dreisätzer „Roland Furieux“, also eine Vertonung von Szenen aus Ariosts gleichnamigem Epos des 16. Jahrhunderts. Den Hybridcharakter zeigt schon die Tatsache, dass wir jeweils eine traditionelle Satzbezeichnung und einen themenbeschreibenden Untertitel haben, also:
I. Allegro (Le paladin Roland chevauche par le monde à la recherche de l'infidèle Angélique)
II. Andante Tranquillo (Les amours d'Angélique et de Médoc. Dans la Forêt)
III. Allegro Feroce (La fureur de Roland)
Von der Form her adaptiert die Komponistin also eher das klassische Solokonzertschema und fügt ihrem Hybriden damit noch eine weitere Ebene hinzu. Nachdem schon beim Nocturne die Bühne ziemlich voll gewesen war, wird nun bei den Bläsern nochmal aufgerüstet – und die Neuen werden auch gleich im ersten Satz voll gefordert, wenn es zupackend und signalhaft zur Sache geht. Der Dirigent wählt zügige Tempi und läßt die Streicher recht kernig sägen – der Held dreht auf seiner Suche nach seiner verlorenen Prinzessin quasi jeden Stein um. Das Seitenthema darf da nicht zu schmalzig sein und ist es an diesem Abend auch nicht, zumal einige gepfefferte Einschübe klarmachen, dass hier lange Zeit kein Sucherfolg wartet, und folgerichtig hängt dann auch wieder ein kerniger Satzschluß dran.
Die Prinzessin ihrerseits hat sich schon anderweitig getröstet, und das hören wir in Satz 2, der mit einem Cellosolo anhebt, bevor sich das Fagott hinzugesellt. Wer hier wer ist, darf sich der Hörer selbst fragen – jedenfalls wandert die Aufgabe der Themenfindung alsbald ins Orchester, wenngleich solistische Einlagen weiter präsent bleiben. Der Dirigent gestaltet das Ganze bedächtig, lieblich und (mit Ausnahme eines rabiaten Piccolo-Einsatzes) praktisch unironisch, so dass das bedächtige Hin und Her trotz des völlig abstrusen Paukenrhythmus im Vorschlußteil ohne einen Höhepunkt bleibt, sondern die Liebenden offenbar letztlich einfach einschlafen.
dass sie unsanft geweckt werden, bleibt naturgemäß nicht aus – der dritte Satz hängt nicht ganz attacca an, aber der herausfahrende Charakter wird trotzdem prima umgesetzt und der damit verbundene Zorn des Helden, der sich nunmehr anschickt, die halbe Welt zu verwüsten, auch. Heißt praktisch: Verharrungen bleiben selten, und selbst in diesen ist immer noch der pure Vorwärtsdrang statt etwaiger Breite Trumpf. Der souverän und deutlich dirigierende Kim holt bedarfsweise sehr viel Druck aus dem Blech, und obwohl der Rezensent fast direkt unter einer Art Schirm der zweiten Violinen sitzt, freut er sich doch über erstaunlich gut gemischte Tutti. In Richtung Finale wird die Wildheit immer heftiger, und drei große Schläge setzen dem Geschehen ein Ende, wonach abermals verdienter Jubel ausbricht – für das Werk wie für die Musiker.
Konzerthälfte 2 beginnt mit einem Spendenaufruf aufgrund anstehender Kürzungen der universitären Mittel, die entsprechende Auswirkungen auf das Orchester haben könnten, und beinhaltet dann dasjenige der drei Werke, dem das Publikum am ehesten schon mal begegnet sein könnte: Die Sinfonie fis-Moll op. 41 von Dora Pejačević ist 2022 im Gewandhaus schon mal erklungen, damals mit dem Gewandhausorchester und im Zuge der Gedenkkonzerte zum 100. Todestag von Arthur Nikisch. Nachdem die beiden Mittelsätze schon 1918 in Wien uraufgeführt worden waren, hegte Nikisch Interesse, das ganze Werk in Leipzig zu spielen, aber vor seinem Tod kam es nicht mehr dazu, und da ein Jahr nach ihm auch die Komponistin starb, war erstmal keiner mehr da, der sich um die Propagierung dieser Sinfonie und ihres weiteren kompositorischen Schaffens hätte kümmern können bzw. wollen. Erst 100 Jahre später kommt nun doch entsprechende Aufmerksamkeit zustande, und interessanterweise gibt es das Werk im Oktober 2025 im Programm des Gewandhausorchesters gleich nochmal, auch mit dem gleichen Dirigenten, nämlich Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons – dreieinhalb Jahre Distanz sind für das übliche Programmplanungsschema angesichts der Fülle des potentiellen Konzertrepertoires ausgesprochen wenig.
Formale Experimente sind dabei Pejačevićs Sache nicht: Wir haben ein klassisches viersätziges Schema, und der erste Satz besitzt eine langsame Einleitung, ein Andante maestoso, groß schreitend, düster grollend, aber auch mit gewisser Leichtigkeit – nur majestätisch klingt hier wenig, eher herrscht ein gewisser Zug zum Tor, der sich dann auch im Allegro-con-moto-Hauptteil fortsetzt, wobei sich ein paar spukhafte Elemente hinzugesellen, aus den gestopften Hörnern kommend und sich dann fortpflanzend. Kim erzeugt einige Breite, aber auch Transparenz in den Tutti, und er weiß, wie er Pejačevićs fast konsequent rückwärtsgewandte Tonsprache zu nehmen hat. Hier regiert also die Spätromantik des frühen Mahler, mehr noch aber Bruckner – nach dem zwar leicht holprigen, aber klangschönen Hornchoral wird der Satz immer „brucknerischer“, und das feiste Finale im schleppenden Bombast hätte auch der große Österreicher nicht wesentlich anders geschrieben.
Ziemlich „unbrucknerisch“ gerät der langsame Satz – kein großes weltengrübelndes Adagio, sondern ein Andante sostenuto mit deutlich anderem Ausdruck. Dem Englischhornsolo folgt eine behutsame Entwicklung mit weiteren Holzsoli, gemischt mit Streicherelementen oder Tutti, und abgesehen von ein paar Anflügen klingt das Ganze so ganz und gar nicht düster. Kim wählt ein ziemlich langsames, aber nicht schleppendes Tempo – zum großen Zentralausbruch hin entwickelt er sogar vorwärtsdrängenden Charakter, und generell weist der ganze Satz eine hochinteressante Binnendynamik auf. Abermals führt das Englischhorn solistisch, diesmal über Tiefblech und Tiefstreichern, zu einem zauberhaften Finale mit Hochspannung.
Das Scherzo lebt von seinen munteren Tanzrhythmen, die durch Bombasteinschübe gegliedert werden. Dazu gesellt sich ein Xylophon mit seltsamen, aber durchaus nicht schräg zu nennenden Elementen, und auch die perlenden Holzeinwürfe tragen viel zur lockeren Stimmung bei. Der witzige Pizzikato-Schluß pflanzt sich als Gliederungselement der Trio-Andeutung fort, in der sich zudem auffällig monotones Streichergesäge breitmacht. Hier ist in der Gesamtschau dann also wieder eher Mahler als Bruckner der Anknüpfungspunkt, wenn man denn unbedingt einen braucht.
Das Finale, ein Allegro appassionato, bietet eine eher distanzierte Hinleitung zu einem dann sehr offensiven Hauptthema, welches nun wieder „Bruckner pur“ darstellt. Der hätte vielleicht das Seitenthema ein wenig lieblicher gestaltet, was Pejačević dann nicht tut, und in der Kunst der Durchführung macht ihr hier eh niemand was vor. Einige Tutti geraten schon recht dominant, und wer vielleicht später doch noch Lieblichkeit erhofft, der geht leer aus: Selbst in den Verharrungen gesellt sich immer irgendein Unruhefaktor dazu. Mit viel Power stürmen wir zu einem feisten Satzschluß, die Posaunen dürfen nochmal richtig knarzen, und da stört auch der Aspekt, dass Kim den Dynamikgipfel schon vorher erreicht hatte und nach hinten nichts mehr zum Zusetzen bleibt, nicht entscheidend. Das Publikum feiert die jungen Musiker und ihren Dirigenten jedenfalls alsbald mit stehenden Ovationen, und das ist auch mehr als verdient.
Nachdem mit dem Wintersemesterkonzert 2025 die Tradition einer Zugabe bei den Konzerten des Leipziger Universitätsorchesters wieder aufgenommen worden war, ist man jetzt natürlich gespannt – aber es gibt diesmal wieder keine. Egal – von den drei Werken des Abends war jedes eine Entdeckung und hochgradig lohnend.
Roland Ludwig

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