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Info
Zeit: 19.09.2025
Ort: Jena, Markt
Fotograf: Andrey Kezzyn
Internet:
http://www.mrzarko.com
Das Jenaer Altstadtfest dauert anno 2025 zehn Tage, also zwei Wochenenden plus die dazwischenliegende Woche. Die große Bühne wird immer noch auf der Südseite des Marktplatzes aufgebaut, wie das schon 2013 der Fall war, als der Rezensent erst- und bisher auch letztmalig bei einer dieser Festivität zugehörigen Veranstaltung zugegen war, nämlich weiland beim Gig von Knorkator. Im Gegensatz zum Schauerwetter damals herrscht anno 2025 am Freitagabend des zweiten Festwochenendes perfektes Spätsommerwetter, so dass der Markt gut ge-, wenn auch nicht überfüllt ist. Vor der Bühne gibt es ein freies Areal, weiter hinten stehen Bierzeltgarnituren, so dass man die Wahl hat, ob man sich irgendwo niederlassen oder aber die Bühnenaktiven stehend aus der Nähe anfeuern will. Der Rezensent wählt eine Art Mittelweg – er steht, allerdings hinter den zentralen Bierzeltgarnituren und direkt vor dem Mischpult. Sein Zeitmanagement am späten Nachmittag bzw. frühen Abend gestaltet sich allerdings schwieriger als erwartet – er hätte neben dem Headliner auch durchaus gerne Mandowar gesehen, die als vorletzte Band des Tagesprogramms auftreten, aber er trifft letztlich erst unmittelbar vor 21 Uhr auf dem Marktplatz ein.
Pünktlich 21 Uhr legen dann Mr. Žarko los, also der namensgebende Mensch an Mikrofon und Gitarre sowie seine sechs Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Von den mittlerweile vier Alben der Formation besitzt der Rezensent nur das 2013er Debüt Electric Gypsy Disco Noise, und das hat er schon mindestens zehn Jahre nicht mehr im Player gehabt und folglich auch nur noch sehr diffus im Ohr – aber es war damals relativ außergewöhnlich, da es im Gegensatz zu vielen anderen Balkanbeat-Scheiben nicht primär auf Tanzbarkeit und damit Bühnentauglichkeit getrimmtes Material enthielt, sondern deutlich vielschichtiger arrangiert war, was das Hören am heimischen Player reizvoller machte als das der Tonkonserven mancher Genrekollegen, zugleich aber auch die Vorstellung aufkommen ließ, dass es möglicherweise etwas schwierig sein könnte, mit diesen Songs eine Tanzfläche zum Kochen zu bringen. Das Interessante ist nun, dass sich diese Einschätzung im ersten Liveeindruck, den der Rezensent von Mr. Žarko an diesem Abend gewinnt, zu bestätigen scheint. Kommt der Opener noch mit relativ kerniger Gitarre und starkem Rockfaktor daher, so demonstriert auch er bereits, dass sich Philipp Bernhardt, der Trommler der Formation, nicht auf gängige Viererbeats zu beschränken gedenkt, und letzteres setzt sich in den ersten zwei Dritteln des Sets fort. Heißt also praktisch: Will man zur Musik von Mr. Žarko das Tanzbein schwingen, muß man schon ein bißchen aufpassen, um den nächsten Rhythmuswechsel nicht zu verpassen, und Grundkenntnisse auch in abseitigeren Rhythmusmustern sind durchaus auch äußerst nutzbringend. Nun sind wir hier natürlich nicht in der Tanzstunde, wo ein Pädagoge granteln könnte, wenn man seine Hintergliedmaßen nicht im Takt der Musik bewegt – also versucht das Publikum halt einfach, so gut mitzumachen, wie es eben gerade geht. Etwas ausgebremst wird das Livefeeling allerdings leider vom Sound. Der kommt zwar überwiegend relativ klar aus den Boxen und stellt auch fast alle Instrumente und Sänger in ein gebührendes akustisches Licht, sogar den zusätzlichen Percussionisten Marco Mingarelli, der Marimba und ähnliche Instrumente spielt, die in einer rockorientierten Band live sonst gern mal ins Abseits gestellt werden – aber ein Musiker steht wirklich im akustischen Abseits, und das ist der Tieftöner. Das ist doppelt schade, denn einerseits sorgt Matthew Bookert mit seinem ungewöhnlichen Instrument für einen ganz speziellen Hingucker: Er spielt eine Tuba, und zwar keine in der gewöhnlichen Bauform, sondern ein Helikon, also mit um den ganzen Körper führenden Rohren. Andererseits ist gerade der Baß für eine derartige Musik und ihren Tanzbarkeitsfaktor eminent wichtig, und wenn man ihn nur so im Hintergrund dahingrummeln hört oder aber das Gefühl bekommt, er sei nicht optimal auf die anderen Instrumentalisten eingestimmt, obwohl sie absolut synchron spielen, dann verliert das Gesamtpaket der Musik erheblich an Wirkung, zumal sich dadurch auch eine Höhenlastigkeit ergibt, die in diesem Kontext auch nicht der Weisheit letzter Schluß ist, da der Helikonist das einzige grundsätzliche tiefe Instrument spielt – die anderen beiden Bläser auf der Bühne arbeiten am Saxophon bzw. an der Trompete. Deutliches Zeichen, wo es hier hakt, sind die Momente, in denen Žarko Jovašević kernigere Riffs intoniert, und prompt funktioniert auch die Klangbrücke nach unten besser.
Die vorderen zwei Drittel des Sets bieten somit immer noch guten, aber nicht sonderlich animierenden Balkanbeat – die Stimmung auf dem Markt ist nicht schlecht, aber ausbaufähig, die Band wird durchaus mehr als nur freundlich beklatscht, und auch die Tanzfläche vorn ist schon relativ gut gefüllt. Irgendwann kurz nach 22 Uhr findet der Soundmensch aber plötzlich eine Einstellung, wie er den Baß durchdringender gestalten kann, ohne dass irgendwelche anderen Musiker darunter akustisch zu leiden hätten – interessanterweise passiert das genau in einer der Passagen, wo das Helikon nicht mit seinem „Natursound“ agiert, sondern über einen Verzerrer gejagt wird, was richtig fiese tiefe Klänge ergibt, auf die auch jede Doomband stolz wäre. Und auch als der Verzerrer wieder ausgeschaltet wird, hat sich das Gesamtklangbild deutlich zum Besseren gewandelt. Da weiter hinten im Set auch eine gewisse Konzentration an Nummern herrscht, in denen der Drummer dann doch mal etwas länger geradlinige Viererbeats spielt, kommen somit gleich mehrere Faktoren zusammen, die aus dem guten einen richtig mitreißenden Gig machen, zumal die anderen Tugenden, also Spielfreude, Originalität und Einfallsreichtum, prinzipiell erhalten bleiben und auch die Vocals von Mr. Žarko himself (vielschichtig, meist eine normale Stimmlage, aber nötigenfalls auch feuerwasserkompatibel) und seiner Partnerin Katya Tasheva (auch vielschichtig, bedarfsweise sogar im operatischen Fach kompetent) zu überzeugen wissen. Letztere übernimmt auch das Gros der Publikumskommunikation und stellt fest, dass die Band vor Urzeiten schon mal in Jena gespielt hat – es kommen auf die Frage, wer damals schon dabei war, aber kaum Handzeichen. Für die Anwesenden dieses Abends ist’s jedenfalls ein interessantes Hörerlebnis, dessen hinteres Drittel wie beschrieben am meisten zu überzeugen weiß, und ohne Zugaben kommen die Berliner natürlich auch nicht davon – interessanterweise fordert nach dem gefeierten ersten Zugabenblock aber niemand einen weiteren ein, obwohl weder die Pausenmusik noch das Bühnenlicht bereits angeschaltet worden sind. Statt dessen endet der Applaus, die Tanzfläche beginnt sich zu leeren, und die Band kommt folgerichtig auch nicht nochmal auf die Bühne zurück. Vielleicht entgeht dem Jenaer Publikum dadurch noch etwas, aber auch so ist bei der Spielzeit mit einer reichlichen anderthalben Stunde durchaus nicht Schmalhans Küchenmeister. Wenn dann beim nächsten Mal vielleicht schon eher dieser gewisse Schalter umgelegt werden kann ...
Roland Ludwig

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