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Artikel

Theo Waigel und der Kunstrock: Jeff Wagner mit einer Bandbiographie über Fates Warning

Info

Autor: Jeff Wagner

Titel: Destination Onward. The Story Of Fates Warning

Verlag: FYI Press

ISBN: 978-1-7379679-0-3

Preis: 32,99 US-$

380 Seiten

Internet:
http://www.fateswarningbook.com
http://www.fateswarning.com

In den frühen bis mittleren Achtzigern machte sich eine zunächst noch sehr kleine Abteilung junger Bands auf, um zu beweisen, dass sich Heavy Metal nicht in üblichen Vier-Viertel-Schemata und geradlinigen Songwritingstrukturen limitieren muß, sondern rhythmische Variabilität und komplexes Songwriting, wie man es aus dem Progrock der Siebziger kannte, auch mit der neuen metallischen Härte und Energie kombinierbar waren. Drei Bandnamen fallen immer wieder, wenn es um die Pionierarbeit an dem Stil geht, den man später Progressive Metal zu titulieren pflegte. Watchtower blieben dabei immer ein Underground-Thema, während Queensrÿche größere kommerzielle Erfolge feiern konnten.

Die dritte Band plazierte sich irgendwo dazwischen: Fates Warning haben ein stabiles Following, auch wenn so mancher Anhänger der ersten drei, vier Alben mit der danach eingeschlagenen Richtung zum „Kunstrock“, wie Tim Hofmann im „US Metal Vol. 1“-Lexikon treffend schrieb, seine Probleme gehabt haben dürfte. Aber Chefdenker Jim Matheos und seine jeweiligen Mitstreiter schafften es immer wieder, einerseits kein Album wie eine direkte Kopie des Vorgängers klingen zu lassen, andererseits aber keine Bocksprünge zu machen wie etwa Queensrÿche ab den Neunzigern, denen es gelang, große Teile ihrer Anhängerschaft nachhaltig zu vergraulen. Klar wird es immer Leute geben, die die Theorie „Ohne John Arch taugen Fates Warning nix“ vertreten, aber die können die ersten drei Fates-Alben gern immer wieder auflegen und Archs mittlerweile erschienene (und maßgeblich von Matheos koordinierte) Solowerke auch, und für alle anderen gibt der mittlerweile 13 reguläre Alben umfassende Katalog von Fates Warning jede Menge Stoff zum Entdecken ab, auch für den Rezensenten, der noch nicht alle der 13 besitzt. Per Stand Reviewzeitpunkt 2025 gilt das Albumschaffen der Band gemäß offizieller Verlautbarung als abgeschlossen, aber da Matheos und sein auch schon altgedienter Kreativpartner der neuzeitlicheren Fates-Werke, Sänger Ray Alder, ja immer noch leben und in anderen Kontexten weiter Songs schreiben, erscheint eine Fortsetzung zumindest rein biologisch nicht unmöglich, zumal die Formation nicht aufgelöst ist, sondern weiter Konzerte gibt.
Alder ist nach Matheos mittlerweile das zweitdienstälteste Mitglied der Band – zur Gründungsbesetzung gehörte aber der erwähnte John Arch, mit dem das 1983 vollzählige Quintett aus dem US-Bundesstaat Connecticut erste Demoaufnahmen tätigte und davon überrascht wurde, dass Metal-Blade-Chef Brian Slagel das Material so gut fand, dass er die Band nicht nur auf den fünften seiner „Metal Massacre“-Sampler packte („Soldier Boy“ erfreute sich dort der Gesellschaft von Songs anderer Könner wie Omen, Overkill oder Metal Church), sondern das Demomaterial neu abmischen ließ, so dass es als Fates Warnings Debüt-LP Night On Bröcken erscheinen konnte, das musikalisch schon aufhorchen ließ (das erwähnte „Soldier Boy“ konnte der Rezensent, obwohl er die Platte mindestens 25 Jahre nicht gehört hat, bei einem aktuellen Versuch zumindest teilweise immer noch strukturell korrekt mitvollziehen), primär allerdings durch das etwas verunglückte Coverartwork der Originalpressung (im Rock Hard mal mit „Theo Waigel fackelt den Wald ab“ umschrieben) auffiel, wobei dasjenige der kanadischen Lizenzpressung auf Banzai Records, die hier im LP-Regal steht, aber eine klassische Verschlimmbesserung darstellte. Das abartig hohe kreative Potential der Band entfaltete sich aber erst auf den Folgealben richtig: The Spectre Within und Awaken The Guardian gelten als Meilensteine des komplexen und doch emotionalen Metals (ein markanter Unterschied zu Queensrÿche, die schon auf Rage For Order und Operation: Mindcrime einen unterkühlt-kalkulierten Tonfall anschlugen), und No Exit hätte den gleichen Status, wäre da nicht der Faktur, dass John Arch das Mikrofon geräumt hatte und man sich an Ray Alders Stimme (und die auch hier zumindest ein kleines Stück zurückweichende Wärme des Materials) erst gewöhnen mußte. Der genannte Wechsel in Richtung „Kunstrock“ begann mit Perfect Symmetry, ehe die Band nach Parallels in eine tiefe Krise stürzte, da sie es aus businesstechnischen Gründen nicht schaffte, das durchaus massenkompatible Potential dieses Albums richtig auszuschöpfen. Inside Out wurde eher ein Übergangsalbum, das aber der hier tippende Rezensent deutlich mehr schätzt als das Folgewerk A Pleasant Shade Of Grey, ein düsteres und schwer verdauliches, künstlerisch freilich hochinteressantes Album, das nur aus einem riesigen, 52minütigen Song besteht. Disconnected führte die Band ins neue Jahrtausend, in dem die Abstände zwischen den Alben größer wurden und die Formation erneut mehrmals vor dem Aus stand, sich aber immer wieder berappelte, deutlich häufiger live zu spielen begann und ihren Status letztlich festigen konnte, wobei der Ruf als eine der „Gottvaterbands“ des Progressive Metal sicherlich nutzbringend war, war dieses Genre seit dem überraschenden Erfolg von Dream Theater in den Frühneunzigern doch immer größer geworden, so dass die Zahl der Bands, die heute mit ungewöhnlichen Rhythmusmustern arbeiten, förmlich Legion ist. Dass sich darunter auch so manche Formation findet, die das mehr oder weniger zusammenhanglose Aneinanderreihen von Musikfragmenten als Songwriting missinterpretiert, dafür können Fates Warning natürlich nix.

Seit 1985 war auch Jeff Wagner Fan von Fates Warning, und obwohl auch er so seine Schwierigkeiten mit dem Arch-Alder-Wechsel hatte, so blieb er der Band letztlich doch treu, und zwar bis heute. Dass er sich in der Geschichte der komplexeren harten Musik auskennt, hat er bereits vor Jahren mit seinem Buch „Mean Deviation: Four Decades of Progressive Heavy Metal“ unter Beweis gestellt, und „Destination Onward“ erfüllt die hohen Erwartungen, die man daher an eine Bandbiographie über Fates Warning aus seiner Feder haben konnte, problemlos. Wagner wurde von Matheos mit zahllosen Infos, Fakten und auch exklusivem Audiomaterial unterstützt, führte Interviews mit allen aktuellen und ehemaligen Bandmitgliedern sowie zahllosen Weggefährten, schöpft zudem aus intensivster Kenntnis des Songmaterials und schafft es, das Ganze in eine nachvollziehbare und in gut verständlichem Englisch geschriebene Bandbiographie zu verwandeln, die bis auf wenige Ausnahmen fast streng chronologisch gehalten ist. Die Studioalben bilden die Grundlage für die Kapitelgliederung, und da das zehnte Werk FWX betitelt ist, überrascht das Detail, auch die anderen Kapitel analog zu benennen, nicht weiter, wobei ein Kapitel namens „FW0“ die Embryonalphase beleuchtet. Zwar hätte man sich etwas größere Abbildungen der Cover gewünscht, um die im Text beschriebenen Details besser zu erkennen, aber die Bebilderung ist generell recht reichhaltig ausgefallen, so dass man also nicht über mangelnden Stoff in dieser Richtung klagen muß. Das Gros der Bilder ist schwarz-weiß, in der Mitte des Buches gibt es aber auch einen Block mit Farbbildern. Neben den albenorientierten Kapiteln finden sich einige Exkurse, z.B. zu den Reunions verschiedener historischer Line-ups für die Aufführung bestimmter Alben oder über die Audition von John Arch als Dream-Theater-Sänger in den frühen Neunzigern, die bekanntlich zu nichts führte. Zudem finden sich zwei Anhänge, der eine mit Kurzvitae aller einstigen und jetzigen Mitglieder (das kann man zwar alles auch im Text nachlesen, aber eine solche knappe Zusammenfassung zum schnellen Nachschlagen ist immer etwas Feines), der andere mit bestimmten Tabellen und Rankings, darunter beispielsweise den Top-10-UFO-Songs mehrerer Mitglieder – Mogg & Co. bildeten einen wichtigen Einfluß bei der musikalischen Sozialisation der Musiker, nicht nur derjenigen der frühen Besetzungen. Wagner läßt in den wenigen Fällen, wo Erinnerungen bzw. Einschätzungen verschiedener Menschen auseinanderklaffen, oft beide Seiten zu Wort kommen, analysiert auch die Songtexte, soweit das bei der Metaphorik von Arch, Alder und Matheos (den drei hauptsächlichen Textern der Band) möglich bzw. sinnvoll ist, und schafft ein hochgradig interessant zu lesendes Ganzes, das nicht zuletzt auch Appetit aufkommen läßt, das Material der Combo in den Player zu werfen – und das ist das größte Kompliment, das man einer Bandbiographie überhaupt machen kann. Dass während des Reviewschreibens nach vielen Jahren hier mal wieder Inside Out lief, stellt also keinen Zufall dar. Wer sich mit dem Buch und den Alben auf Entdeckungsreise begibt, könnte jedenfalls reich belohnt werden.

Norbert von Fransecky


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