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Weiterbildung, romantisch gedacht: Festkonzert zum 20jährigen Jubiläum der Rudolf-Kempe-Orchesterakademie in Chemnitz

Info

Künstler: Robert-Schumann-Philharmonie plus Mitglieder und Alumni der Rudolf-Kempe-Orchesterakademie

Zeit: 17.08.2025

Ort: Chemnitz, Opernhaus

Fotograf: Kati Hilmer (Theater Chemnitz)

Internet:
http://www.theater-chemnitz.de

Viele Orchester haben erkannt, dass sie trotz des Umstandes, dass die Musikhochschulen jedes Jahr Legionen rein spieltechnisch durchaus fähiger Absolventen ausspucken, auch selbst etwas für die Weiterbildung jener jungen Musiker tun müssen, deren praktische Erfahrung, was das Musizieren in einem großbesetzten Klangkörper angeht, sich zumeist auf projektbezogene Orchester beschränkt und die nur in der Theorie davon Ahnung haben, worauf es beim Weg in die große weite Musikwelt, die dem Orchestermusiker grundsätzlich offensteht, konkret ankommt. Diese Situation bildet den Nährboden für verschieden strukturierte Orchesterakademien. Auch die Robert-Schumann-Philharmonie hat eine solche, und zwar wurde sie in der Saison 2004/05 auf Initiative von Karl Gerhard Schmidt, weiland Vorsitzender des Chemnitzer Theaterfördervereins, und Hartmut Schill (Foto), damals wie heute Konzertmeister des Orchesters, ins Leben gerufen, kann aktuell ergo auf 20 Jahre ihres Bestehens zurückblicken, wobei sie ihren aktuellen Namen Rudolf-Kempe-Orchesterakademie erst seit 2018 trägt. Schill und einige seiner Musikerkollegen fungieren dabei jeweils für ein bis zwei Jahre als Mentor der Akademisten, die weiterhin Instrumentalunterricht erhalten, sich aber auch im Kammermusikspiel schulen und nicht zuletzt auch praktisch in den Orchesteralltag integriert werden, indem sie Konzerte und Opernaufführungen mitspielen, aber auch eigene Konzerte geben.
Etwa 70 Musiker haben die Chemnitzer Akademie bisher durchlaufen, und deren 20jähriges Bestehen bildet nun den Anlaß für ein Festkonzert, in dem eine größere Kammerorchesterbesetzung der Robert-Schumann-Philharmonie spielt, die durch eine aktuelle Akademistin sowie 13 Alumni der Akademie ergänzt wird, wobei interessanterweise die sechsköpfige Cellogruppe komplett aus Alumni besteht. Ob es einen Zufall darstellt, dass alle beteiligten Alumni Streicher sind (und auch Blanca Barrientos López, die beteiligte aktuelle Akademistin, spielt Violine), müssen Eingeweihte analysieren. Auf solche limitiert ist die Akademie jedenfalls nicht – unter den aktuellen Akademisten etwa befindet sich auch ein Hornist.

Das Konzert wird zugleich genutzt, um selten gespieltes Repertoire aufs Tapet zu holen, und da es im Chemnitzer Kulturhauptstadtjahr stattfindet, ist es sozusagen Ehrensache, auch einen Chemnitzer Komponisten zu berücksichtigen, wenngleich einen, der erst an einem anderen Wirkungsort bekanntgeworden und zudem dem musikhistorisch Interessierten heute eher in einer anderen Funktion geläufig ist: Christian Gottlob Neefe unterrichtete in Bonn einen Knaben namens Ludwig van Beethoven. Musik seines Schülers ist heute omnipräsent, solche des Lehrers liegt aber nur sehr selten auf den Notenpulten, und daher nimmt man die Möglichkeit, seine Partita Es-Dur zu hören, umso lieber wahr. Hartmut Schill leitet die Aufführung vom ersten Geigenpult aus und wählt für das eröffnende Allegro di molto eine muntere und zügige, aber nicht überhastet wirkende Herangehensweise, die auch in zurückhaltenderen Passagen noch so viel Vorwärtsdrang entfaltet, dass beide Nachbarinnen des Rezensenten den Rhythmus mitzuklopfen beginnen. Nach hinten heraus gestaltet sich der Satz aber eher unprätentiös, was indes gut auf das folgende Andante con sordino vorbereitet, das mit edler Zurückhaltung glänzt, aber auch latentes Schwingen transportiert, dann aber wieder wie hingetupft anmutet, und zur Krönung gerät Schills kurze, aber enorm sehnsuchtsvolle Sololinie.
Den beiden etwas längeren Eingangssätzen folgen drei kürzere Tanzsätze, die ihren jeweiligen Tanzcharakter zwar deutlich erkennen lassen, ihn aber nicht überbetonen. Das Minuetto besticht dabei durch einige hübsche Echoeffekte, die Angloise durch ihren Mix aus Kernigkeit und Eleganz und die finale Polonaise ebenfalls durch die innere Spannung, die sich durch die vorwärtsdrängenden Violinen und Holzbläser und die bremsenden Kontrabässe ergibt. Das seltene Stück wird mit viel Applaus belohnt.

Danach kommt Generalintendant Christoph Dittrich auf die Bühne und hebt zur Festrede an, die sich aber bald in ein „Interview“ mit Schill wandelt, der erst ein wenig Anlaufzeit in dieser ungewohnten Rolle braucht, aber dann munter und wohldosiert aus dem Nähkästchen plaudert.

Die Akademie ist zwar auf Orchestermusiker beschränkt, aber für Opernsänger gibt es in Chemnitz ein ähnliches Programm, und zwar das sogenannte Opernstudio. Die Sopranistin Tea Trifković hat dieses Programm vor noch nicht gar zu langer Zeit durchlaufen und ist jetzt am Chemnitzer Theater fest engagiert. So beteiligt sie sich mit zwei Arien am Festprogramm, für die der hauseigene Kapellmeister Maximilian Otto das Dirigat übernimmt. „Lascia ch’io pianga“, die Arie der Almirena aus Georg Friedrich Händels Oper „Rinaldo“, ist natürlich ein Hit, den man immer wieder gern hört, und die angenehm warme, aber trotzdem durchsetzungsfähige Stimme der Sopranistin tut ihr Übriges zum Genußfaktor an diesem Nachmittag hinzu. „O wär’ ich schon mit dir vereint“, die Arie der Marzelline aus Beethovens „Fidelio“, offenbart allerdings noch leichte Reserven in der Gestaltung der Textverständlichkeit, wobei die Stimme hier aber auch ein wenig zu sehr von den Instrumenten zugedeckt wird.

Das finale Orchesterstück zählt erneut zu den Seltenheiten auf den Konzertpodien: „Aus Holbergs Zeit – Suite im alten Stil“ op. 40 von Edvard Grieg, wobei sich der alte Stil einerseits in der Formenwahl, andererseits aber auch in Teilen der Instrumentierung widerspiegelt, aber eben nicht so ausgeprägt ist, dass man hier von einem puren Anachronismus sprechen müßte. Man hört schon dem Präludium deutlich an, dass wir hier sozusagen einen romantisch gedachten alten Stil vor uns haben, und dieser Eindruck liegt definitiv nicht daran, dass das Orchester auf modernen und nicht auf historischen Instrumenten spielt. Wie Neefes Partita ist auch Griegs Suite fünfteilig, im Gegensatz zu dieser aber noch etwas deutlicher in die althergebrachte Folge schnell – langsam – schnell – langsam – schnell gegliedert. Schill leitet hier wieder vom ersten Pult aus. Der genannte Holberg hieß mit Vornamen Ludvig und war ein Barockdichter, zu dessen 200. Geburtstag 1884 das Stück zunächst als Klavier- und ein Jahr später auch als Streichorchesterfassung entstand – in welche der unter dem Terminus „alter Stil“ denkbaren Epochen Grieg den Hörer gedanklich führt, ist damit also auch klar, und hier finden sich dann auch entsprechende „Klassiker“ wie eine Sarabande oder ein Air, von den Musikern trotz gar nicht mal so kleiner Besetzung (es ginge durchaus noch sparsamer) mit eleganter Zurückhaltung musiziert, während man in den schnelleren Sätzen bisweilen relativ kräftig zupackt. Da kommt also etwa in der Sarabande viel Wärme aus den tieferen Streichern, während die drittplatzierte Gavotte eine Musette als Innenteil bekommen hat und gekonnt ein kerniges Außenthema mit lockerer innerer Eleganz koppelt. Das Air kommt phasenweise fast schmachtend von der Bühne, das finale Rigaudon hingegen kombiniert einen flott-munter verspielten Rahmen mit einigen gekonnten Bremswirkungen durch Bombastansätze einerseits sowie einem sehnsuchtsvollen Seitengedanken andererseits. Nach dem markanten Drei-Ton-Finale ist man sich im Rund auch hier sicher, einem großartigen Erlebnis beigewohnt zu haben, und wenn die jetzigen und zukünftigen Akademisten die Klasse der Alumni auch erreichen, braucht einem um den Nachwuchs erstmal nicht bange zu sein.

Roland Ludwig


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