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Titel: Wie der Punk nach Hannover kam
Verlag: Hirnkost
ISBN: 978-3-949452-84-0
Preis: € 30
256 Seiten
Gut 40 Jahre nachdem der Spuk vorbei ist, haben Klaus Abelmann, Detlef Max und Hollow Skai zwölf Protagonisten der hannöverschen Punk-Szene Ende der 70er Jahre dazu motiviert ihre Erinnerungen an Jahre, oder besser Monate, zusammenzutragen, die viele von ihnen für ihr ganzes Leben geprägt haben.
Auf gut 200 Seiten stellen sie das Phänomen „Punk in Hannover“ aus verschiedenen Perspektiven heraus da. Gut lektoriert ergibt sich dabei ein recht plastisches Bild einer Szene, die das klein- bis gutbürgerliche Hannover immer wieder schocken konnte.
Es kristallisieren sich zentrale Orte heraus, wie die UJZs Kornstraße und Glocksee, das Fillmore List, die Rote Kuh oder die Werkstatt Odem in der Nordstadt. Ebenso erscheinen in allen Artikeln immer wieder die gleichen Namen, was auf die überschaubare Größe der Szene schließen lässt.
Aus musikalischer Perspektive gesehen wurde Hannover mit seiner vitalen Punk-Szene zu einem, vielleicht sogar dem Zentrum des deutschen Punks. Die Autoren tun gelegentlich sogar so, als hätte sich Hannover damit überhaupt erst auf der „musikalischen Landkarte“ etabliert.
Aber schon immer war Hannover ein musikalisches Zentrum. Mit der Deutschen Grammophon, einer der ersten Plattenfirmen weltweit, später PolyGram, hatte eine der wichtigsten deutschen Plattenfirmen ihren Sitz in Hannover. In Langenhagen nahm 1982 das erste CD-Presswerk weltweit seine Produktion auf. Und in Hannover entstand aus dem Boots-Plattenladen heraus der Schallplattenvertrieb, kurz SPV, heute einer der größten Independent-Vertriebe der Welt.
Aber schon der Spruch „Ohne Scorpions, Jane, Eloy in die 80er Jahre“ prominent auf der Rückseite des Buches platziert, zeigt dass die Herausgeber selbst es besser wissen. Die drei Bands waren nur die Spitze des Eisbergs. Zusammen mit Epitaph, Fargo, Harlis und etlichen anderen machten sie Hannover in den 70ern zu einem Zentrum des anglo-amerikanisch geprägten Rocks in Deutschland.
Und diese Bands waren Ende der 70er weder altes Eisen noch am Ende. Insbesondere die Scorpions waren gerade erst richtig am Durchstarten, und zwar als eine der ersten deutschen Bands auch international.
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Aber diese kompetenten, musikalisch oft virtuosen Platzhirsche boten den Punks ja genau die Kulisse, die sie brauchten, um sich mit ihrem bewussten Dilettantismus produzieren zu können.
Wie der Punk nach Hannover kam ist nicht das erste musikhistorische Buch, das ich rezensiere. Oft hat sich bei diesen Rezensionen das Gefühl eingestellt, da wäre ich gerne dabei gewesen. Aber Zeit und Ort haben mich vom Geschehen getrennt. Als Blondie, die Ramones und andere das CBGB in Manhattan unsicher machten, war ich auf der anderen Seite des Ozeans. Als die Scherben den Punk vorerfanden, war ich schlicht zu jung.
Das war bei Wie der Punk nach Hannover kam völlig anders. In den Jahren 1977 bis 1983, die in der Timeline des Buches auf den Seiten 13 bis 15 abgesteckt werden, war ich 14 bis 20 Jahre alt, das ideale Alter für die Punk-Szene. Und nicht nur Hannover allgemein, sondern genau die Stadtteile, die erwähnt werden, waren mein Biotop.
Aber! Ich war immer ein paar Meter daneben. Ich hing in der Nordstadt nicht in der Kornstraße oder dem Odem ab, sondern in der Feuerwache. Ich trank mein Bier in der List nicht im Fillmore, sondern im Café Tabac, dem Treibhaus oder dem Bild. Ich ging nicht in die Rote Kuh, sondern in die Röhre oder ins Zomby in der Wennigser Mark.
Ich war zwar genauso ein Mittelstands Kid, wie der Großteil derjenigen, die die Punk Szene prägten. Aber mein Umfeld war nicht die Punk Szene, sondern das Gymnasium, die Gemeindejugend und die Friedensbewegung. Immerhin standen bei mir schon sehr bald nach Erscheinen die Debüts der Sex Pistols und von The Jam im Regal.
Begegnet sind mir die Punks vor allem genauso wie es das Titelbild von Wie der Punk nach Hannover kam zeigt – saufende, pöbelnde Gestalten, die in der Innenstadt abhingen. Und natürlich sind mir die Namen einiger Bands, die im Buch eine Rolle spielen geläufig, genau wie die Cover einiger Alben.
Und dann gibt es da noch eine Legende, deren Wahrheitsgehalt ich nicht nachprüfen kann. 1980 oder 81 soll eine Band den Wunsch gehabt haben auf dem Schulfest des Leibniz-Gymnasiums zu spielen. Die galten aber als so grottenschlecht, dass sich LehrerInnen, Schüler und Eltern einig waren diesem Wunsch nicht nachzukommen. (Das Nicht-Gendern in der letzten Zeile ist berechtigt. Das Leibniz-Gymnasium war zu diesem Zeitpunkt noch eine reine Jungenschule.) Wenige Monate später hatten Bärchen und die Milchbubis eine eigene LP am Start.
Manchmal erlebt man Geschichte eben nicht mit, obwohl sie gleich neben einem stattfindet. Wie der Punk nach Hannover kam bietet hannöverschen Nicht-Punks und Nicht-Hannoveranern eine unterhaltsame Möglichkeit diese Bildungslücke zu schließen.
Im Anhang werden die wichtigsten Protagonisten noch einmal kurz vorgestellt. Es wird über den weiteren Lebensweg einiger Protagonisten berichtet. Und es gibt eine ausführliche Bilderstrecke mit Abbildungen u.a. von Platten-Covern, Samplern, Plakaten, Fanzines und Buttons. Anders als bei den Abbildungen im Hauptteil des Buches kommt hier auch Farbe ins Spiel.

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