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Info
Zeit: 14.03.2025
Ort: Leipzig, Universitätskirche
Fotograf: Nathan Hallauer
Internet:
http://www.music-celebrations.de
http://www.bsd7.org/our-district/departments/fine-arts
Die Stadt Bozeman liegt im US-Bundesstaat Montana inmitten einer großartigen Gebirgslandschaft und wird u.a. durch die Montana State University und eine lebendige Kunstszene geprägt. Die Bildungseinrichtungen tun ihr Übriges dazu: An der Bozeman High School und der Gallatin High School erhalten alle Fünftklässler ein Jahr lang obligatorischen Instrumentalunterricht, und nicht wenige bleiben dann auch dabei, so dass es nicht verwundert, dass die Schulorchester gut besetzt und im nationalen Maßstab auch erfolgreich sind, das ambitionierte Programm also entsprechende Früchte trägt. Ein Konglomerat aus Schülern beider Orchester geht im März 2025 auf Europatour mit Auftritten in fünf Städten Deutschlands, Tschechiens und Österreichs, wobei das Konzert im „Nachbau“ der Leipziger Universitätskirche das erste der Tour und zugleich das einzige in Deutschland ist. Kurioserweise war der Rezensent, obwohl er seit vielen Jahren Konzerte in Leipzig besucht, noch nie in diesem Raum und kann daher nicht einschätzen, ob die Soundverhältnisse an diesem Abend – er sitzt in der dritten Reihe links am Mittelblock und damit näher an den Violinen als an den Tiefstreichern – raumtypisch sind oder nicht.
Die jungen Musiker teilen sich in drei Formationen auf. Orchester 1 besteht überwiegend aus denjenigen mit noch nicht ganz so viel Erfahrung – das Wort „Anfänger“ zu schreiben wäre nicht ganz korrekt, denn als Anfänger wagt man sich nicht an Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur BWV 1048, aus dem einer der drei Sätze als Opener erklingt, dirigiert von Chandra Lind. Den eher dunklen Klang hat der Rezensent, der wie geschrieben näher an den Violinen als an den Tiefstreichern sitzt, hier eher nicht erwartet. Lind setzt weniger auf Schärfe (an historische Aufführungspraxis denken muß man hier natürlich auch nicht) und mehr auf epische Breite, und die spielerische Lockerheit braucht ein wenig, aber dann ist sie doch da.
Nathan Hallauer entert das Pult für „Lullaby“ von William Hofeldt, einem zeitgenössischen Amerikaner, und dass der Titel offenkundig nicht ironisch gemeint ist, zeigt schon die große Sanglichkeit mit weiten weichen Bögen aus den Violinen, die freilich etwas Zeit brauchen, bis sie sich mit den Tiefstreichern richtig verzahnt haben und alle im gleichen ruhigen Fluß sind. Dass hier auch mal spielerisch was schiefgeht, ist verzeihlich – der Schluß des Stücks klingt wohl ungewollt etwas avantgardistisch.
Für die Pizzikato-Polka aus der Strauss-Dynastie übernimmt noch eine weitere Dirigentin, die im Programm nirgends vermerkt ist und auch nur dieses Stück leitet. Die jungen Musiker haben natürlich einen Heidenspaß an dieser Zupforgie und bemühen sich nach Kräften um Exaktheit und das Vermeiden ungewollter Echowirkungen, zumal die Dirigentin die Generalpausenstruktur sehr betont. Der Groove jedenfalls gelingt, wo er nötig ist.
Für „Everything“ aus der Feder des 1963 geborenen Larry Clark steht wieder Hallauer vorn. Das Stück beginnt mit einem elegischen Duett aus Alexandra Hansens Harfe und einer Violine, und diese Stimmung bleibt zunächst noch erhalten, als sich eine kleine Orchesterbesetzung hinzugesellt – dynamisch zupackend wird’s erst mit der vollen Besetzung des durch vereinzelte Bläser ergänzten Streichorchesters, und speziell die Flöte von Madeline Welch entfaltet hier durchaus nicht nur hintergründige Wirkungen, ehe sich alles in einem entrückt-impressionistischen Schlußzupfer auflöst.
Der nächste Klangkörper ist ein Kammerorchester, und das wagt sich an einen Satz aus Antonín Dvořáks Streicherserenade E-Dur op. 22 heran, nämlich „Tempo di Valse“ – und zwar ohne Dirigent. Den nötigen Groove finden die jungen Musiker schnell, die ungewollt avantgardistischen Tonfälle reduzieren sie gleichfalls schnell, und im Mittelteil gelingt ein richtig guter Klangeindruck, eine Art Zerren an den Ketten, der sich letztlich in ein lieblicheres Finale auflöst.
Das Kammerorchester wird für den letzten Block personell aufgerüstet: Orchester 2 ist der mit Abstand am größten besetzte Klangkörper des Abends und spielt unter Lind zunächst den zweigeteilten einleitenden Satz aus Joseph Haydns Sinfonie Nr. 101 D-Dur, zuerst das Adagio, das die Dirigentin sehr breit und bedächtig formen läßt, wobei die Hinleitung zum Hauptthema fast zu sehr schleppt, aber bald die nötige Kernigkeit erreicht ist. Positiv fällt die Einbindung der Pauken ins Gesamtklangbild auf – das ist in einem „Kirchensound“ immer eine enorm schwierige Aufgabe, neigt der Pauker doch entweder dazu, alles niederzuknüppeln, oder er verschwindet in einer Art Grundklangmulm. An diesem Abend aber paßt diesbezüglich alles. Das Presto nimmt Lind naturgemäß auch sehr flott, und die Einflechtung der kammermusikalischen, von nur einer Streichquartettbesetzung bestrittenen Intermezzi gelingt prima.
Die Tour endet in Salzburg, und offenbar war das Ziel, aus jedem Spielort (außer Terezín) einen Komponisten im Programm zu berücksichtigen. Es gibt also noch das Finale aus Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 38 D-Dur KV 104, wieder mit Hallauer am Pult, der eine sehr geerdete Interpretation vorlegt, durchaus nicht zu langsam, wenig Schärfe, dafür viel Breite und eine Dominanz der Tiefenklänge mit entsprechender Flächenwirkung, obwohl der Rezensent wie erwähnt näher an den hohen Streichern sitzt.
Die jungen Musiker und ihre Dirigenten, die übrigens allesamt aus Tablets dirigieren, während die Instrumentalisten aus gedruckten Noten spielen, ernten vom sehr gut gefüllten Saal reichlich Applaus, und so wird eine Zugabe Pflicht, bestritten wieder von Orchester 2, das gleich sitzenbleibt. Lind dirigiert das Intermezzo aus Pietro Mascagnis Oper „Cavalleria Rusticana“ und läßt auch dieses klanglich sehr in die Breite gehen, entwickelt es bedächtig und macht richtigen Wohlklang daraus. Da sich die Anwesenden aber auch damit noch nicht zufriedengeben, packen die jungen Amerikaner eine weitere Zugabe aus: Sie spielen die Pizzikato-Polka nochmal – diesmal aber mit Lind am Pult, und es musiziert ja nicht Orchester 1, sondern Orchester 2, auch wenn einige der Mitglieder von Orchester 2 vorhin schon bei Orchester 1 mitgespielt haben. Aber die größere Routine der Musiker von Orchester 2 zeigt sich schnell: Die große Besetzung repliziert die Tugenden der kleinen, umgeht aber deren Fallstricke, wirkt viel souveräner, agiert expressiver, und selbst das Grundtempo wirkt schneller als im ersten Teil. Das muß also der Maßstab sein, an dem sich Orchester 1 orientieren kann und wohin seine Mitglieder mit fleißiger Arbeit sicher auch noch kommen werden. Die reichliche Stunde vergeht jedenfalls wie im Flug, und die Bemerkung „Das haben sie schön gemacht“, die der Rezensent hinter sich nach dem Mascagni-Stück hört, darf man auch auf einige andere Punkte des Programms übertragen.
Roland Ludwig

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