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Info
Zeit: 12.06.2025
Ort: Chemnitz, Opernhaus
Fotograf: Dariusz Kulesza
Internet:
http://www.theater-chemnitz.de
filharmonia.lodz.pl
Ein Jahr zuvor hatte die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz ihr letztes, unter dem Motto „Musikalische Brücken“ stehendes Saisonkonzert gasthalber auch in der Partnerstadt Łódź aufgeführt – und nun, im Jahr, da Chemnitz Kulturhauptstadt Europas ist, erfolgt der Gegenbesuch der Arthur-Rubinstein-Philharmonie Łódź unter dem gleichen Motto. Das Konzert hätte eigentlich open air auf dem Platz vor dem Opernhaus stattfinden sollen, wird aber wegen unsicherer Wetterprognose einige Tage vorher ins Opernhaus verlegt, auch wenn sich diese Vorsichtsmaßnahme letztlich als unnötig erweist und der Abend ruhig, trocken und temperaturtechnisch relativ angenehm ausfällt. Die Unberechenbarkeit der Lage zeigt sich drei Abende später, als das auf genau diesem Platz laufende Programm wegen eines Unwetters abgebrochen werden muß.
Das Programm des polnischen Orchesters hebt mit dem Adagietto aus „Paradise Lost“ von Krzysztof Penderecki an, einem als „liturgisches Drama“ beschriebenen Werk. Das sehr groß besetzte Orchester entwickelt unter Leitung seines Dirigenten Paweł Przytocki sehr behutsam eine Klanglandschaft mit butterweichen Hörnern, auch die langsame Dramatisierung bleibt stets übersichtlich, obwohl der Dirigent schon hier mit viel Körpereinsatz dirigiert – offenbar sein typischer Stil. Lange Zeit entwickelt sich farblich nur eine Fahlheit, die sich erst allmählich zur Düsternis fortspinnt und in einer Art neoromantischer Klangsprache ohne große moderne Experimente verbleibt. Der ruhige Gestus kehrt im Finale wieder, und trotz leichter Faserigkeiten gelingt er klangschön und wird beifällig beklatscht.
Der bereits auf der Bühne befindliche Steinway-Flügel kommt im Folgewerk zum Einsatz, dem 1. Klavierkonzert d-Moll op. 15 von Johannes Brahms. Das düstere Intro des Moderato-Satzes wirkt noch ein wenig fragmentiert, der Seitengedanke setzt dem aber Klangschönheit entgegen, und bald wird klar, dass diese Fragmentierung Teil der Gesamtstrategie war: Dominanz heißt hier das Zauberwort, und während man bei nicht wenigen Klavierkonzerten den Pianisten bei großbesetztem Orchester in den Tutti zwar spielen sieht, aber nicht hört, macht Anna Geniushene zeitnah klar, dass das nicht ihr Ding ist und sie die Führungsrolle beansprucht, so dass hier zur Abwechslung mal das Orchester kämpfen muß, um durchhörbar zu agieren. Das heißt nicht, dass Pianistin und Orchester gegeneinander spielen (auch sowas kommt bekanntlich in der Musikwelt vor), aber das vordergründige Klavierspiel fällt schon sehr auf, zumindest vom Platz des Rezensenten aus betrachtet. Und Geniushene ist klug genug, nicht alles niederzuhämmern, etwa wenn sie sich im Seitenthema auf den zauberhaften Pizzikato-Kontrabässen ausrollen kann oder wenn sie eine lange Solopassage fast choralartig spielt. Aber im scharfen Kampf herrscht große Dramatik, gestärkt durch feine Einzelleistungen, und Przytocki bringt auch im Satzschluß noch ein Kunststück fertig, indem das Ganze hier sozusagen groß schwingend klingt und so gar nicht protestantisch-erdenschwer, womit man Brahms oft und gern assoziiert.
Die Orchestereinleitung des Adagios gerät sehr emotional, auch die Pianistin geht dann relativ zart zu Werke, aber selbst hier immer mit diesem direkten und fordernden Grundtonfall, den man schon im ersten Satz bemerkte. Eher tastenden und suchenden Charakter hört man also eher aus dem Orchester, nur selten aus dem Klavier, aber wenn, dann sind Gedanken an die Beziehung des Komponisten zu Clara Schumann nicht fern. Przytocki hält die Dramatik in überschaubaren Grenzen, auch wenn Geniushene bald planmäßig zu wüten beginnt, während das Orchester im Teppichmodus bleibt und die letzten Tupfer ein wenig zu sehr wackeln.
Das Rondo-Finale, ein Allegro non troppo, hängt nahezu attacca an und entwickelt sich zügig, aber noch im übersichtlichen Bereich. Die Pianistin groovt die Orchesterakkorde mit, um sich für das muntere Hin und Her in die richtige Stimmung zu versetzen, und die Orchesterfuge macht sogar richtig Hörspaß, zumal die einleitende Fragmentierung des Klangkörpers mittlerweile verschwunden ist und wir eine Einheit vor uns sitzen haben, zumindest da, wo eine solche nötig ist. Die Dominanzstrategie seitens des Soloinstruments bleibt aber bis zum knackigen Schluß erhalten, jedenfalls theoretisch – die Pianistin ist in diesem Werk ungewöhnlicherweise schon etliche Takte vor dem Orchester fertig, was dem besagten Dominanzstreben einen ironischen Touch verleiht. Bravi und viel Applaus belohnen eine interessante Aufführung, für die sich die Solistin noch mit einem Arrangement aus Igor Strawinskys „Der Feuervogel“ bedankt, einem dankbaren Showstück, auch optisch mit seinem wiederholten Streichen über die ganze Tastatur hinweg und musikalisch mit einigen eingängigen Themen in riesigen Akkorden und gehöriger Dramatik sowieso. Aus der Reihe hinter dem Rezensenten kommentiert jemand das mit „Unglaublich!“.
Nach der Pause gibt es die Sinfonie Nr. 7 d-Moll von Antonín Dvorák, womit das Programm mit je einem Werk aus den einstigen Friedensfahrt-Ländern komplett ist. Das eröffnende Allegro maestoso hebt ziemlich düster an, aber der sehr ausladend arbeitende Przytocki ist ein Dirigent der alten Schule, der sich weitgehend von Extremen fernhält und auch hier sozusagen eine lehrbuchreife Entwicklung hin zum Orchestertutti hinlegt, dann in forsch ausschreitendem Tempo, garniert allerdings mit sehr eleganten Ruhepolen – und da die Tutti dynamisch schon sehr weit oben liegen, fällt der Betörungsfaktor samt entsprechender Spannung im Satzausklang gleich nochmal stärker auf, ohne dass man das als bemüht empfindet.
Auch das Poco Adagio atmet viel Eleganz, wobei der Dirigent hier förmlich „rührt“, um zu starkes Schleppen zu vermeiden. Düsternis kommt hier freilich kaum auf, auch wenn die tiefen Bläser von hinten mal grollen. Die vereinzelten Ausbrüche bleiben episodenhaft, aber ein paar Beschleunigungen schüttelt der Pole förmlich aus dem Ärmel und entwickelt letztlich immer mehr Zug zum Tor.
Das Scherzo, ein Vivace, legt der Dirigent hingegen nicht gar zu flott an, garniert mit etwas Beschwingtheit, aber die gewisse Zurückhaltung wiederum mit latenter Schärfe durchsetzt. Dafür besitzt das Trio unterschwellig viel Vorwärtsdrang weit jenseits irgendwelcher Ideen von Gemütlichkeit, und das Ende, also der Übergang gen Reprise, gerät sogar recht dräuend. Selbige Reprise wiederholt anfangs den Gestus des vorderen Teils, packt dann aber noch einen Grad Zackigkeit obendrauf, der einen Zuschauer schon zu einem Bravoruf veranlaßt.
Aber es kommt natürlich noch das Finale, das eine ziemlich brutal-düstere Entwicklung nimmt, und der Seitengedanke wird zwar mit Lieblichkeit eingeführt, wandelt sich aber bald in eine sinistre Stimmung. In die Durchführung legen die polnischen Musiker sehr viel Dramatik und zaubern letztlich auch noch einen fetten Bombastschluß hervor, nach dem sie mit Bravi und reichlich Applaus bedacht werden, und das beileibe nicht nur von ihrem „Fanclub“, der zwei Reihen hinter dem Rezensenten sitzt, ein Transparent ausrollt und Fähnchen schwenkt – ein Szenario, das man bei deutschen Orchestern praktisch nie sieht.
Roland Ludwig

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