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Info
Zeit: 04.07.2025
Ort: Jena, KuBa
Internet:
http://www.kuba-jena.de
http://www.instagram.com/margaritawitchcult/
Sachen gibt’s. Da steigt als Supportact an diesem sommerlichen Freitagabend im KuBa ein Quartett auf die Bühne, dessen Namen Dead Red Jazz Distraction der Rezensent noch nie gehört hat und dessen Stil im einzigen Satz, der in der Konzertankündigung über diese aus Jena stammende Combo steht, als „Heavy Psych Jazz“ beschrieben wird. Im Netz wiederum läßt sich außer dieser Konzertankündigung nichts, aber auch gar nichts über die Band finden. Hinterher erfährt der Rezensent, dass sich dieses Quartett extra für diesen Gig zusammengefunden hat – und es bleibt zu hoffen, dass es zusammenbleibt und sich nicht etwa nach getaner Arbeit wieder auflöst. Alle vier sind offenkundig nicht nur sehr fähige Musiker, sondern auch im Zusammenspiel fällt dem Außenstehenden fast nirgends auf, dass er hier einem Debütgig beiwohnt, außer vielleicht in der sehr zurückhaltenden Publikumskommunikation, die der Bassist übernimmt und die sich, von einem einleitenden Nennen des Bandnamens und der Abmoderation abgesehen, auf vereinzelte Worte wie „Danke“ beschränkt. Auch die Songtitel bleiben Schall und Rauch, vom Setcloser abgesehen, der mit dem Titel „2 Minuten“ angesagt wird und tatsächlich ungefähr so lange bzw. kurz dauert. Ob sich Fremdkompositionen unter dem insgesamt wahrscheinlich acht Songs befinden („wahrscheinlich“ begründet sich darin, dass es den Anschein hat, als ob zwei Nummern zu einer zusammengefaßt worden sind, aber ohne Setlist kann man das nicht entscheiden), kann der Rezensent nicht sagen – definitiv erkannt hat er jedenfalls keine, auch wenn ihm das Saxophon-Motiv im vorletzten Song arg bekannt vorkam. Neben dem Saxer sind ein Gitarrist, ein Drummer und der erwähnte Bassist am Start – Gesang gibt es hingegen keinen. Sonderlich psychedelisch gehen Dead Red Jazz Distraction nicht zu Werke – sie pegeln sich irgendwo im Jazzrock-Bereich ein. Dabei bleibt etwa der Opener lange eher ruhig und packt erst nach hinten heraus stärker rockend zu, wobei dieser letzte Teil irgendwie ein bißchen an alte King Crimson erinnert, allerdings ohne deren Wahnsinns- bzw. Psychofaktor eben. Obwohl die Musiker ihr spieltechnisches Können durchaus nicht unter den Scheffel stellen, agieren sie stets songdienlich, und der Basser darf hier und da unterstreichen, dass er nicht nur fürs Halten der Rhythmusstruktur da ist. Der Saxer legt bisweilen Effekte auf sein Spiel, so etwa im ziemlich treibenden zweiten Song, und er kann durchaus sehr vielfältig agieren, wie der auch eher zügige Song 3 beweist: Anfangs kommen klare Melodien aus dem Blasinstrument, später wird’s immer geräuschhafter. Schnellster Song ist der an Position 4, oder zumindest wirkt er so, weil hier fast durchgängig eine Bassdrum auf die 1 klopft und das Ganze fast tanzbar macht, garniert allerdings mit einigen ungewöhnlichen Elementen wie dem eigentümlichen Gitarrensound sowie Soloaufgaben für den Bassisten und den Drummer. Die oben erwähnte strukturelle Unklarheit bemißt sich aus dem Folgesong, spacig anhebend, den Saxer wieder zum Effektarsenal greifen lassend und dann einen völlig schrägen Part anhängend, dem dann aber noch ein langer, fast „konventioneller“ Jazzrockteil folgt, der ein eigenständiger Song 6 sein könnte oder aber eben der lange Finalpart von Song 5. Wie auch immer: Hier am Ende merkt man als Außenstehender zum einzigen Mal, dass hier keine seit langem fest gefügte Band musiziert, da sich die vier nicht ganz einig sind, wann und wie sie aufhören sollen. Mit den bereits oben erwähnten Songs, also dem mit dem bekannten Sax-Motiv und dem „2 Minuten“ benannten, der zwischen flotter Nach-vorn-Shuffelung, einem kernigen Mittelteil und einigen spacigen Momenten pendelt, endet der Debütgig einer hoffnungsvollen Formation, deren Können man auch dank eines glasklaren Sounds prima nachvollziehen konnte. Ganz zum Schluß parliert der Bassist noch in einer Länge wie im ganzen Set vorher zusammen, und das Auditorium zeigt sich vom Dargebotenen insgesamt hörbar angetan, allerdings überrascht es in Anbetracht der strukturellen Situation nicht, dass Dead Red Jazz Distraction keine Zugabe auspacken – vermutlich hätten sie sowieso keine Songs mehr in petto gehabt.
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Beim Anblick von Margarita Witch Cult wird dann klar, dass wir einem mathematisch strukturierten Abend beiwohnen. Der Bandname von Dead Red Jazz Distraction besteht aus vier Worten, und es standen auch vier Musiker auf der Bühne. Margarita Witch Cult wiederum sind – wer errät’s? – ein Trio, das ohne Intro mit „Crawl Home To Your Coffin“ gleich in die vollen geht und einerseits zeigt, dass die Heimatstadt Birmingham musikalisch auf die drei Langhaarigen und Bärtigen abgefärbt hat, andererseits aber auch die amerikanische Wüste ein paar Spuren hinterließ, und dann wären da noch ein paar ganz besondere Eigentümlichkeiten. Die Kombination aus eher schleppenden Strophen und einem zügigen Refrain ist noch nichts Besonderes, die Ausgestaltung dieses Refrains aber schon: Der Gitarrist übernimmt den Leadgesang mit einer hohen, leicht kreischig-kratzigen Stimme, die beiden anderen Musiker singen Backings, und zwar clean und mit klarer Melodik. Das Ergebnis klingt dann irgendwie so, als würde man Slough Feg den True-Metal-Faktor klauen und ihn durch einen latenten AOR-Touch ersetzen. Die Hitverdächtigkeit vieler Refrains fällt den ganzen Set hindurch auf, so auch gleich bei „Scream Bloody Murder“ an zweiter Stelle, das zwar keine Coverversion des ähnlich benannten Girlschool-Songs ist, aber den gleichen Spirit wie die Landsfrauen des Trios atmet. Und dreistimmige Gesangspassagen bleiben durchaus nicht auf die Refrains beschränkt, sondern kommen beginnend mit „Death Lurks At Every Turn“ auch in diversen Strophen vor. Dabei inszenieren Margarita Witch Cult ihre Songs eher kompakt – einzige markante Ausnahme an diesem Abend ist das nun folgende Stück, das sich aber als Doppel aus dem instrumentalen „Theme From Cyclops“ und dem mit Gesang ausgestatteten „Lord Of The Flies“ entpuppt. Gute Ideen gibt es zuhauf, auch wenn man hier und da das Gefühl nicht loswird, die eine oder andere hätte noch eine ausführlichere Verarbeitung verdient gehabt, so etwa das markante Gitarrenthema im kurzen, fast amputiert wirkenden „Be My Witch“. Die Setlist speist sich zu ungefähr gleichen Teilen aus dem 2023 erschienenen selbstbetitelten Debüt und dem justament herausgekommenen Zweitling Strung Out In Hell, und in den neuen Nummern scheint der grundsätzliche Einfallsreichtum noch einmal einen Deut höher zu liegen, wenn man „Mars Rover“ mit seinem Marschintro und seiner schönen Doppelläufigkeit aus Gitarre und Baß oder „Witches Candle“ mit seinem an ein Kinderlied grenzenden Refrain als Maßstab nimmt. Mit „Who Put Bella In The Wych Elm“ ist sogar eine Engtanznummer, wie man früher gesagt hätte, dabei, die sich allerdings später von der Ballade in fetten Doom wandelt und wo auch mal die Backingvokalisten in heftigere Gefilde wechseln. Klassischen Doom, wenn auch mit polternd-speedigem Mittelteil, bietet auch der Quasi-Bandhit „The Witchfinder Comes“, abermals mit diesem markanten dreistimmigen Strophengesang ausgestattet, den diese Band so gut beherrscht. Umlagert wird diese Nummer von Coverversionen: „White Wedding“ in lockeren Stoner Rock umzusetzen muß man sich auch erstmal trauen, wobei der Billy-Idol-Klassiker nach hinten heraus etwas psychotischer zu Werke geht und der Gitarrist in ganz klassischer Manier seinen rechten Arm kreisen läßt. „Sabbz“ dagegen taucht in den Setlisten manchmal auch als „Birmingham Folk Rock“ auf und stellt ein Medley aus Themen der großen Ortsnachbarn Black Sabbath dar: „War Pigs“, „Black Sabbath“, „Sabbath Bloody Sabbath“, „Children Of The Grave“ und noch ein paar andere werden jeweils nur ein paar Sekunden lang gespielt, selten mal auf eine halbe Minute ausgedehnt, ehe ein „Paranoid“-Zitat die Feierstunde wie den übrigens von KuBa-Stammtechniker Thomas abermals mit glasklarem Sound ausgestatteten Hauptset abschließt. Die in für einen Sommerabend mit diversen anderen Freizeitgestaltungsoptionen in durchaus ansehnlicher Menge erschienenen Anwesenden fordern natürlich eine Zugabe ein und bekommen noch „Sacrifice“ vorgesetzt, das keine Black-Widow-Coverversion ist, obwohl es eine sein könnte. Hier in dieser für Margarita-Witch-Cult-Verhältnisse uralten, nämlich die 2022 erschienene erste Single darstellenden Nummer besteht der Refrain freilich nur aus diesem Wort, und ein fast angeproggter Soloteil verleiht dieser Nummer auch nochmal ein sehr eigenes Gepräge. Für den finalen Humor ist nicht die Band, sondern Thomas verantwortlich – um klarzumachen, dass keine weitere Zugabe geplant ist, kommt vom Band mitten im Schlußapplaus nämlich Cyndi Laupers „Girls Just Wanna Have Fun“ mit völlig kontrastierender Stimmung, das der allgemein guten Laune aber natürlich keinen Abbruch tut.
Setlist Margarita Witch Cult:
Crawl Home To Your Coffin
Scream Bloody Murder
Death Lurks At Every Turn
Theme From Cyclops/Lord Of The Flies
Mars Rover
Witches Candle
Diabolical Influence
Be My Witch
Who Put Bella In The Wych Elm
White Wedding
The Witchfinder Comes
Sabbz
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Sacrifice
Roland Ludwig

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