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Ein halbes Jahrhundert deutschsprachiger Popmusik von Wolfgang Zechner mit dem Messer absoluter Subjektivität seziert

Info

Autor: Wolfgang Zechner

Titel: Völlig schwerelos. Glanz und Elend der deutschsprachigen Popmusik in 99 Songs

Verlag: Hannibal

ISBN: 978-3-85445-798-5

Preis: € 25

324 Seiten

Internet:
http://www.hannibal-verlag.de

Wolfgang Zechner hat sich sein Thema selbst gestellt. Mit Hilfe von 99 Songs will er den Glanz und das Elend der deutschsprachigen Popmusik sichtbar machen.

Da tut sich ganz am Anfang ein Problem auf. Was ist eigentlich Popmusik? Was gehört dazu, was nicht? Wolfgang Zechner hat Mut. Er datiert den Beginn der Popmusik auf den Tag genau. Es war der 9. September 1956. Damals trat Elvis Aaron Presley in der Ed Sullivan Show auf (Einschaltquote: 82,6%). Die Auswirkungen dieses Auftritts formuliert Zechner mit den Erfahrungen von Corona im Hinterkopf. „für diese „Krankheit“ gibt es kein Gegenmittel. Der Virus breitet sich rasant aus. Widerstand ist zwecklos. Es ist die Stunde Null und Elvis ist der Patient Zero. Die Pandemie heißt Pop.“ (S. 14)

Nach dieser Prämisse formuliert Zechner eine zweite, dass es nämlich vor den oft genannten Pionieren Ihre Kinder und Udo Lindenberg keine deutsche Popmusik gegeben habe. Das hilft uns bei der Definition von Popmusik weiter. Denn es hat ja deutschsprachige Musik vor 1970 gegeben.

Melodien von Paul Lincke, die Comedian Harmonists, Hans Albers, Musiken aus diversen Heinz Rühmann-Filmen und vieles andere müsste dann durch Zechners Pop-Raster fallen und es sich in den Genres Operette, Schlager oder Volksmusik etc. gemütlich machen.

Das hätte zur zwangsläufigen Folge haben müssen, dass Zechner mit seinem Buch Anfang der 70er beginnt. Tut er aber nicht. Völlig schwerelos beginnt in dem Jahr, in dem der Pop – laut Zechner - ins Leben trat; im Jahr 1956 - mit Freddy Quinn(!). Ist das Pop?

Nein! Und so hangelt sich Zechner mit Schlagern und „Deutschen Originalversionen“ englischer Hits durch die ersten 15 Jahre seines Buches. Und der deutsche Schlager lässt ihn nicht los. Auch nach 1970 sind für ihn Bernd Clüver, Heino, Peter Alexander, Dieter Thomas Heck(!!), Nicole (!), Nino de Angelo und die Kastelruther Spatzen offenbar wichtige Beispiele deutscher Popmusik.

BAP, Heinz Rudolf Kunze, Wolf Maahn, die Neue Heimat, die Rodgau Monotones, Fettes Brot, die Fantastischen Vier und viele andere, die mehr Pop und sicherlich bedeutender sind als die, die in Völlig schwerelos Berücksichtigung finden, haben in diesem Buch keinen Platz.

Das ist okay, denn Zechner beruft sich sehr deutlich auf seine Subjektivität. Er stellt uns die „deutschen Pop-Songs“ vor, die ihn in seinem Leben als Musikhörer beeindruckt oder genervt haben.

Ärgerlich sind allerdings die herablassenden Äußerungen zu Musikern, die nicht seinem Gusto entsprechen. Teilweise sind sie mit Bemerkungen garniert, die man nur als Fake News bezeichnen kann.

Rockmusik scheint dem dem Schlager entronnenen Autor ein Feind der Popmusik zu sein, wie es im Artikel zu Klaus Lage deutlich zu erkennen ist. Lindenberg wird als deutlich überschätzter Deutschrocker diskreditiert, von dem man bestenfalls vier oder fünf Titel kenne. Das bezweifle ich. Dafür dürfte ein großer Teil der Öffentlichkeit von den Acts, die Zechner hochleben lässt, gar keinen oder bestenfalls einen Titel und zum Teil nicht einmal den Namen kennen.

Sollte man Völlig schwerelos deshalb in die Tonne treten? Keinesfalls! Es macht Spaß, das Buch zu lesen, gerade weil Zechner immer wieder provoziert. Wovor man sich hüten sollte, die Behauptungen, „Tatsachen“ und Einschätzungen von ihm - mehr als von jedem anderen Autor - für bare Wahrheit zu halten.

Norbert von Fransecky


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