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Viel Direktheit: Drei Solokonzerte an der Leipziger Musikhochschule, aber mit dem Orchester der Musikalischen Komödie Leipzig

Info

Künstler: Orchester der Musikalischen Komödie Leipzig

Zeit: 22.03.2024

Ort: Leipzig, Hochschule für Musik und Theater

Internet:
http://www.hmt-leipzig.de

Es gehört zu den historisch bedingten Eigentümlichkeiten der Leipziger Musikstrukturen, dass das Gewandhausorchester auch als Orchester des Opernhauses fungiert, obwohl beide sonst organisatorisch getrennt arbeiten, dass die organisatorisch zur Oper gehörende Musikalische Komödie aber ein eigenes Orchester besitzt. Dieses wiederum spielt nicht nur im eigenen Haus, sondern kooperiert auch mit der ortsansässigen Musikhochschule, indem es beispielsweise den Dirigierklassen zur Verfügung steht. An diesem Abend ist die strukturelle Lage etwas anders, denn der Klangkörper gibt unter Leitung des Dirigierprofessors Matthias Foremny ein „klassisches“ Orchesterkonzert, und zwar mit drei Werken unter Solistenbeteiligung, womit nach ursprünglichem Plan drei Meisterklassenstudenten ihre Examina ablegen sollten.

Mit dem eröffnenden Werk wird der erste Teil des Plans realisiert: Liliya Pechenkina (Foto) spielt das Konzert für Orgel, Streichorchester und Schlagzeug von Manfred Weiss, einem 2023 verstorbenen Dresdner Komponisten. Das dreisätzige Werk ist Mitte der 1970er Jahre entstanden und wird heute nur extrem selten aufgeführt. Den „Rasch bewegt“ überschriebenen ersten Satz leitet die Organistin mit wilden Läufen ein, die schon klarmachen, dass wir als Hörer mit Grenzbereichen von Tonalität und Atonalität klarkommen müssen. Trotzdem gibt es klassische thematische Wechselarbeit zwischen Solistin und Orchester, und wenn die mit vier Spielern besetzten Schlagzeuge einsetzen, entsteht bisweilen auch ein jazziger Touch. Sehr auffällig agiert dabei der Spieler aus Publikumssicht links außen, der zwischen Glockenspiel und Xylophon wechselt und mit beiden markante Elemente beisteuert. Der Fokus liegt aber natürlich auf dem Soloinstrument, und Pechenkina macht sich die breite Klangfarbenpalette, die die um die Jahrtausendwende erbaute Orgel im Großen Saal der Musikhochschule zu bieten hat, einfallsreich zunutze, auch wenn sie gute Strecken doch von Prinzipalen dominieren läßt. Die Kadenz des ersten Satzes wird von markanten Clustern geprägt, bei denen man das Gefühl nicht loswird, Andreas „Scotty“ Böttcher könnte, als er in den Neunzigern seine Jazz-Orgel-Improvisationen aufnahm, da ein wenig genauer hingehört haben.
Die drei Sätze hängen attacca aneinander und folgen dem althergebrachten Solokonzertschema – der zweite ist also der langsame und heißt auch „Ruhig“. Das Attribut läßt sich den Orchesterflächen auch zuschreiben, aber sonderlich zugänglich sind sie trotzdem nicht, und der Dirigent sorgt dafür, dass unterschwellig durchaus ein treibender Charakter entsteht. Strukturell auffällig ist hier der äußerst seltsame Dialog zwischen der Organistin und der Konzertmeisterin.
Der mit „Lebhaft, tänzerisch“ überschriebene Finalsatz macht klar, dass der Komponist wohl nicht immer gewollt hat, dass sich Orgel und Streichorchester „verzahnen“ – beim Schlagwerk aber herrscht planmäßig strukturell eindrucksvolles Miteinander. Die Orgel wandelt sich in diesem Satz dahingehend, dass sie jetzt choralartige Themen verarbeiten muß, die sogar so etwas wie Eingängigkeit besitzen – aber sobald ein gewisser Grad an historisch anmutender Verarbeitung erreicht ist, macht der nächste Cluster klar, wo der Hase im späten 20. Jahrhundert läuft. Das Finale ist in seiner Bauart interessant: Einem Scheintriumph folgt eine Generalpause, dann wirft die Orgel noch ein paar leise schräge Töne ein, und dann kommt noch ein knapper Schlußakkord mit dem Orchester. Der (bei freiem Eintritt, aber buchmessebedingt zahllosen Parallelveranstaltungen) sehr gut gefüllte Saal spendet herzlichen Applaus.

Die danach eigentlich geplante Violinprüfung fällt aus – statt dessen erhält ein anderes hoffnungsvolles Talent die Chance, als Solistin in Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll op. 64 zu agieren. Maya Alexandra Kasprzak ist gerade mal 19 und erst seit Herbst 2023 reguläre Hochschulstudentin – und wer vor diesem Hintergrund so eine Möglichkeit bekommt, der sollte was können.
Das eröffnende Allegro molto appassionato macht schnell klar, dass die Geigerin den technischen Schwierigkeiten problemlos gewachsen ist. Der Tonfall mutet allerdings lange etwas zu akademisch an, und die spielerische Leichtigkeit fehlt – Kasprzak spielt äußerst direkt, bisweilen fast aggressiv anmutend und deutet gewisse Schwebezustände nur an. Das Orchester ist recht sparsam besetzt, trotzdem gibt es hier und da Balanceprobleme, die aber meist schnell behoben sind. Auch die Kadenz nimmt die Geigerin sehr scharf.
Im Andante rollt das Orchester der Solistin einen flauschigen Teppich aus, aber diese bleibt bei ihrem sehr direkten Ton, der den Hörer förmlich anspringt. Umso erstaunlicher ist die Wandlung im Allegretto non troppo, in das der zweite Satz übergeht. Mit zunehmender Dauer spielt sich die Tochter eines Polen und einer Japanerin immer mehr frei, wird lockerer und eleganter. Im abschließenden Allegro molto vivace ist trotz hohen Tempos die aggressive Direktheit also praktisch verschwunden, die Geigerin und das Orchester wachsen auch immer mehr zusammen, die Balance stimmt überwiegend, und sehr lebendig tanzt die Solistin förmlich dem Ende entgegen. Sofortige Bravi und viel Jubel sind ihr Lohn, und wenn sie die Form der zweiten Hälfte in Zukunft halten kann, dürfen wir auf künftige Großtaten gespannt sein.

Nach der Pause steht Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 an, und in dessen eröffnendem Allegro con brio hat Heejoo Yoon erstmal lange Zeit gar nichts zu tun: Die Orchestereinleitung ist ungewöhnlich ausgedehnt, und Foremny und das Orchester geben der Pianistin gleich mehrere Möglichkeiten, in welche Richtung das Geschehen entwickelbar wäre, nehmen die langsame Einleitung eher strukturbetont, das Allegro selbst dann aber fließend. Interessanterweise entscheidet sich auch die Südkoreanerin, als sie dann ins Geschehen eingreift, für einen sehr direkten, den Hörer (zumindest den Rezensenten, der in Reihe 7 genau gegenüber dem Schalldeckel sitzt) quasi mitten ins Gesicht treffenden Ton, wobei sie aber gekonnt zwischen fast trocken anmutenden und eleganteren Passagen changiert. Ungewöhnlich mutet auch der fast impressionistische Tonfall in der zweiten Hälfte der Kadenz an.
Das Largo nimmt die Pianistin in ihrer Einleitung sehr langsam, woraus sich logisch eine beeindruckend fahle Orchesterfarbe ergibt, obwohl das Orchester das Tempo erhöht. Nur an wenigen Stellen paßt die Feinjustierung nicht ganz, aber der hier einfach nur schöne Ton des Klaviers reißt so manches wieder heraus, obwohl er immer noch relativ drückend aus dem Instrument kommt, was dann den Satzschluß ein wenig die Stimmung kostet.
Das Meisterstück folgt dann allerdings im finalen Allegro. Yoon spielt flott und lebendig, aber nicht hastend, das Miteinander mit dem Orchester gelingt deutlich souveräner, und erstaunlicherweise ist der allgemeine Tonfall des Klaviers viel zurückhaltender als in den ersten beiden Sätzen – Klangbalanceprobleme gibt es aber trotzdem nicht, und man hört immer, was man hören muß, was im vorliegenden Fall an diesem Abend sehr viel Gutes ist. Weiß der sprichwörtliche Geier, wieso dieses Phänomen des zunächst sehr direkten, dann aber deutlich weniger drückenden Tonfalls des Soloinstruments sowohl im Violin- als auch im Klavierkonzert in ähnlicher Weise auftrat. Auch die Südkoreanerin erntet jedenfalls am Ende viel verdienten Jubel.

Roland Ludwig


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