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Blackbox-Botanik: Puccinis „Suor Angelica“ an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater

Info

Künstler: Giacomo Puccini: Suor Angelica

Zeit: 06.01.2024

Ort: Leipzig, Hochschule für Musik und Theater

Fotograf: Yannic Borchert

Internet:
http://www.hmt-leipzig.de

Die „kleinen“ Opernaufführungen im Zweitgebäude der Leipziger Hochschule für Musik und Theater am Dittrichring zeichnen sich nicht selten durch eine gewisse Experimentierfreude aus, was den Einsatz struktureller Mittel angeht. Bei „Dido and Aeneas“ anno 2023 beispielsweise konnte das Publikum in der Pause abstimmen, welche von vier möglichen Schlußkonstellationen am jeweiligen Abend gespielt wird. Ein Jahr später nun erleben wir eine Wandelaufführung: Die erste Szene von Giacomo Puccinis „Suor Angelica“ wird im Lichthof der Cafeteria des Hochschulgebäudes am Dittrichring gespielt, bevor alle Beteiligten für den „Rest“ der Oper an den gewohnten Ort, nämlich die Blackbox im Keller dieses Gebäudes, umziehen.
„Suor Angelica“ ist ein 1918 entstandener Einakter, der zur Trilogie „Il Trittico“ gehört, aber auch einzeln funktioniert und daher problemlos eigenständig aufgeführt werden kann, welchletzteres an diesem Abend geschieht (den gleichfalls zu dieser Trilogie zählenden Einakter „Gianni Schicchi“ hatte es bereits anno 2011 an gleicher Stelle ebenfalls einzeln gegeben). Die Titelheldin, also Schwester Angelica, aus einer Adelsfamilie stammend, tritt nach einer unehelichen Schwangerschaft mehr oder weniger zwangsweise in ein Frauenkloster ein und läßt das Kind notgedrungen von ihren Angehörigen aufziehen. Im Kloster macht sie sich u.a. auf dem Gebiet der pflanzenbasierten Heilkunde schnell nützlich, kann die Vergangenheit aber nicht vergessen, zumal sie annimmt, dass es in Gestalt ihres Kindes auch noch eine Gegenwart da draußen gibt. Sieben Jahre nach dem Eintritt taucht Angelicas Tante im Kloster auf, um einen zu Angelicas Ungunsten ausgestalteten Erbvertrag unterzeichnen zu lassen, wobei Angelica beiläufig erfährt, dass ihr Kind schon seit zwei Jahren tot ist. Die Verbindung in die äußere Gegenwart ist damit hinfällig, und Angelica nutzt ihre botanischen Kenntnisse zum Suizid, um im Jenseits wieder mit ihrem Kind vereint zu sein. Über dieses Sujet und seine Konsequenzen ließen sich ellenlange philosophische Debatten führen, wahlweise von Standpunkt 2024, 1918 oder der Handlungszeit im Italien der Spätrenaissance (oder meinetwegen auch schon des Barock) um 1700 aus. Puccini reißt gewisse Aspekte aus einer möglichen philosophischen Debatte nur an, beispielsweise beim verzweifelten Marienanruf Angelicas, als das Gift wirkt, es kein Zurück mehr gibt und der Nonne ihr unmittelbar bevorstehender Tod so richtig bewußt wird. Die Positionen der Mitschwestern werden nur peripher behandelt oder gleich ganz weggelassen, auch die Oberin nimmt keine stärker gezeichnete Position ein, und so bleibt die Tante die einzige Person neben Angelica, die psychologisch etwas schärfere Konturen bekommen hat, was in gewisser Weise auch logisch ist, denn sie ist es, die, wenn auch in dieser Form ungewollt, den Weg in die Katastrophe bahnt. Gezeichnet wird sie als berechnende Geschäftsfrau, und sie ist logischerweise auch die einzige, der Kostüm- und Bühnenbildnerin Zoe Leutnant komplett bürgerliche Kleidung zugewiesen hat, dazu einen riesigen historischen Koffer, dem man zutrauen würde, große Mengen Akten, aber vielleicht auch Andenken an das Kind Angelicas zu transportieren. Für die Klosterbewohnerinnen gilt ein Kleidungsmix – sie werden per Kopfbedeckung und Halskrause eindeutig als solche gekennzeichnet, tragen aber normale jetztzeitige Hosen und interessanterweise alle unterschiedliche Schuhe, die aber mit einer Ausnahme alle irgendeinen Rotton besitzen.


Und wie sind Leutnant und Regisseurin Lea Willeke nun auf die Idee der Wandelaufführung gekommen? Nun, der mehrstöckige Lichthof in der Cafeteria öffnet sich mit Rundbögen zu den jeweiligen Seitenarkaden und besitzt darüber hinaus in den oberen Geschossen ein paar klassische hochrechteckige Fenster – so ergibt sich quasi wie von selbst das Bild eines renaissancezeitlichen Innenhofs oder aber wahlweise einer marktartigen Szenerie, und beide Deutungen ließen sich für eine Inszenierung von „Suor Angelica“ problemlos andocken, wobei die erstgenannte offenkundig die größere Wahrscheinlichkeit besitzt, aber auch die zweitere nicht auszuschließen wäre, allerdings die erweiterte Interpretation voraussetzt, dass sich die Nonnen frei in der Stadt bewegen, was gemäß Libretto zumindest einige auch tun. Willeke spielt in dieser ersten Szene zudem gekonnt mit dem widersprüchlichen Aspekt, als Nonne Individuum zu bleiben und sich trotzdem in den großen Klosterkorpus einzufügen – die Darstellerinnen agieren in den ersten Minuten ballettartig, aber phasenweise bewußt asynchron, wenn sie aufstampfen oder in die Hände klatschen. Auch die Oberin schafft es nicht hundertprozentig, hier Ordnung hineinzubringen, bevor sich die Situation in Einzeldialoge sowohl parterre als auch mit Angelica oben am Fenster ihrer Zelle auflöst.
Das Hauptgeschehen spielt sich aber dann unten in der Blackbox ab, wo die Rundbögen als verschiebbare Bühnenelemente auftauchen und eine Eingangsszene zunächst nochmal mit diversen individuellen Eigenarten der Nonnen spielt (das Ganze auch ins Humoristische lenkend, wenn da eine Flasche Feuerwasser eingeschmuggelt wird), bevor Besuch angekündigt wird und jede sich zunächst Hoffnungen macht, dass er für sie ist. Wer dann auftaucht, ist Angelicas Tante, wonach sich das Geschehen wie beschrieben in Richtung der Katastrophe entwickelt – die Spielräume bleiben allerdings weitestgehend getrennt: Die Tante agiert praktisch durchgängig vom oberen Traversenumgang aus, während Angelica unten bleibt – auch der neue Erbvertrag, ein ellenlanges Dokument, wird auf einer antiken Schriftrolle nach unten gereicht. Das Jenseits, in das Angelica am Ende entschwindet, wird wiederum ganz klassisch durch den erleuchteten zentralen Bühnenhintergrund dargestellt.

Zur Aufführung kommt wie heute üblich die originale italienische Textfassung, wobei man die Übersetzung auf einem Monitor in der Cafeteria bzw. oben an der Bühnenrückwand der Blackbox mitlesen kann, falls man einen entsprechenden günstigen Platz erwischt hat, was besonders in der Cafeteria selten ist, weil man dort entweder im Lichthof (aber dort überwiegend 90 oder 180 Grad außerhalb der Monitorblickrichtung) oder unter den Arkaden sitzt bzw. steht. Man muß gegebenenfalls also mit dem Gehörten auskommen, was aufgrund einer recht guten Balance aber eine überwindbare Hürde darstellt: Wir erleben keine Orchesterfassung, wo die Sänger leicht akustisch zugedeckt werden, sondern eine Fassung für zwei Tasteninstrumente, wobei Michelle Bernard am Flügel die Hauptarbeit leistet. In der Cafeteria steht ihr Instrument im ersten Stock unter einer Arkade, ist zumindest am Standplatz des Rezensenten aber klanglich gut ausbalanciert, und Josef Jugashvili ergänzt Glockenklänge und einige andere Spezialsounds aus einem E-Piano. In der Blackbox spielt Bernard lange Zeit allein am Flügel, ehe sich im Finale Jugashvili für einige vierhändige Passagen hinzugesellt. Die musikalische Gesamtleitung hat Ulrich Pakusch, der in der Cafeteria ebenfalls abseits „versteckt“ wird und dann in der Blackbox vom Pult im Gang zwischen den Zuschauerrängen aus dirigiert und das Ganze souverän macht. Unter den Sängerinnen (kein Binnen-I notwendig, da ausschließlich Frauen besetzt sind) liegt der Fokus naturgemäß auf Jessica Leao als Angelica, und die singt sich besonders in Richtung des Finales immer mehr frei, auch wenn man über die Vibratodosierung durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann und ein, zwei Höhen noch Reserven erkennen lassen. Aber die Schlußkatastrophe überzeugt sängerisch ohne Wenn und Aber – und trotzdem gibt es an diesem Abend noch eine Beeindruckendere: Was Michelle Bernard am Flügel leistet, das ist Spitzenklasse. Von ihr wird ein extrem vielfarbiges Spiel verlangt, nicht nur als simple Begleiterin der Sängerinnen, sondern auch als emotionale Gestalterin all der vielen Passagen, in denen niemand singt, und dieser Aufgabe entledigt sich die Pianistin in kongenialer Weise und wird somit unerwartet zum Haupttrumpf dieser ersten von vier Aufführungen der Produktion, wobei aber auch das Gesamtbild, also die Kollektivleistung, über weite Strecken positiv zu stimmen in der Lage ist, was auch das Publikum am Premierenabend so sieht und mit langanhaltendem Applaus dankt.

Roland Ludwig


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