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Frauen, Funk & Babba Lugga: Chris Grey & The BlueSpand im Jenaer Kulturbahnhof

Info

Künstler: Chris Grey & The BlueSpand

Zeit: 02.06.2023

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Fotograf: Lasse Skov

Internet:
http://www.bluespand.dk

Eigentlich sollen am Folgeabend noch The Toasters im Kulturbahnhof spielen, aber deren Gig wird aus strukturellen Gründen kurzfristig in eine andere Location verlegt, und so bleibt es Chris Grey & The BlueSpand vorbehalten, den letzten Gig vor der Sommerpause in dem gemütlichen Liveclub zu bestreiten. Der Name klingt erstmal merkwürdig, und auf dem Bandfoto sieht Chris Grey aus wie eine Promenadenmischung aus Joe Bonamassa und Mambo Kurt – und angekündigt ist seine Combo außerdem mit der Stilbezeichnung „Funk’n’Soul“. Also steht eine handverlesene Schar Musikinteressierter im Saal und ist gespannt, was das Trio aus Dänemark zu Gehör bringen wird, zumal man mittlerweile auf der KuBa-Homepage auch die Story gelesen hat, dass die eigentümliche Schreibweise des Bandnamens auf ein Auto des Bandkopfs zurückgeht und die Assoziation mit dem Genre Blues zwar gewollt sein dürfte, aber keineswegs als Fingerzeig dienen soll, dass da nun wirklich eine Bluesband spiele.

Die Liste an Überraschungen geht aber noch weiter. Zum einen intoniert das Trio mit „Golden Tower“ und „Feed The Monkey“ zunächst tatsächlich zwei funkige Nummern, und der Drummer hat außerdem auch noch die vier Buchstaben „FUNK“ in bunten Farben auf seinem schwarzen Shirt stehen, aber bereits an Setposition 3 liefern die Dänen mit „Ain’t Got Time To Lose“ wirklich reinrassigen Blues. Bis dahin wundert man sich aber sowieso schon über nichts mehr. Dreistimmige Satzgesänge? Bitteschön, gern. Der Bassist, optisch eine Art Beamtentyp, bringt das Kunststück fertig, einen alten Achtziger-Tanzstil ins schon einige Jahre alte neue Jahrtausend rüberzuretten, bei dem sich der ganze Körper bewegt, nur die Füße nicht. Und Grey selbst sieht live nicht mehr wie die erwähnte Promenadenmischung aus, sondern kommt mit Hünenfigur, Basecap und Unterhemd eher wie ein Angehöriger einer NYC-Hardcore-Gang rüber. Das wiederum hinterläßt keinerlei Spuren in seiner Musik: Sein Gitarrenspiel ist eher von Zurückhaltung geprägt, und nur in einigen ausladenden Soli gönnt er sich entsprechende Freiheiten, die er dann allerdings weidlich ausnutzt, gern auch in klassischer Rockstarpose mit einem Bein auf der Bassdrum. Auch seinen Gesangsstil würde man anhand seiner Optik eher ganz woanders ansiedeln. Er kann Melodien halten, also tut er es auch, und er intoniert die oft skurrilen Texte eher sanft und zurückhaltend, bisweilen ganz zart schmachtend, welchletztere Ausprägung überwiegend nicht als Ironie zu verstehen, sondern ernst gemeint sein dürfte. Für den Ironiefaktor sorgen dagegen etliche der Texte – nicht alle freilich: Eine der Nummern kündigt Grey sarkastisch an, dass es um unsere Welt gehe, und prompt entwickelt sich ein dramatisch-düsteres Rockepos, das beweist, dass das Trio durchaus auch die ernstere Schiene beherrscht. Aber ansonsten geht es bunt durch den thematischen Gemüsegarten, gerne mit einer größeren Portion Augenzwinkern, wenn da etwa der Hund des Drummers und seine gasförmigen Ausdünstungen besungen werden findet („Smelling The Ding Dong“) oder wenn Grey selbst bekennt, dass er seinen Körper außerordentlich erotisch findet („Horny“), andererseits aber nach der Rückkehr von einer Tour trotzdem erst irgendwas „leisten“ muß, bevor seine Partnerin ihm das gibt, was er so lange entbehren mußte. Hatte das Trio die beiden erwähnten Opener noch ineinander übergehen lassen und das Publikum lediglich schon mit einem absurden „Good morning!“ begrüßt, so gibt es ab dem dritten Song dann auch Ansagen, und das ist gut so, denn die drei sind bester Laune, erklären die Inhalte ihrer Songs mit jeder Menge Humor und erzeugen reichlich Lachstürme im Publikum, das sich zugleich weitergebildet fühlen darf, wenn etwa der Bassist mit völlig ernster Miene berichtet, wie Babba Lugga, der Gott des Funk, der Band erschienen sei und ihnen einen Missionsauftrag erteilte, dem sie natürlich nachkommen und sogar einen Song über diese Begegnung geschrieben haben. Das Publikum darf bei der Anbetung von Babba Lugga sangeskräftig mithelfen und entledigt sich trotz geringer Kopfzahl dieser Aufgabe in einer solch überzeugenden Manier, dass der besagte Gott sicherlich keinen Grund zum unwirschen Kopfschütteln gehabt haben dürfte. Spieltechnisch macht dem Trio sowieso niemand was vor, nach zwölf gemeinsamen Jahren weiß jeder, was der andere im nächsten Moment machen wird, und gegen Ende des Sets darf der Basser sogar ein in der Setlist schlicht „The Jam“ genanntes Solo spielen, das er mit verschiedenen Loops zu einem großen Konglomerat entwickelt, ehe dann auch noch der Drummer soliert. Dass man alles, was die drei Dänen von sich geben, genau nachvollziehen kann, dafür sorgt ein glasklarer Sound von KuBa-Stammtechniker Thomas – bekanntermaßen grundsätzlich ein Könner seines Fachs, aber ein derartig cleanes Klangbild bekommt auch er nicht alle Abende hin. Erstaunlicherweise kommt die erste Sethälfte auch recht leise aus den Boxen, was demjenigen, der bei Funk einen erotisierenden und tief in den Eingeweiden wühlenden Baß braucht, vielleicht einen Tick zu zurückhaltend erschienen sein könnte – aber der Rezensent ist nun wirklich der letzte, der sich über einen zu leisen Sound beschweren würde (es sei denn, er steht irgendwo outdoor in Reihe 128 und hört nicht mehr, was die da vorn auf der Bühne veranstalten, weil der Wind lauter ist als der Boxensound), und in der zweiten Sethälfte geht der Pegel dann tatsächlich auch noch etwas nach oben, ohne freilich die erwähnte Klarheit einzubüßen. Und mit etwaiger Sterilität hat der Begriff „cleanes Klangbild“ sowieso nichts zu tun, zumal Grey mit seiner Klampfe durchaus auch etwas mehr Druck machen kann, wenn er das für nötig hält. Aber das passiert eher selten – es ist eben Funk und kein Funkrock, was die drei Dänen da spielen. Das Tempo halten sie durchaus vielfältig, hier und da auch bis zum Stillstand herunterfahrend, und zur Vielfalt der Musik trägt zudem der Fakt bei, dass der Drummer noch als Teilzeit-Keyboarder unterwegs ist. In diversen Intros spielt er die Tasten mit beiden Händen, während der Hauptteile der Songs aber gelegentlich immer noch mit Rechts, so dass für das Drumming also nur noch drei Gliedmaßen übrigbleiben, was dem Flow der Musik freilich keinen Abbruch tut. Dass das fleißig applaudierende Publikum Zugaben einfordert, versteht sich von selbst, und so bekommen wir noch Lieder über „Mammas“ und über „Woman I Know“ zu hören, abermals mit der Aufforderung, bestimmte Stellen fleißig mitzusingen. Nach etwas über 90 Minuten fällt aber der Vorhang endgültig, und Grey läutet mit „Let’s get drunk!“ die nachmusikalischen Aktivitäten ein. Ein erstklassiger Gig – und es bleibt zu hoffen, dass sich nach der Sommerpause dann auch wieder mehr Interessierte im Kulturbahnhof einfinden, um weitere solche (die natürlich zu erhoffen sind) zu verfolgen.

Setlist Chris Grey & The BlueSpand:
Golden Tower
Feed The Monkey
Ain’t Got Time To Lose
Babba Lugga
Wife Eye
Horny
Hot Cuppa Coffee
grabM
Smelling The Ding Dong
Sister n Brother
Three Boys In The Living Room
Whacha Gonna Do
Z U Free
Funk The Mall
Love Flood
The Jam
Butterflies
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Woman I Know
Mammas

Roland Ludwig


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