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Artikel

Las Vegas und die Gentrifizierung: Das schlaue Füchslein von Leoš Janáček an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater

Info

Künstler: Janáček, Leoš

Zeit: 08.06.2023

Ort: Leipzig, Hochschule für Musik und Theater

Fotograf: Yannic Borchert

Internet:
http://www.hmt-leipzig.de

Das alljährliche Opernprojekt an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ bringt Werke stilistisch ganz unterschiedlicher Art auf die Bühne. Anno 2023 fiel die Wahl auf „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček, einen der zentralen Genrebeiträge des 20. Jahrhunderts, der stilistisch den Weg bereitete für das, was später beispielsweise Benjamin Britten in diesem Sektor schaffen sollte. Dabei war die Werkgenese durchaus seltsam, denn sie basiert auf einem Comicstrip aus der Brünner Tageszeitung Lidové Novy, auf den der Komponist durch seine Haushälterin aufmerksam gemacht wurde. Diese Comicserie schildert die Abenteuer der Füchsin Bystroučka, und unter gewisser Mitarbeit des Texters Rudolf Těsnohlídek schuf Janáček selbst das Libretto für den Dreiakter, der im Juni 2023 nun an sechs Abenden im Großen Saal der Hochschule zu sehen ist, wie üblich mit zwei nahezu komplett alternierenden Besetzungen – der Rezensent ist am letzten der sechs Abende anwesend und sieht die Zweitbesetzung. Einzelne Akte einiger Abende werden von Dirigierstudenten geleitet, die übrigen übernimmt Dirigierprofessor Matthias Foremny selbst, darunter auch den kompletten vom Rezensenten erlebten Abend.
Zumindest in Janáčeks Version geht es allerdings in der Handlung keineswegs nur um die Füchsin, sondern markant auch um die Menschen, so daß also durchaus nicht nur die Handlungen der Tiere als Fabel begriffen werden müssen, sondern auch die Interaktion zwischen Mensch und Tierwelt in dieses Beziehungsgeflecht einzukalkulieren ist. Die Füchsin Bystroučka (oder in der deutschen Version Schlaukopf) wird als Welpe vom Förster eingefangen und in dessen Haus großgezogen, aber von verschiedenen Mitbewohnern drangsaliert und letztlich in einen Käfig gesperrt. Mit einer List entkommt sie, tötet den Hahn und alle Hühner und verschwindet letztlich im Wald, wo sie den Dachs aus seinem Bau vertreibt und mit dem Fuchs Goldrücken zu Tiefengrund (eine Hosenrolle übrigens) eine Familie gründet. Den Fallen des Försters entgeht sie, fällt aber letztlich dem Wilderer Haraschta zum Opfer, und ihr Fell wird zu einem Muff für die Zigeunerin Terynka verarbeitet, der gleich das Gros der männlichen Protagonisten der Handlung nachstellt und die interessanterweise auf der Bühne weder persönlich noch z.B. als Stimme aus dem Off erscheint – eine interessante Ausprägung des Stilmittels eines MacGuffin.
Was sich in der Gesamtbeschreibung etwas seltsam anhört, ist es auch im Detail – man merkt die Herkunft aus einem Comicstrip hier und da noch markant, auch wenn der Librettist sich Mühe gegeben hat, einen großen Bogen über das Ganze zu ziehen, wenn etwa der Förster in der langen Schlußszene über die Vergänglichkeit sinniert und sich abermals einen Fuchswelpen einfängt, der sich als Nachkomme der toten Füchsin entpuppt. Andererseits offeriert die vielschichtig interpretierbare Geschichte dem jeweiligen Regisseur eine Fülle möglicher Konzepte.


Leider wird nicht deutlich, für welches Konzept sich Karoline Gruber an der Hochschule entschieden hat – weder anhand des konkreten Bühnengeschehens noch anhand des Programmheftes läßt sich ein größerer Plan ablesen. Die Menschen sind überwiegend nach der Mode der Entstehungszeit gekleidet, aber die ungebetenen Gäste des ersten Akts entpuppen sich hier als moderne Frauenband mit Gitarrenkoffern und Lederjacken, ohne daß klar wird, wohin diese ironische Brechung führen soll. Der Me-Too-Aspekt samt offenkundiger aktueller Rammstein-Anspielung wird wohl nicht das Ziel gewesen sein. Die Tierwelt kommt mit einem Mix aus Humanisierung und Fantasy daher, garniert mit einigem Humor unterschiedlicher Treffsicherheit und einer weiteren ironischen Brechung, wenn die Hochzeit zwischen Füchsin und Fuchs im Las-Vegas-Stil stattfindet. Ansonsten ergeht sich die Regie in einzelnen Anspielungen, ohne daß man wie erwähnt einen großen Plan erkennt, wobei so manche dieser Anspielungen tatsächlich eine große Tiefsinnigkeit aufweisen, etwa wenn die Füchsin den Dachs aus seiner Wohnung befördert – was im Original noch mit der Arroganz des Dachses begründet wird, kommt hier allerdings als pure Gentrifizierung daher, womit wir beim nächsten Grundproblem wären. Das immerhin 32seitige Programmheft bietet einen reichen Fundus an Hintergrundinformationen, enthält dem Leser dafür aber diverse zentrale Informationen vor. Neben solchen zur Inszenierung betrifft das auch die Übersetzung.
Max Brod hatte 1925 eine solche ins Deutsche geschaffen, die inhaltlich allerdings markant vom Original abweicht. Walter Felsenstein soll in seiner äußerst wirkkräftigen Berliner Inszenierung, die den Durchbruch für das Werk darstellte, die Brod-Version abgewandelt haben – in Leipzig kommt nun aber eine Neuübersetzung von Ute Becker und Alena Wagnerová zur Aufführung. Gemäß dem Programmheft haben sich die Studenten vorher mit bestimmten Aspekten dieser zwei Übersetzungen befaßt – aber was sie dabei herausgefunden haben, das steht dann nicht geschrieben und auch nichts zu den Hintergründen der Neuübersetzung. So bleibt auch offen, was von den Gruberschen Einfällen welchen konkreten Hintergrund in der Neuübersetzung hat. Zuzutrauen wäre das u.a. der Szene, in der der Hahn unfreiwillig, auf Druck der Hennen, die Füchsin aus ihrem Käfig befreit, was den Tod der Hühnerschar zur Folge hat, aber auch der Werbeszene des Goldfuchses um die Gunst der Füchsin, bei der einem unwillkürlich die klassische EAV-Textzeile „und mit Worten öd und schal / bringt dieselbe er zu Fall“ aus „Küß die Hand, schöne Frau“ ins Gehirn springt. Und dann wäre da noch der hochinteressante, wenn auch konkret nicht deutbare Aspekt, daß es in allen zentralen Handlungselementen der Füchsin eigentlich nur ums Fressen geht.
Rebecca Ibe als Füchsin und Vincent Hoppe als Dachs


Zu hören bekommen wir in dieser Inszenierung übrigens eine „Musikalische Bearbeitung von Jonathan Dove“, sagt das Programmheft – mehr aber auch nicht, so daß man selbst ergründen muß, was denn der Unterschied der Dove-Bearbeitung zum Original ist. Das fast allwissende Netz verrät, daß Dove eine Fassung für Kammerorchester erstellt hat. In die komplett durchkomponierte Grundstruktur hat er hingegen offenbar nicht eingegriffen, auch etwaigen Versuchungen, irgendwie die nicht vorhandene Eingängigkeit zu erhöhen, hat er offenkundig widerstanden. Was von der geschickten Instrumentierung auf ihn zurückgeht und was auf Janáček, müssen Kenner der Originalfassung beurteilen. Matthias Foremny und seine Studenten hangeln sich jedenfalls gekonnt durch die Musik und bereiten den Sängern den Weg, wobei Rebecca Ibe als Füchsin eine starke und wandlungsfähige Stimme ins Gefecht führt, und auch Fredrik Essunger gibt im Schlußmonolog einen stimmgewaltigen wie nachdenklichen Förster, während die anderen Rollen zu klein sind, um große stimmliche Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. Als geschickter Schachzug erweist sich der Einfall von Roy Spahn, die Bühnendeko multifunktional als Baumstämme oder Möbel zu nutzen, während im Hintergrund perspektivisch nach oben ragende Bäume einprojiziert werden, die je nach Situation ihre Belaubung und/oder andere Elemente wechseln – in Las Vegas wird zwischen ihnen sogar Feuerwerk gezündet. Die mit dieser Perspektive imitierte Waldbodensicht geht jedenfalls auch als gelungen durch, was man vom Gesamtwerk wie beschrieben nur bedingt sagen kann. Große Teile des Publikums im gut gefüllten Saal sind trotzdem zufrieden und spenden reichlich Applaus.

Roland Ludwig


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