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Artikel

Thundermother eröffnen das Heimspiel der Scorpions

Info

Künstler: Scorpions, Thundermother

Zeit: 19.05.2023

Ort: Hannover, ZAG-Arena

Besucher: 11.000

Fotograf: Norbert von Fransecky

Dass bei einem Konzert, das von einem Main-Act und einer Vorgruppe gestaltet wird, nur die Fotos einer Band im Konzertbericht erscheinen, ist so selten nicht. Dass es aber nur Bilder der Vorband sind, verlangt eine Erklärung. Wer auch immer - die Band, das Management oder die PR-Agentur der Scorpions - hat eine Art Zwei-Klassen-Reglung für die anwesenden Foto-Journalisten erlassen. Wer über die Promo-Agentur von Thundermother vor Ort war, durfte zu Beginn des Scorpions-Sets nicht noch einmal in den Fotograben, sondern musste seine Kamera sofort nach den ersten drei Stücken der Damen-Kapelle abgeben und sich in den Innenraum der Arena begeben. Norbert war es Recht. So konnte er ausgiebig auf sein Thundermother-Foto-Material zurückgreifen. Das Meine-Titelbild verdankt er seinem Begleiter, der - anders als Norbert - im Besitz eines Handys ist.


Es war ein Heimspiel. Es war ein Triumph! Es war perfekt (inszeniert). In der ausverkauften ZAG-Arena auf dem hannoverschen EXPO-Gelände zelebrierten die Scorpions ihr vielleicht letztes Konzert in ihrer Heimatstadt. Denn das immer wieder einmal angekündigte und dann wieder aufgehobene Ende der Band könnte eventuell wirklich langsam Realität werden. Immerhin konnte Frontmann Klaus Meine keine Woche nach dem Konzert seinen 75sten Geburtstag feiern; Rudolf Schenker folgt Ende August.

Mit dem Konzert am südlichen Stadtrand von Hannover waren die Skorpione nah an ihren Wurzeln. Rudolf Schenker hatte sie 1965, damals noch unter dem Namen Nameless, in Sarstedt gegründet, einer Kleinstadt nur wenig mehr als 10 Kilometer von der Halle entfernt. Der Name Scorpions folgte ein Jahr später. Drei Jahre später stießen Klaus Meine und Rudolfs Bruder Michael dazu; wiederum drei Jahre später erschien das erste Album Lonesome Crow.


Das war aber noch eine andere Band. Zu der Band, die dann die Welt erobern sollte, wurden die Scorpions erst als gleich vier(!) Mitglieder der Band Dawn Road bei ihnen einstiegen – unter ihnen der Ausnahmegitarrist Uli Jon Roth. Zusammen mit Meine und Rudolf Schenker starten drei von ihnen durch, lieferten vier Hard Rock Meilensteine ab und krönten diese Phase mit dem 78er Live-Album Tokyo Tapes.

Wer nach Klaus Meines Ansage, man werde an dem Abend eine Mischung aus neuen und ganz alten Stücken spielen, auf Stücke aus dieser frühen Phase hoffte, kannte die Band wenig. Die Stücke aus der Roth-Phase stehen seit mittlerweile Jahrzehnten auf dem Band-internen Index. Auf die Setlist kommt nur was nach der Trennung von Uli Jon Roth aufgenommen wude. Und so war das Instrumental Coast to Coast von Matthias Jabs’ Einstiegsalbum Lovedrive, das im ersten Drittel der Setlist erschien, das älteste gespielte Stück.

Das aktuelle Album Rock Believer kam vier Mal zum Zug. „Gas in the Tank” eröffnete den Abend. Nach „Coast to Coast“ kam ein 2-Song-Doppelschlag. Der Titelsong kam bevor das minutenlange, vom Publikum massiv abgefeierte Drum-Solo „New Vision“ zum Finale des regulären Sets überleitete. In der Eingangsphase hatten zwei Animal Magnetism-Titel ihren Einsatz, unter anderem das mit intensivem Talk-Box-Solo versehene „The Zoo“. Das der Stadt New York gewidmete Stück wurde, wie alle anderen Stücke auch, von einer speziell dafür gestalteten Video-Animation begleitet.

Der Kracher „Bad Boys running wild” leitete zu dem Gitarrensolo „Delicate Dance“ über. Es folgten zwei Balladen. Zuerst mit hohem Kitschfaktor – und von Meine eingeforderter iPhone-Weihnachtskulisse – „Send me an Angel“, danach das wohl unvermeidliche „Wind of Change“, bei dem die Moskau-Zeile durch ein auch auf dem Video-Screen eingeblendetes „Now listen to my Heart, it says Ukrainia“ ersetzt wurde.

Ich hatte den Eindruck, dass damit der Pflichtteil abgeleistet war. Bei „Tease me please me“, ebenso wie die beiden Balladen von Crazy World, platze der Knoten endgültig – und die alten Herren spielten sich völlig entfesselt in einen wahren Rausch. Das 1990er Album war – abgesehen vom aktuellen Album – das jüngste Album, das im Programm berücksichtigt wurde, das mit Stücken von 1979 bis 1990 somit ein ziemlich konsequentes 80er Jahre Programm bot.
Joan Massing am Schlagzeug

Das Finale wurde von „Blackout“ vom gleichnamigen Album und den „Big City Nights” gebildet. Damit war man bei dem stärksten Album – zumindest der Jabs-Jahre – angelangt. Love at first Sting war wie Rock Believer mit vier Stücken vertreten. Nach „Big City Nights“ und dem bereits früher im Programm erschienen „Bad Boys running wild“ kamen als Zugabe „Still loving you“ und – natürlich – „Rock you like a Hurricane“ zum Zuge.

Das Alter der Musiker kam eigentlich nur im Vergleich zum Tragen. So wird auf die berühmte Menschen-Pyramide mittlerweile verzichtet. Und Klaus Meine wirkte – allerdings nur in der ersten Hälfte des Konzertes – gelegentlich wie eine alte Tante. Schenker ließ es ruhig und gelassen angehen. Die energetischen Aktiv-Posten waren Matthias Jabs, der den Gitarrenhelden verkörperte und eine beeindruckende Laufleistung auf der großen Bühne absolvierte; nicht zuletzt aber Ex-Motörhead-Drummer Mikkey Dee, der sein Kit mit mächtigem Punch verdrosch. Aber die beiden sind ja auch erst 67 bzw. 59 Jahre alt.


Setlist Scorpions
Gas in the Tank (Rock Believer)
Make it real (Animal Magnetism)
The Zoo (Animal Magnetism)
Coast to Coast (Lovedrive)
Seventh Sun (Rock Believer)
Peacemaker (Rock Believer)
Bad Boys running wild (Love at first Sting)
Delicate Dance (Git-Solo)
Send me an Angel (Crazy World)
Wind of Change (Crazy World)
Tease me please me (Crazy World)
Rock Believer (Rock Believer)
New Vision (Dr/Bass-Solo)
Blackout (Blackout)
Big City Nights (Love at first Sting)
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Still loving you (Love at first Sting)
Rock you like a Hurricane (Love at first Sting)


Bevor die Scorpions kurz nach 21 Uhr die Bühne in Besitz nahmen hatten Thundermother ihre 40 Minuten. Die Hannoveraner waren mit ihrem Opening Act, den sie bereits im vergangenen Jahr in Amerika mit dabei hatten, offenbar so zufrieden, dass sie den Mädels angeboten hatten, auch beim Europa-Teil der Tournee wieder mit von der Partie zu sein. Die Band, die nun in Hannover auf der Bühne stand, war allerdings nicht mehr die, die noch im August ihr zweites Album Black and Gold veröffentlicht hatte. In den USA hatte es wohl Streit gegeben, in dessen Folge Gitarristin Filippa Nässil das komplette Personal ersetzen mußte. Am Start in Hannover waren nun an ihrer Seite Sängerin Linnéa Vikström (Therion, At the Movies), Bassistin Majsan Lindberg und Schlagzeugerin Joan Massing (Honey Creek).

Der Eindruck, dass hier eine Nummer 1 mit drei hired Guns antritt, entstand aber zu keiner Sekunde. Im Gegenteil: Herausgehoben wurde erst einmal Sängerin Linnéa Vikström. Zum Auftakt standen nur die drei Instrumentalistinnen auf der Bühne, machten gleich mal mächtig Dampf und bereiteten den Auftritt der Sängerin vor, die dann die Front übernahm.

Kleidung ist Image; Bühnenkleidung allzumal. Und hier setzten die vier Ladies ein klares Statement. Lack, Leder und Nieten, mit denen Judas Priest die Metal-Kleiderordnung festgelegt haben, waren nicht zu sehen. Es gab auch keinen Glam-Glanz. Aus dem CD-Titel Black and Gold wurde auf der Bühne Black und vor allem Blue. Und diese Farben waren in Jeans gewebt. Ein Look, der von Status Quo gesetzt wurde und zu einer Band passt, die im klassischen Hard Rock wurzelt und sicher etliches von AC/DC im Plattenschrank stehen hat.

Richtig gut beobachten konnte ich nur die ersten drei Tracks, während ich im Fotograben stand. Danach ging es in den Innenraum, in dem es einige Zeit dauerte, bis wir uns eine Position erobert hatten, von der aus man zumindest etwas vom Bühnengeschehen sah. Meine eher kritische Haltung derartiger Arenen-Konzerte begann sich zu festigen. Bei den Scorpions legte sich das dann. Denn Meine & Co wurden von mehreren Kameras gefilmt und auf die Screens hinter und neben der Bühne projiziert. Man war so zwar auf die vom Videomischer ausgewählten Bilder angewiesen, konnte aber Jabs auf die Finger sehen und erleben, wie das Tier Mikkey Dee hinter den Kesseln tobte. Man fragte sich, ob den Rock-Königen aus Hannover ein Zacken aus der Krone gefallen wäre, wenn sie es auch den Schwedinnen ermöglicht hätten, zumindest ein oder zwei Kameras zu nutzen. Da hatten Subway to Sally am Vortag in der Innenstadt von Hannover mehr Größe gezeigt.

Aber auch ohne diese Unterstützung lieferten Thundermother satt ab. Als mir „meine“ Promoterin signalisiert, dass mein Fotopass eventuell nur für den Opening Act gilt, schlich sich bei mir die Befürchtung ein, dass ich eventuell auch nur die Thundermother-Show sehen dürfte. Das wäre mehr als bedauerlich gewesen, aber auch der Auftritt von Thundermother alleine hätte die Anfahrt gelohnt. Ich buche bei der Promoterin jetzt schon einen Platz auf der Presseliste, sollten die Schwedinnen demnächst mal eine Headliner-Club-Tour fahren, die in einer für mich erreichbaren Location Station macht.

Norbert von Fransecky


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