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Wishbone Ash holen ihr "Vor Corona"-Konzert in Augsburg nach

Info

Künstler: Wishbone Ash

Zeit: 16.01.2023

Ort: Augsburg - Spectrum

Die Enttäuschung war groß, als ich am 5.2.2020 vor dem Spectrum stand und die Veranstaltung wegen einer Erkrankung von Sänger Andy Powell ausfallen musste. Niemals hätte ich gedacht, dass ich auf das Nachholkonzert coronabedingt fast drei Jahre warten muss. Umso schöner, als der Tag heute endlich da war und das Konzert in meinem Terminkalender auftauchte. Und noch besser: die Veranstaltung findet tatsächlich statt! Mittlerweile ist dies mein letztes Nachholkonzert aus dieser Zeit und ich hoffe inständig, dass so etwas nie mehr passiert.

Das letzte Album von Wishbone Ash heißt Coat Of Arms und wurde 2020 veröffentlicht. Die Scheibe bekam durchwegs sehr gute Kritiken, meiner Meinung nach völlig zurecht. Eine Tour dazu fand bis heute nicht statt. Mittlerweile hat sich die Band aus aktuellem Anlass dazu entschlossen, bei der Konzertreise aufgrund des 50. Jubiläums ihres Erfolgsalbums Argus dieses komplett zu spielen.

Der Andrang am Spectrum ist sehr groß, ausverkauft ist es jedoch nicht. Viele größtenteils ältere Semester haben es in die schwäbische Landeshauptstadt geschafft. Am Merchandise-Stand gibt es eine große Auswahl an signierten CDs, Autogrammkarten, Tourbooks, Mützen und ein Tourshirt. Die Preise sind sehr günstig und absolut fair.

Eine Vorband gibt es im Spectrum unter der Woche meistens nicht. Wishbone Ash kommen völlig unspektakulär um 20 Uhr auf die Bühne und beginnen traditionell mit einem Instrumentalstück. Diesmal haben sie sich „In The Skin“ vom 1987er-Album Nouveau Calls herausgepickt. Der Sound ist glasklar, druckvoll und laut, aber sauber ausgesteuert.

Die Musiker machen auch nach drei Jahren Bühnenabstinenz einen hervorragenden Eindruck. Motiviert bis in die Haarspitzen präsentieren sie zwei Stücke des neuen Albums, die vom Publikum sehr gut aufgenommen werden. Auch hier sind die typischen Wishbone-Ash-Trademarks deutlich erkennbar. Andy Powell ist wie immer ein Aktivposten an der Gitarre und spielt seine Flying V mit der gleichen Virtuosität und Begeisterung wie die Jahre zuvor. Er bemerkt in einer kurzen Ansprache, das gerade auf der ganzen Welt viel Chaos herrscht und wünscht sich mit „We Stand As One“ wieder mehr Frieden. Mittlerweile haben sie mit Mike Truscott einen neuen Schlagzeuger, der 2022 zur Band gestoßen ist und den langjährigen Joe Crabtree ersetzt hat.

Bei „Rock n Roll Widow“ geht es weit zurück zu den Anfängen der Band. Hier spielt Mark Abrahams eine Art elektrische Pedalsteel-Gitarre, die waagrecht vor Abrahams aufgebaut ist. Mit einem Glasrohr entlockt er der Gitarre recht irre Töne und veredelt damit die „Rock n Roll-Witwe“ buchstäblich. Der Typ hat echt was auf dem Kasten, wirkt dabei aber weder arrogant noch eingebildet. Sehr sympathisch und publikumsnah spielt er seine Parts. Er hat sich offensichtlich in der kurzen Zeit schon perfekt in die Band eingefügt.

„Ballad Of The Beacon“, das von Andy Powell als „drinking song“ angekündigt wird, versetzt das Publikum schlagartig in gute Laune. „Standing In The Rain“ von 1991 ist ein Klasse-Stück, das eigentlich jeden Tag im Radio laufen sollte. Diese Melodie und dieses Gespür für einen guten Song sind einzigartig. In einem Interview habe ich kürzlich gelesen, dass Abrahams ihn unbedingt in der Setlist haben wollte, weil sein Vater den Song immer gerne beim Autofahren gehört hat.

Nun ist es Zeit, für den ganz großen Klassiker von Wishbone Ash, für Argus. Ich muss zugeben, dass das Album auch bei mir die Begeisterung für diese musikalisch herausragende Band geweckt hat. Und Argus“ ist bis heute ein Klassiker, den ich immer wieder sehr gerne höre. Bereits die Ankündigung von Powell sorgt für ein Raunen im Publikum. Und dann geht es standesgemäß mit „Time Was“ los. Apropos Zeit: Die Musik klang vermutlich damals schon wie ein bisschen aus der Zeit gefallen. Nach wie vor sind die Stücke jedoch zeitlos, ohne langweilig zu wirken. Musikalisch wird alles auf allerhöchstem Niveau präsentiert, hier kommen wahre Gourmets auf ihre Kosten.

„Sometime World“ wird ein bisschen melancholisch, auch das gehört dazu. „Blowin' Free“ sorgt wieder für Bewegung im Spectrum, vereinzelt wird sogar getanzt. Die Band präsentiert sich wie aus einem Guss. Vor allem die Rhythmusfraktion um den kultigen Bassisten Bob Skeat und den neuen Schlagzeuger Mike Truscott wirkt so, als würden sie schon seit Jahren in dieser Konstellation zusammenspielen. Skeat übernimmt dabei noch den kompletten Background-Gesang, nimmt viel Kontakt zum Publikum auf und strahlt dabei von einem Ohr zum anderen.

„The King Will Come“ lässt das Spectrum regelrecht ausrasten. Hier verzahnen sich die einzelnen Töne zu einem großen Ganzen und lassen wahre Klangkathedralen entstehen. Der Doppelschlag „Warrior“ und das textlich leider immer noch aktuelle „Throw Down The Sword“ beenden den Argus-Teil. Die Band bekommt überwältigenden Applaus und saugt diesen auch förmlich ein. Auch den Musikern, die allesamt schon hunderte von Konzerten gespielt haben tut es sichtlich gut, wieder zusammen auf der Bühne zu stehen und die unmittelbare Rückmeldung eines Live-Publikums zu bekommen.

Was nun folgt, ist pure Magie. „F.U.B.B.“ ist auf dem Album There’s The Rub schon ein wahrer Ohrenschmaus. Aber live zündet das Stück noch umso mehr, weil man dabei das traumwandlerisch sichere Zusammenspiel der Musiker bestaunen kann. Bei dem schnelleren Teil kommt wieder Bewegung ins Publikum, Skeat und Truscott pumpen hier ganz ordentlich nach vorne. Als Zugabe wird das unverwüstliche „Jailbait“ gespielt, das im Laufe des Songs in ein kurz angespieltes „Phoenix“ übergeht. Auch hier werden noch einmal alle Register gezogen und die unvergleichlichen Twin-Guitars tönen nach allen Regeln der Kunst.

Nach zwei Stunden ist die Show dann gefühlt schon viel zu früh vorbei. Interessant und kurzweilig von der ersten bis zur letzten Minute war hier eine Band zu sehen, die es sichtlich wieder genießt, am Start zu sein. Das Publikum honoriert die gezeigte Leistung mit tosendem Applaus. Powell kündigt an, im nächsten Jahr wieder nach Augsburg zu kommen. Ach ja, woran erkennt man, dass Januar ist? Ganz klar: Wishbone Ash spielen in Deutschland…


Setlist
In the Skin
We Stand as One
Coat of Arms
Rock 'n Roll Widow
Ballad of the Beacon
Standing in the Rain
Time Was
Sometime World
Blowin' Free
The King Will Come
Leaf and Stream
Warrior
Throw Down the Sword
F.U.B.B.
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Jail Bait / Phoenix

Stefan Graßl


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