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Der Klangschlamm der Mafia: Das Christoph Irniger Trio beim Jazzklub Altenburg

Info

Künstler: Christoph Irniger Trio

Zeit: 21.10.2022

Ort: Altenburg, Paul-Gustavus-Haus

Internet:
http://www.christophirniger.com

Beim Jazzklub Altenburg ist der Schweizer Saxophonist Christoph Irniger sowas wie ein Stammgast, wenngleich man eine Handvoll Bandnamen im Auge behalten muß, um den Überblick nicht zu verlieren: Mit Pilgrim war er schon hier, mit Cowboys From Hell auch, und an diesem milden Oktoberfreitagabend steht er nun mit einer einfach Christoph Irniger Trio geheißenen Formation auf der Bühne, wobei die Bezeichnung eine Erläuterung erfordert, denn sie zählt den Chef selbst nicht mit, sondern ist als „Christoph Irniger plus ein Trio“ zu übersetzen, zumindest seit der Erweiterung um einen zweiten Saxophonisten, wobei Ben van Gelder an diesem Abend diesen Posten übernimmt, der wiederum dem Rezensenten arg bekannt vorkommt, aber der konkrete Kontext ist bis heute noch nicht wieder ins aktive Hirn zurückgesprungen. Auf dem aktuellen Album Open City spielte jedenfalls noch Loren Stillman das zweite Sax (der auch auf dem hier abgebildeten Bandfoto zu sehen ist), während die Rhythmusgruppe aus Kontrabassist Raffaele Bossard und Drummer Ziv Ravitz unverändert geblieben ist.

Dieses, ja, Quartett legt mit „Violet, Green, Orange“ vom Albumzweitling Octopus los und verdeutlicht schon hier, was in der Folge zu erwarten ist. Drummer und Basser liefern eine kurze Einleitung, aber die beiden Saxer setzen bald ein und evozieren das komplette Spektrum, das im Zusammenspiel zweier der gleichen Art angehörender Instrumente so möglich ist. Mal spielt längere Zeit nur einer, mal gibt es Dialoge, mal Duelle, mal gegenseitiges Sich-Ergänzen, das Ganze selbstredend auf einem Niveau, wo man über technische Dinge nicht mehr reden muß, sondern sich ganz aufs Feeling konzentrieren kann, vom Seelenstreicheln bis zur Kratzbürstigkeit kurz vorm Kollaps. Das urlange Stück besitzt einen Aufbau in klassischer ABA-Form, der Drummer agiert schon hier extrem verspielt, und der Basser steht akustisch ein ganz klein wenig zu weit im Hintergrund, was den Groove zum tertiären Faktor werden läßt – sekundär ist er ja schon von der Grundanlage her.
Das heißt natürlich nicht, dass es auf ihn nun gar nicht ankäme – sonst würde sich Irniger, wenn er mal nicht spielt, aber sein Kompagnon groovig-geradlinige Passagen ausgestalten darf, nicht wohlig im Takt wiegen. „The New Dope“, vom neuen Album stammend, gibt ein prächtiges Beispiel für diese Verhaltensweise ab, fällt aber erstmal dadurch auf, dass der Basser ein Solo spielt, während der Drummer sein Kit umbaut und dann erstmal geraume Zeit einen Funeral-Doom-kompatiblen Rhythmus erzeugt, den er allerdings mit ein paar blastbeatlastigen Fills garniert (man stelle sich vor, die Drummer von Napalm Death und Cathedral würden gleichzeitig spielen), bevor die Intensität weiter steigt. „Calling“, auch neu, hebt mit einem langen Intro von Baß und Drums an, das einen fast folkigen Charakter aufweist, und wird im Hauptteil weitgehend nur als reales Trio, in diesem Fall mit dem spielenden Irniger, bestritten. Der Titeltrack des Debütalbums, „Gowanus Canal“, setzt dem gleichnamigen Wasserlauf in New York, in dem einst die Mafia die Leichen entsorgt haben und wo es noch heute unter bestimmten Wetterverhältnissen barbarisch riechen soll, ein akustisches Denkmal, wobei das Wasser sehr langsam fließt, manchmal fast steht und Ben die Aufgabe zugewiesen bekommt, den Geruch akustisch umzusetzen. Der erste Set endet mit „40 Years Of An Old Wise Lady“, einer Komposition von Basser Raffaele, der hier im Intro, was er sonst sehr selten tut, temporär mal zum Bogen greift, bevor er einen Mix aus klassischen zweistimmigen Sax-Passagen mit wildem Gerumpel inszeniert, unterbrochen von einem intensiven Zwischenpart mit Schleifgeräuschen von den Becken und Bogenstrich weit unter dem Steg, wobei einige verzögerte Einsätze für Spannung sorgen, bevor ein speediges Finale den Schlußstrich setzt.
Set 2 eröffnet mit „My World“ und macht klar, dass wir zwar schon viele Stilelemente gehört haben, aber die Formation immer noch das eine oder andere zusätzliche As aus dem Ärmel schütteln kann. Im ruhigen Mittelteil schweigt der Drummer nämlich, was sein Instrument angeht – dafür erhebt er seine Stimme und steuert einige Vokalisen bei. Im Titeltrack von Open City liefert die Formation ein Beispiel für eine ungewöhnlich asymmetrische Dynamikkonzeption, indem Irniger seinen Höhepunkt zu einem früheren Zeitpunkt erreicht als die Rhythmusgruppe. Der Drummer verliert hier später einen Stick, der ins Publikum fliegt und nicht als Souvenir einkassiert, sondern brav auf die Bühne zurückgereicht wird, und die Swing-Andeutungen in den Hyperspeed-Parts muß man auch erstmal so hinkriegen. „Schattenspiel“, eine weitere Raffaele-Komposition, gebärdet sich lange eher ätherisch, nur von Baß und Drums gestaltet, und auch als Ben einsetzt, ändert sich der Charakter noch nicht – erst Irniger führt das Werk ins Klanginferno, und die galoppierenden Figuren auf dem rechten Becken müssen gesondert erwähnt werden. „Instant“, eine Komposition von Drummer Ziv, weist diesem nach vielschichtiger Entwicklung mit häufigen Bremsungen im Finale eine besonders wilde Rolle zu, und „Ocean Avenue“ holt einen interessanten Mix aus Über- und Unterwasseranmutungen aus den Instrumenten, Wellen und Brandung inclusive, und der Basser wühlt mit dem Bogen ganz tief im Klangschlamm. Das wilde, teils im Hyperspeed dargebotene Stück sorgt für ähnlich wilden Applaus des schon zuvor prächtig unterhaltenen Publikums, das natürlich mit einer Zugabe belohnt wird, allerdings einer mit völlig anderem Charakter: Das schon sehr alte, aber seine Aktualität nicht verlierende „Peace In The End“ transportiert seine aufbauende Message, das Glas lieber halbvoll zu sehen, mit besinnlich-entrücktem Ton, der Basser greift wieder zum Bogen, der Drummer zu Besen, und Irniger agiert völlig jenseitig, bevor sich die beiden Saxer zu einem markanten Doppelthema finden und der Drummer ein letztes Mal Vokalisen einstreut. Die Nummer ist die mit Abstand zugänglichste des Sets, bleibt bis zum Schluß rund und einfach schön, das vorausgegangene streckenweise Klanggewitter wirkungsvoll erdend und einen sehr interessanten Gig auf hohem Niveau abschließend. Mit welcher Formation Irniger das nächste Mal in Altenburg aufkreuzt, darf gespannt abgewartet werden ...

Roland Ludwig


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