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Russ Ballard live im Augsburger Spectrum

Info

Künstler: Russ Ballard

Zeit: 07.11.2022

Ort: Augsburg - Spectrum

Als ich im Kollegen- oder Bekanntenkreis erzählt habe, dass ich auf das Konzert von Russ Ballard gehe, kam häufig die Frage: „Wer ist das denn?“ Vielen hat der Name tatsächlich gar nichts gesagt. Dabei ist unser Protagonist ein außerordentlich erfolgreicher Songwriter für andere berühmte Künstler, war Mitglied bei der Band Argent und hat selbst auch etliche Hits veröffentlicht.

2009 war er mit dem Album Book Of Love auf Tour in Nürnberg und ich bin nicht hin gegangen. Seitdem war er nicht mehr in Deutschland und ich hatte schon befürchtet, dass ich ihn nie live sehen kann. Immerhin hätte der Termin heute schon 2020 stattfinden sollen.

Das Spectrum ist rappelvoll, aber nicht ausverkauft. Das Publikum besteht größtenteils aus Rockfans „50 Plus“. Eine Vorband gibt es nicht, der Gig beginnt pünktlich um 20 Uhr. Russ Ballard wird vom Augsburger Publikum mit großem Jubel begrüßt. Offensichtlich hat die lange Wartezeit für Entzugserscheinungen gesorgt. „Rene Didn’t Do It“ wird von ihm als sein „Punk-Song“ angekündigt und äußerst rotzig vom Stapel gelassen. Der Sound ist astrein, alles passt hervorragend.

Der mittlerweile 77-jährige Ballard brettert agil über die Bühne. Gesanglich ist er bestens in Form und präsentiert sich stimmlich sehr voluminös. Dass dabei vielleicht nicht jeder Ton 100%ig sitzt, fällt dabei nicht ins Gewicht. Seine typische Gitarre mit den Löchern, auf seiner Homepage liebevoll „Hol(e)y Fender“ genannt, hat er natürlich von Beginn an dabei. Seine Bandkollegen bezeichnet Ballard immer wieder als seine Freunde. Die Musiker ziehen sich immer wieder gegenseitig auf, trinken Bier während des Auftritts und haben offensichtlich jede Menge Spaß. Die musikalische Klasse leidet darunter keineswegs.

Die 80er sind dabei ständig präsent. Vereinzelt denke ich mir bei manchen Stücken, dass ich das von einem anderen Künstler schon gehört habe. „In The Night“ ist so ein Stück, das ich von Ace Frehleys Debüt als „Into The Night“ kenne. Hier lohnt es sich unbedingt, das Video anzuschauen! Für kollektive Feierstimmung sorgt „The Fire Still Burns“, bei dem lauthals mitgesungen wird. „Hold Your Head Up“ kommt stark rüber, ich kenne das Stück ursprünglich in der Uriah-Heep-Variante. „Time Machine“ vom neuen Album „It’s Good To Be Here“ klingt härter als auf der Studio-Variante und wird von seiner Band mit Schmackes dargeboten.

Nun kommt ein Medley von Stücken, die man eher in der Version von anderen Musikern kennt. „So You Win Again“ von Hot Chocolate klingt in der Live-Version weniger soulig, Fridas „There’s Something Going On“ kommt rockiger rüber, „I Surrender“ (Rainbow) und „New York Groove“ (Hello) klingen stark nach den Originalen, nur dass der Gesang eben von Ballard stammt. Wobei ich in einem Interview gelesen habe, dass für ihn Ace Frehley die ultimative Version von „New York Groove“ eingesungen hat. Immer wieder streut er ein paar Geschichten zu den Songs ein. „Liar“ von Argent war in Amerika ein großer Hit, von dem er sich sein erstes Haus gekauft hat. Die Geschichten sind immer sehr kurz, aber interessant und unterhaltsam. Der Abend ist eher songorientiert, seine Band knallt in bester Punkrock-Manier ein Stück nach dem anderen raus.

Schlagzeuger John Miller ist erst seit kurzem dabei, was man ihm zu keiner Sekunde anmerkt. Viel für den Gesamtsound macht Keyboarder Marc Rapson, der den Stücken den entsprechenden Sound-Stempel aufdrückt. Bassist PJ Phillips agiert unauffällig aber solide neben Ballard und flüstert ihm die eine oder andere Information ins Ohr, die bei diesem jedoch witzigerweise fast nie für eine Reaktion sorgt. Gesanglich und gitarrentechnisch unterstützt ihn Roly Jones, der mit Motörheads „Würzel“ in der Band Leader Of Down gespielt hat. Wie normal und allürenfrei Ballard ist, kann man an seiner Homepage erkennen. Hier darf sich jeder seiner Musiker ausführlich persönlich vorstellen, was ich so noch nie gesehen habe.

„Since You Been Gone“ ist der Hit, der mir im Radio am häufigsten auffällt. Hier wurde Ritchie Blackmore darauf aufmerksam, um mit dem Stück nach dem Dio-Rauswurf mit Graham Bonnet US-tauglicher zu klingen. „Voices“ beginnt mit einem bedrohlichen Bass-Intro, danach bewegt sich das Publikum kollektiv zum Groove. Das sind 80er pur! „Voices“ war damals schon klasse und hat auch im Laufe der Jahre nichts von seiner Qualität eingebüßt. Der Über-Hit des Abends ist für mich „Two Silhouettes“. Diese Melodie läuft bei mir selbst eine Woche nach dem Konzert noch im Ohr. Auch hier ist das Video dazu äußerst sehenswert. Im Internet habe ich ein Video gefunden, bei dem das Publikum fast den kompletten Text lauthals mitsingt und für Gänsehaut sorgt. Ganz so wild geht’s im Spectrum nicht ab, aber auch hier sind die Publikumsreaktionen mehr als beachtlich. „God Gave Rock n Roll To You“ wird begeistert mitgesungen und klingt nicht ganz so fett wie die Version von Kiss, die mit diesem Stück 1992 ein Mega-Comeback gefeiert haben.

Danach ist der reguläre Teil gefühlt viel zu früh schon wieder vorbei. Ballard kommt alleine auf die Bühne zurück, um eine A-capella-Version von „On The Rebound“ zu singen. Das Stück kenne ich von Uriah Heep, die daraus auch eine sehr gute Variante gebastelt haben. „I Can’t Here You No More“ beendet das Konzert mit einem Paukenschlag, hier ist noch einmal viel Bewegung im Publikum. Danach verabschiedet sich Ballard mit seinen Bandkollegen und bekommt sehr viel Applaus. Er lässt es sich nicht nehmen, bereits von der Bühne Autogramme für seine Fans zu schreiben.

Nach zwei Stunden und einer wunderbaren musikalischen Zeitreise treten wir zufrieden die Heimreise an. Wenn Ballard in eurer Nähe spielt, solltet ihr unbedingt hingehen!


Setlist:
Rene Didn't Do It
It's My Life (Stand in My Shoes)
Playing With Fire
Dream On
In the Night
The Fire Still Burns
Hold Your Head Up
Time Machine
So You Win Again / I Know There's Something Going On / You Can Do Magic / I Surrender / New York Groove
Liar
Your Time Is Gonna Come
Since You Been Gone
Voices
Hey Bernadette
Two Silhouettes
God Gave Rock and Roll to You
---
On the Rebound
I Can't Hear You No More

Stefan Graßl


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