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Artikel

COMING OF AGE MIT STOCKHAUSEN

Info

Autor: Thomas von Steinaecker - David von Bassewitz

Titel: Stockhausen. Der Mann, der vom Sirius kam

Verlag: Carlsen

ISBN: 978-3-551-73366-5

Preis: € 44,00

392 Seiten

Zusammen mit dem Zeichner David von Bassewitz hat der Schriftsteller Thomas von Steinaecker in siebenjähriger Arbeit den ersten umfangreichen Teil einer Graphic Novel über das Idol seiner Kindheit und Jugend kreiert: den Komponisten Karlheinz Stockhausen (1928 bis 2007), Nachkriegsavantgardist und Enfant terrible der Neuen Musik.

Vielleicht ist dies die ehrlichste und in diesem Fall auch einzig mögliche Weise, eine Biographie über den berühmten Künstler zu schreiben: Der subjektive Blickwinkel des Autors wird nicht hinter den gesammelten Fakten und ihrer Deutung verborgen, sondern selbst zur Methode des Erzählens. Und zu erzählen hat Thomas von Steinaecker einiges, war er mit Stockhausen doch über fast zwanzig Jahre bis zu dessen Tod befreundet. Diese Freundschaft ist in Nähe und Distanz tiefprägend gewesen, sie hat von Steinaecker letztlich zu sich selbst und seiner eigenen künstlerischen Berufung, der Schriftstellerei, geführt. Die Entdeckung des Eigenen vollzog sich bei ihm in der Auseinandersetzung mit dem Anderen, mit dem, was von ihm mit Stockhausens Geschichte und Schaffen in Resonanz gehe konnte: mal fasziniert, dann wieder irritiert, oft begeistert und staunend, aber auch verwirrt. Das Ergebnis ist eine ebenso packende wie sehr berührende doppelte Coming-of-Age-Geschichte, die David von Bassewitz fulminant visualisiert hat.

Von Steinaecker lernte Stockhausens Musik kennen, da war er 12 Jahre alt, Ende der 1980er Jahre, als er in Oberviechtach, einem oberpfälzischen Ort aufwuchs, wohlbehütet im gut- und bildungsbürgerlichen Milieu. Im Sommer 1989 schenkt der Vater ihm und seinem Bruder eine Schallplatte mit dem „Gesang der Jünglinge“, jenem epochalem Werk der elektronischen Musik, mit dem Stockhausen sich 1956 sich einem oft ratlosen und schockierten Publikum als Neutöner der Stunde Null empfahl.
Auch Thomas und sein Bruder brechen vor den elektronischen Bleeps und Bloops sowie der damit verschmolzenen Knabenstimme zunächst in schallendes Gelächter aus, bevor das wiederholte Anhören sie gefangen nimmt. Vor allem Thomas wird zum absoluten Stockhausen-Fan, liest eine damals verfügbare Biographie wie einen Abenteuerroman, kauft Platten, hört und hört und versucht sich sogar an Stockhausens fingerbrecherischer Klaviermusik.

Das Comic erzählt davon und zugleich in steten Wechseln und Rückblenden Stockhausens eigene Biographie: Vom Aufwachsen in der Provinz des Bergischen Landes in Deutschlands finsterster Zeit. Von der feinsinnigen, aber psychisch kranken Mutter, die dem Euthanasie-Programm der Nazis zum Opfer fällt. Vom herrischen und verblendeten Nazi-Vater, der schließlich den Tod auf dem Schlachtfeld sucht. Und von der Einsamkeit, den Träumen und frommen Visionen des musikalisch Hochbegabten, der die gewalttätige nationalsozialistische Erziehungsanstalt und die Apokalypse der letzten Kriegsmonate gerade so überlebt, bevor er sich wie eine Art musikalischer Wunder-Phoenix aus der Asche des zerbombten Deutschlands erhebt und scheinbar aus dem Nichts eine ganz andere, radikal neue Musik erschafft. Eine Revolution der Kunstmusik aus dem Geist von Mathematik, Naturwissenschaft und katholischem Glauben, die in der Nachfolge von Arnold Schönberg und Anton Webern streng seriell geordnet ist und zugleich von einer geradezu anarchisch überbordenden Fantasie und Gestaltungskraft angetrieben wird.

Der junge Thomas erlebt Stockhausens Biografie und Musik durchaus anschlussfähig zu den popkulturellen Sci-Fi-Superhelden seiner eigenen kindlichen Fantasiewelten. Nur dass die Stockhausen-Heldengeschichten offenbar tatsächlich passieren. Wer weiß, vielleicht stammt der Komponist ja wirklich vom Sirius, wie er behauptet! Gerade das Fremde, Verrückte, Überfordernde von Stockhausens Persönlichkeit und Schaffen machen dessen Anziehungskraft aus. Ein Bürgerschreck werden, wie der große Stockhausen, das wäre es! Die Ablehnung durch einen Freund, der vermutet, dass eine Stockhausen-Platte wohl kaputt ist, bestärkt Thomas nur. Und überhaupt: Niemand geringeres als die Beatles sind bekennende Stockhausen-Fans!
Stockhausens Ideale werden Thomas' eigene: die unbedingte Treue zu seiner Vision, die Reise in den Kosmos, die Utopie einer musikalisch hochentwickelten Menschheit … er saugt all das in sich auf, identifiziert sich schließlich sogar mit den Hauptakteuren von Stockhausens superlativischem Opernzyklus LICHT, vor allem dem engelgleichen Menschenerretter Michael.
In Stockhausens musikalischer Familie findet er ein idealisiertes Familienbild, das für ihn hochattraktiv ist. Spricht er zu Hause über Stockhausen, dann bekommt er die ersehnte Aufmerksamkeit vom eigenen Vater, einem vielbeschäftigten Mann, der auf die ersten literarischen Bemühungen seines Sohnes eher neutral reagiert: "Ganz gut." Das alles wird mit viel Humor und sanfter Ironie erzählt und macht nebenbei noch viel Lust, die Musik des Maestro selbst zu hören: Ob "es" dabei wohl auch einem selbst passieren wird?

Der erste Teil schließt mit einem Cliffhanger: Für Thomas steht eine Reise nach Wien mit dem Besuch mehrerer Stockhausen-Konzerte an, inklusive mögliche Begegnung mit dem Meister! Diese Begegnung wird der eigentliche Beginn einer persönlichen Freundschaft, mit Briefwechseln und Ferienbesuchen in Kürten, wo Stockhausen mit seinen beiden Lebensgefährtinnen lebt und arbeitet. Ein paar Vorausblicke deuten schon an, dass diese Freundschaft voller Herausforderungen und Wechselbäder für den jungen Thomas sein wird. "Glaub' doch nicht alles, was dir Karlheinz erzählt und in dieser Biographie steht. Das meiste war ganz anders. Also, pass mal auf ...", sät Mary Bauermeister, die zweite Frau von Stockhausen, Zweifel an der Selbstdarstellung des Idols, dessen familiäre Verhältnisse dann doch etwas komplizierter und weniger harmonisch sind, als Thomas es sich erträumt hatte.

Optisch ist das Buch eine Wucht: David von Bassewitz hat für die Geschichte einen skizzenhaft lockeren, gleichsam fließenden Zeichenstil gefunden, der, ähnlich wie Stockhausens Musik, viele Stilelemente in sich vereint und die Register und Techniken wechseln kann, ohne dass die Einheit des Ganzen darüber verloren ginge. Es ist ein liebevoller Blick, der für die naive kindliche Freude wie die Schrecken des Krieges gleichermaßen eindringliche, witzige, schockierende oder anrührende Bilder findet. Man spürt allenthalben die tiefe Sympathie für die Menschen. Sehr beeindruckend ist auch die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge in wenigen Schlüsselmomenten zu verdichten. Das Ganze hat Atmosphäre, Dynamik und einen eigenen optischen "Sound", der sogar für Stockhausens Musik hinreißende zeichnerische Chiffren findet - man "hört", was man sieht!

"Stockhausen. Der Mann, der vom Sirius kam" ist ein Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte!

Georg Henkel


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