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Nur nach Hause geh’n wir nicht: The Valkyrians und The Easy Notes im Jenaer Kulturbahnhof

Info

Künstler: The Valkyrians, The Easy Notes

Zeit: 30.09.2022

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Internet:
http://www.thevalkyrians.com
http://www.facebook.com/theeasynotes/

Ska ist nicht unbedingt das erste Musikgenre, das einem einfällt, wenn man an Finnland denkt, aber einen weißen Fleck auf der zugehörigen Landkarte stellt das Land der vielen, vielen Seen nun auch wieder nicht dar. The Valkyrians etwa halten die Ska-Fahne schon seit fast zwei Dekaden hoch, erfreuen sich auch und gerade in Deutschland großer Beliebtheit und sorgen somit auch an diesem letzten Septemberabend für einen gut gefüllten Kulturbahnhof, als ein Nachholkonzert ansteht, das eigentlich für den letzten Aprilabend geplant gewesen war, aber krankheitsbedingt ausfallen mußte.

The Easy Notes fungieren als Support und haben offenbar relativ pünktlich begonnen, denn als der Rezensent reichlich fünf Minuten nach 21 Uhr im Kulturbahnhof eintrifft, ist das Septett schon fleißig am Werkeln. Auch Leipzig, wo der Proberaum der Truppe steht, gilt nicht gerade als Ska-Hauptstadt Deutschlands, aber der geschmackssichere Anhänger dieses Stils erinnert sich auf alle Fälle noch an die vor mittlerweile auch schon wieder einer reichlichen Dekade verblühten Blossom. Bis zu deren Niveau haben die seit 2018 musizierenden The Easy Notes allerdings noch einen sehr weiten Weg zurückzulegen, wie schon nach wenigen Songs deutlich wird. Mit sehr seltenen Ausnahmen seitens des Keyboarders und offensichtlichen Bandkopfs setzt hier niemand, aber wirklich niemand irgendwelche Akzente, man spielt die Fremdkompositionen einfach herunter, zwar sauber, aber ohne Ideen, ohne Esprit, ohne Leben, ohne Tempo, saft- und kraftlos, dafür restlos unauffällig. Das über weite Strecken sehr distanziert wirkende Soundgewand der Instrumentalisten fördert diesen Eindruck noch enorm, und erstaunlicherweise ist es die neue Eigenkomposition „Powerless“, die ihrem Namen Hohn spricht und endlich mal wenigstens ein bißchen Leben in die Bude bringt, den Keyboarder einige Licks einwerfen und den Drummer auch mal etwas raumgreifender arbeiten lassend, was er gegen Setende hin ab „Life Is Gone“ (nochmal so ein paradoxer Songtitel für eine im Set eher vitalisierend wirkende Nummer) noch einige wenige Male tut. Zu allem Übel scheitert der mit einer Karnevalsmütze behelmte Soundmann lange Zeit an der Aufgabe, die Mikrofone vernünftig ins Gesamtbild einzubinden und vor allem auch dasjenige, über das der Keyboarder die Ansagen macht, mal so laut einzustellen, dass man auch versteht, was er dem Publikum mitteilen möchte. Auch dieser Aspekt wird gegen Setende hin etwas besser, was bei den Vokalistinnen allerdings nur zu der Erkenntnis führt, dass beide hübsche Stimmen haben, die farblich recht gut zueinanderpassen, aber auch keinerlei Akzente setzen. In der Unterhaltung einiger rechts neben dem Rezensenten stehenden Menschen fallen Begriffe wie „einschlafen“ und „zu langsam“, und generell wird man den Eindruck nicht los, dass das hier sozusagen das Ska-Pendant zu dem ist, was man bisweilen despektierlich als „Freßjazz“ bezeichnet, also die akustische Untermalung irgendwelcher Essensveranstaltungen, bei der ein bißchen Hintergrundmusik erklingen soll, die aber nicht auffallen darf. Entsprechend bleibt der Applaus müde und das Tanzverhalten des Publikums zurückhaltend, aber ein paar Wohlmeinende lassen die Band noch zwei weitere Trainingsrunden drehen, von denen die erste instrumental daherkommt und erstaunlicherweise mehr Leben und Energie transportiert als der ganze reguläre Set – da ist ganz plötzlich richtig was los auf der Bühne respektive in den Boxen. „One Last Time“ verfällt aber wieder in den alten Trott und macht klar, dass das Strohfeuer schon wieder erloschen ist und sich der Hörer verzweifelt fragt, warum The Easy Notes nicht immer so agieren können wie z.B. in „Powerless“ oder besagtem Instrumentalstück, dessen Name Schall und Rauch bleibt. Dass allerdings auch der Soundmann nochmal genannt werden muß, macht der Umstand klar, dass der DJ-Set in der Umbaupause lauter ist als der Schallpegel bei The Easy Notes. Der Rezensent ist nun wirklich alles andere als ein Lautstärkefanatiker, aber hier wird mal klar, wie wirkungsverstärkend oder eben -abschwächend dieser Faktor ins Gewicht fallen kann.


The Valkyrians liefern dann eine Lehrstunde für die Vorband ab, wie man im sprichwörtlichen Handumdrehen der Bude Leben einimpft – allein der Sänger bringt allein im Opener „The Monster“ mehr Energie und Esprit rüber als das komplette Septett im kompletten Supportset. Das durchschnittliche Tempo liegt deutlich höher, wird aber sinnvoll variiert, die beiden Gitarristen und der Keyboarder wissen um die Wirksamkeit von gekonnten Soli, zusätzlichen Melodiegirlanden um die Riffs, überraschenden Licks und zündenden Ideen, die Rhythmusgruppe trägt gleichfalls ihr Scherflein zum lebendigen Gesamtbild bei, und über den Sänger muß sowieso noch gesondert gesprochen werden, in zweierlei Hinsicht. Zum einen erledigt er gesanglich nicht nur einfach einen Job, sondern durchlebt die Songs förmlich, agiert bedarfsweise auch mal sehr expressiv und setzt all das Geforderte mit einer sehr wandlungsfähigen Stimme um, wobei er in manchen epischen Höhenlagen überraschenderweise leicht an einen berühmten Landsmann aus völlig anderen Stilgefilden erinnert, nämlich Ville Valo von HIM. Zum anderen aber füllt er auch die Rolle des Frontmanns bestens aus, feuert das Publikum an, hüpft fleißig, macht Kniebeugen und hat sich eine besondere Strategie ausgedacht, Applaus auf seine Kollegen umzuleiten, indem er folgendes Schema anwendet: „Junior!“ Jubel aus dem Publikum. „Junior!“ Wieder Jubel. „Drums!“ Erneut Jubel. „Drums!“ Nochmal Jubel – das Ganze dann bisweilen auch noch länger fortgeführt, aber immer wissend, wann es Zeit fürs Ende dieser Einlage ist. Und dass sich alle seine Kollegen, nicht nur der auf den genannten Spitznamen hörende Schlagwerker, diesen Sonderjubel jeweils auch verdient haben, daran herrscht an diesem Abend im Kulturbahnhof keinerlei Zweifel. Die Stimmung im Publikum ist prächtig, das Tanzbein zuckt heftig, und Hits wie „Riot Squad“ werden frenetisch mitformuliert. Die neue CD Monsterpiece, fünftes Full-Length-Werk der Söhne Suomis, ist offiziell noch gar nicht draußen, an diesem Abend aber schon erhältlich und mit mehreren Beiträgen im Set vertreten, darunter der überraschend mellow daherkommenden ersten Single „Mr. Train“, die dann freilich einen wirkungsvollen Kontrast zum fast punkrockigen Klopfer „Riot Squad“ im Anschluß bildet. Mit „Billy“ erklingt auch eine Ode an einen verstorbenen Freund des Sängers, und The Valkyrians schaffen es, auch ein solches Thema musikalisch kompetent umzusetzen, ohne in Weinerlichkeit zu verfallen – man erinnert sich bei mittlerem Tempo lieber an die schönen Zeiten, die man mit dem Protagonisten verleben durfte. Nur der Refrain wirkt hier nicht wie ganz bis zu Ende gedacht – eine der im Repertoire der Band äußerst seltenen Schwachstellen. Ein Hit wie „Borstal Breakdown“ macht aber schnell deutlich, auf welch hohem Niveau das Sextett agiert. Diese Nummer stellt auch das Finale des aus 14 Songs bestehenden regulären Sets dar, aber die Finnen schieben noch fünf (!) Zugaben nach, wobei die ersten vier erstaunlicherweise alle das Tempo etwas zügeln, ohne dass aber der Eindruck von Lahmarschigkeit entstünde – da ist übrigens auch das Soundgewand vor, das nun wieder der in dieser Location gewohnten Qualität entspricht, also nicht überlaut, aber trotzdem druckvoll und zudem so klar, dass man alles, was man hören muß, auch problemlos hört, wobei einzig der Keyboarder gegen Setende ein wenig zu weit im Abseits landet. Geschenkt: Der abermals frenetisch mitgesungene Setcloser „I Don’t Wanna Go Home“ reißt nochmal alles ein, was eingerissen werden muß, und wird vom Publikum, nachdem die Band die Bühne verlassen hat, noch minutenlang im Alleingang weiter intoniert, verbunden mit lautstarken Zugaberufen, ehe klar wird, dass es nicht noch einen weiteren Nachschlag gibt. Trotzdem dürfte fast jeder mit einem breiten Grinsen im Gesicht die Lokalität verlassen haben – oder man bleibt gleich da und schwingt noch zum anschließenden DJ-Set das Tanzbein. Ob diesmal alles klappt oder die elektrische Anlage wie im Umbaupausen-Set erst wüst knistert und später komplett abraucht, entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten.

Roland Ludwig


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