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Doom-Sauna: Der zweite Abend des WinterfestEvils im Leipziger Bandhauskeller führt zu kollektiven Schweißausbrüchen

Info

Künstler: Konvent, Marche Funèbre, Calliophis

Zeit: 10.09.2022

Ort: Leipzig, Bandhaus

Internet:
http://www.bandcommunity-leipzig.org
http://www.facebook.com/konventband
http://www.facebook.com/MarcheFunebreDoom
http://www.facebook.com/Calliophis

Üblicherweise am Ende des Winters stattfindend, war die Durchführung des 10. WinterfestEvils im Leipziger Bandhaus anno 2022 zu jenem üblichen Zeitpunkt aufgrund des abermaligen Kulturlockdowns in Sachsen nicht möglich. Ergo wird die Veranstaltung in eine launig betitelte Sommer-Edition umgewandelt und steigt nun am Freitag und Samstag des zweiten Septemberwochenendes bei zwar nicht mehr sommerlichen Außentemperaturen – aber das Bandhaus hat offenbar über den Sommer hinweg in seinen Mauern jede Menge Wärme gespeichert, und die zahlreichen Anwesenden geben auch noch reichlich thermische Energie ab, so dass zumindest am zweiten Abend im Keller saunaähnliche Verhältnisse herrschen. Selbiger ist der einzige der zwei Abende, der vom Rezensenten miterlebt wird, wobei wieder eine stilistische Trennung herrscht: Am Freitag gibt’s Acts mit überwiegend hoher Schlagzahl des Drummers, also Thrash, Death und Black Metal, am Samstag hingegen das Kontrastprogramm, nämlich einen Doomabend.

Eigentlich stehen pro Abend vier Bands auf der Agenda, aber Goat Rider, die planmäßig den zweiten Abend hätten eröffnen sollen, müssen kurzfristig krankheitsbedingt passen, und so kommt die Openerrolle den Lokalmatadoren Calliophis zu, bei denen sich im Vergleich zu ihrem Gig im Mai 2019 an gleicher Stelle einiges getan hat. Zum einen ist das damalige Quintett zum Quartett geschrumpft, und da der Sänger nicht als neuen Nebenjob eine Zweitgitarre auferlegt bekommen hat, ist jetzt nur noch ein Gitarrist anwesend, was das Umsetzen so mancher klassischer mehrstimmiger Doomharmonik zu einer ohne technische Hilfe schwer lösbaren Aufgabe macht. Doppelt schade, weil der Sound zumindest in der hinteren Sethälfte deutlich klarer und weniger schlagzeugdominiert ausfällt als 2019, man also solche Passagen diesmal deutlich intensiver analysieren hätte können bzw. das natürlich auch kann, nur eben in der gegebenen Form. Der Bassist – und damit kommen wir zur zweiten markanten Veränderung – ist allerdings auch neu, obwohl man eher vermuten würde, dass der andere Teil der Rhythmusgruppe, also der Drummer, ein anderer gewesen sein könnte als der von 2019, denn man entdeckt doch ein paar interessante Dinge in seinem Spiel, die man von damals irgendwie nicht im Gedächtnis hatte. Geht das Tempo nämlich von der nach wie vor prägenden Kriechgeschwindigkeit nach oben, spielt der Schlagwerker (es scheint tatsächlich der gleiche zu sein wie 2019) oftmals Figuren, die man eher aus dem Nu Metal kennt und die das Geschehen eher verunklaren, was originell, aber auch ein wenig ungewohnt anmutet, zumal sich Calliophis vom Sludge, in dem das ja ein oft eingesetztes Stilmittel darstellt, sonst fernhalten und nach wie vor im traditionellen Death Doom siedeln, wenngleich sie auch dort eher ihren eigenen Stiefel durchziehen, mal auf die große Classic-Doom-Theatralik à la Candlemass setzen oder droneartige Klangflächen einbauen. Die Classic-Doom-Neigung reicht freilich nie so weit, dass der Fronthüne etwa auf Klargesang setzen würde – von seinem mäßig aggressiven Growling weicht er nur im abschließenden „The Art Of Shudder“ mal ab, erst ins Kreischfach und dann während eines zurückhaltenden Zwischenteils in Geflüster. Kuriosum: Vor dem Übergang zu diesem Zwischenteil vermutet das Publikum bereits das Ende des Songs und bricht dementsprechend in Applaus aus – aber verfrüht, denn da kommen noch etliche Minuten Spielzeit, und der Drummer sorgt in jenen abermals für ungläubiges Staunen, indem er etliche Beckenschläge so konsequent auf die zweite Zählzeit setzt, dass das fast eine Art Doom-Dancefloor wird. In ihren insgesamt 40 Minuten bringen Calliophis nur vier Songs unter, eine Zugabe läßt der Zeitplan nicht zu, aber reichlich beklatscht werden die Lokalmatadore trotzdem, und selbst der Sänger taut sozusagen auf: Seine erste Ansage nach dem Opener wirkt noch sehr schüchtern, und die dortige lange Pause traut er sich gar nicht erst mit Wortbeiträgen zu füllen – die Ansage vor dem Setcloser geht für seine Verhältnisse hingegen schon fast als großer Redeschwall durch.

Marche Funèbre sorgen zunächst beim Lichtmann des Bandhauses für Verwunderung, indem sie sich eine „normale Rock’n’Roll-Lightshow“ wünschen. Die Frage, wie das zum angekündigten Death Doom passen soll, beantwortet sich schnell – die Belgier wurzeln zwar in diesem Stil, aber greifen von dieser Basis weit aus. Humor haben sie auch: „Leipzig, are you ready? It’s cold!“ begrüßt der mit freiem Oberkörper auf der Bühne stehende Sänger während des instrumentalen Intros die Anwesenden, und am Übergang in den Songhauptteil fordert er völlig unironisch zum Mitklatschen auf. Es entwickelt sich ein origineller Mix aus Death Doom und Epic Metal, als würde man alte Paradise Lost mit Atlantean Kodex kreuzen, und bisweilen schielen gar die unpathetischeren Momente von Manowar um die Ecke. Das Ganze wird nicht etwa nur aneinandergereiht, sondern auch verwoben, also beispielsweise in der Form, dass der Sänger wild grunzt, die Gitarristen aber zweistimmigen Classic Metal intonieren, wobei der Zweitgitarrist an diesem Abend nur aushilfsweise dabei ist, sich aber zumindest für den Uneingeweihten als problemlos integriert zeigt – und uneingeweiht ist fast das komplette Publikum: Als der Sänger Handzeichen fordert, wer vor acht Jahren beim Gig an gleicher Stelle schon da war, kommen nahezu keine. Der prima Stimmung tut das aber keinen Abbruch, und der nur in Doublebasspassagen ein wenig zu undurchsichtige Sound ermöglicht das Analysieren der vielen Feinheiten in der Musik der Flamen. „When All Is Said“ vom neuen Album gerät weit weniger verzweifelt, als man anhand des Titels vermuten könnte, behandelt das Thema trotz phasenweise zirkusartiger Melodik aber auch nicht ironisch (man erinnere sich an die Doppelbödigkeit von Zirkusmelodien im Schaffen von Dmitri Schostakowitsch), und wenn der Sänger hier ins Kreischfach wechselt, ist die Verzweiflung dann doch greifbar, während das dramatische Midtempo-Finale eher an altertümlichen schwedischen Melodic Black (remember Sacramentum) erinnert. In den Klarpassagen liegt der Vokalist beispielsweise in „Death Wish Woman“ auch mal etwas neben der Spur, findet selbige aber schnell wieder – und dann wäre da auch wieder sein schräger Humor: „Does anybody of you have problems getting to sleep? Well, it’s not my problem – but I will sing a song about it!“ „Lullaby Of Insanity“ geriert sich allerdings lange Zeit eher geradlinig und gar nicht so problembehaftet, punktet sogar mit einer eingängigen Gitarrenmelodie, und erst ein Speedausbruch deutet die Verzweiflung des Schlafwünschenden an, ein schräger Spoken-Words-Part über Akustikgitarren setzt das fort, und das Finale wird ziemlich psychotisch. Der Setcloser „Einderlicht“, auch Titeltrack des aktuellen Albums, ist im heimischen flämischen Idiom betextet, kombiniert viel Down- mit wirkungsvoll eingesetztem Midtempo und hängt ein majestätisches Finale an, bei dem man sich einen Gedanken an Amon Amarth nicht verkneifen kann. Begeisterter Applaus belohnt die fünf Belgier für ihren interessanten Set, und nur der Sänger weiß, wieso man sich anschließend ausgerechnet in der Hölle treffen soll – er verabschiedet sich jedenfalls mit „See you in hell!“ Ob er weiß, dass im Hellraiser am anderen Ende der Stadt zur gleichen Zeit U.D.O. spielen?

Konvent lassen als einzige Band des Abends ein Intro vom Band laufen: Aus Gewaber schält sich ein klassisches Frauenchorstück heraus, wie man es in der Tat auch in einem Konvent erwarten könnte – aber der Rest des Sets wäre in einem Kloster eher weniger gut aufgehoben, und auch die Bandmitglieder treiben das Konzept nicht so weit, dass sie etwa im Habit auftreten würden. Uneingeweihte überrascht zunächst der Fakt, dass es sich um eine All-Girl-Band handelt – solche kennt man ja mittlerweile aus vielen metallischen Bereichen, aber im Death-Doom-Areal hat so etwas noch extremen Seltenheitswert. Ob dieser Umstand mit dazu beigetragen hat, dass der Anteil von Zuschauerinnen an diesem Abend deutlich höher ausgefallen sein soll als am Vorabend? Wie auch immer: Blondinen (Sängerin und Bassistin) und Brünette (Gitarristin und Drummerin) finden sich in paritätischer Anzahl, und gemeinsam erzeugt das Quartett eine seltsame Form des Death Doom. Die Bassistin hat ihr Instrument übelst verzerrt, die Gitarristin hingegen spielt eher clean und fast unprätentiös, was eine schräge Kombination ergibt, unter die die Drummerin zwar in gewisser Weise variable, aber doch recht geradlinige Rhythmen legt. Die Vocals gehen in den ersten Minuten zwar klanglich unter, aber dann gelingt es, auch sie durchhörbar zu gestalten, was freilich ein zweifelhaftes Vergnügen darstellt: Bis auf seltene Kreischeinlagen beschränkt sich die Vokalistin auf finsteres Gehuste ohne jegliche Variationen, so dass man nicht mal mit Bestimmtheit sagen kann, ob da überhaupt Texte dahinterliegen oder es sich einfach nur um Geräusche im Sinne eines weiteren Instruments handelt – erst die Zuhilfenahme der elektronischen Nachschlagewerke ergibt die Erkenntnis, dass tatsächlich Texte vorhanden sind. Ist aber auch egal, denn irgendwie raubt einem diese Lautäußerung schon nach zwei, drei Songs den Nerv und trägt zudem nichts zur Gestaltung individuell als solcher erkennbarer Songs bei, worin das Hauptproblem von Konvent liegt, soweit man es anhand dieser Stunde festmachen kann: Sie machen interessanten Sound, aber keine interessanten Songs. Erst spät im Set werden die Songs nicht nur kürzer, sondern auch ideenreicher, gibt es mal Dynamikentwicklungen mit Spannung oder atmet der Setcloser (Titel sind Schall und Rauch – es gibt zwei kurze Ansagen nach dem Opener und vor dem vorletzten Song, mehr nicht) einen gewissen Rock’n’Roll-Touch, der sich als Farbtupfer in dieser Umgebung nicht schlecht macht und zeigt, dass die vier Däninnen durchaus gute Einfälle haben. Erstaunlicherweise begeistert das Gebotene die meisten Anwesenden im nach wie vor vollen Saal – es wird fleißig gebangt, teils bis hinten kurz vorm Mischpult, der Applaus ist mehr als herzlich, und nach dem letzten Song erschallen laute Zugabeforderungen, die gemäß Zeitplan sogar erfüllt werden dürften, aber kurioserweise von den Musikerinnen nicht erfüllt werden. So endet der Abend irgendwie zwiespältig, und in der Wertung des Rezensenten tragen Marche Funèbre klar den Tagessieg davon.

Roland Ludwig


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