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Artikel

Verklärung im Gerstenfeld: Das Leipziger Universitätsorchester spielt Wagner, Strauss und Beach

Info

Künstler: Leipziger Universitätsorchester

Zeit: 08.07.2022

Ort: Leipzig, Gewandhaus, Großer Saal

Fotograf: Simon Chmel

Internet:
http://www.uni-leipzig.de/orchester

Wie so viele andere Ensembles hat auch das Leipziger Universitätsorchester zwei Jahre lang pausieren müssen, zumindest was die großen, jeweils am Semesterende anstehenden Sinfoniekonzerte angeht (die Arbeit in kleineren Besetzungen war zumindest phasenweise möglich). Ein Orchester wie dieses, das bekanntlich aus Studenten besteht, die irgendein anderes Fach, aber nicht ihr jeweiliges Instrument studieren, steht in diesem Kontext also vor dem immensen Problem, nicht einen der semesterüblichen Personalwechsel, sondern gleich fünf derselben auf einen Schlag zu „erleiden“, was trotz der Tatsache, dass Dirigent Ilya Ram auch schon in präpandemischen Zeiten am Pult stand, eine enorme Herausforderung darstellt.

Das erste wieder mögliche Orchesterkonzert, das am Ende des Sommersemesters 2022 stehende, gleich mit Richard Wagners „Parsifal“-Vorspiel zu eröffnen stellt daher schon eine gewisse trotzige Kampfansage dar, dass trotz des großen Umbruchs die alten Qualitäten gehalten werden sollen. Ram hat freilich einiges zu tun, um die bisweilen noch etwas fragilen Fäden in der Hand zu behalten, aber er schafft das, und die Studenten werden quasi mit jeder Minute sicherer. Die sehr behutsame Entwicklung, die Ram wählt, hilft bei der Gewinnung dieser Sicherheit, und das farbige Strahlen und Glänzen überzeugt bereits in den ersten Minuten. Das Tempo liegt sehr weit unten, die Generalpause wird markant ausgespielt, die Blechchoräle gewinnen schrittweise an Überzeugungskraft, die Entrückung findet statt, wo sie hingehört, auch das Publikum wird ruhiger, nachdem ein sehr aktives Kleinkind die linke Orchesterempore verlassen hat, und im Finale gelingt Ram eine Klangweltenauffächerung, die auch der große Wagner-Fan Anton Bruckner sicherlich goutiert hätte, obwohl der Spannungsfaktor am Ende noch Steigerungsmöglichkeiten offenläßt.

Mit „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss steht ein ähnlich gearteter Orchesterschinken gleich dahinter, und das, was im Kleinen bei Wagner beschrieben wurde, passiert hier auch im Großen bei Strauss: Gewisse Nervositäten, auch mal arges Schwimmen münden nicht im Badengehen, sondern Ram kriegt immer wieder gekonnt die Kurve, und mit zunehmender Spieldauer nimmt auch die Spielsicherheit immer weiter zu, nachdem bereits zuvor einige richtig schöne Effekte gezeitigt werden konnten. Das geht gleich mit den wunderbar eingefärbten Tupfern aus den Bratschen und den zweiten Violinen in der Einleitung los, und auch an der Kombination aus Tiefe und Düsternis mit einigen lichten Momenten gibt es kaum etwas zu deuteln. Da Ram die düsteren Elemente weit unten ansetzt, kann er auf ein breites Dynamikspektrum zurückgreifen, und wenn da die Kontrabässe im Pianissimo vor sich hin grollen, ist der Tod plangemäß nicht mehr fern, zumal auch die blondgelockte Konzertmeisterin in den richtigen Momenten zu einem hochgradig entrückten Tonfall findet. Die großen Tuttiausbrüche offenbaren hier und da noch Reserven, besonders der zweite gerät zu undurchsichtig, obwohl die Klangwucht keine Wünsche offenläßt. Bisweilen müssen einige Instrumentengruppen bis an ihre Grenzen gehen, was etwa bei den Hörnern zu einem Mix aus Eleganz und Beinahe-Überforderung führt. Aber all das ist vergeben, wenn sich schrittweise alle zum großen Choral finden, Ram die Klangmassen souverän zum Finale führt und dort die beiden großen Tutti-Tupfer genau so gelingen, wie sie das sollen.


Die Sinfonie e-Moll „The Gaelic“, die nach der Pause erklingt, dürfte nicht nur für den Rezensenten, sondern auch für fast alle anderen Konzertbesucher komplettes Neuland dargestellt haben – der Name Amy Beach ist im gegenwärtigen Konzertbetrieb alles andere als verbreitet, und von der seit einiger Zeit durch die Lande rollenden Welle der Ins-Licht-Rückung der Werke vergessener Komponistinnen ist die US-Amerikanerin bisher auch erst peripher gestreift worden, so dass das Leipziger Universitätsorchester an diesem Abend die Gewandhaus-Erstaufführung dieser Sinfonie spielt, die, wie Ram in einer kurzen Anmoderation informiert, von der Komponistin als eine Art Antwort auf Antonín Dvoráks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ gedacht war, und zwar vor dem Hintergrund, dass Dvorák ihrer Meinung nach die selbstgestellte Aufgabe, musikalische Motive aus der Neuen Welt zu verarbeiten und eine originäre US-amerikanische Musikwelt zu erschaffen, eher mangelhaft erfüllt habe. Eine „Gälische Sinfonie“ hätte man vor diesem Hintergrund zwar auch nicht unbedingt erwartet, aber die frühen europäischen Einwanderer haben natürlich auch ihre musikalischen Traditionen mitgebracht, und selbst wenn man nicht zu denjenigen gehört, die die Neuweltkolonisation ab 1170 durch den walisischen Prinzen Madoc für mehr als eine Legende halten, erscheint klar, dass da mancherlei Erbe von den britischen Inseln auf den nordamerikanischen Kontinent gelangt ist, worin sich wiederum so manche gälische Wurzel findet.
Also hinein ins musikalische Geschehen! Der Allegro-con-fuoco-Eröffnungssatz atmet zunächst erstmal wildes maritimes Feeling, als ob der fliegende Holländer in die Neue Welt gesegelt wäre, bevor sich eine eher kleinteilig strukturierte Dramatikform entwickelt und schnell klar wird, dass Beach als Komponistin zwar Autodidaktin war, sich das Handwerkszeug aber dennoch mehr als kompetent angeeignet hat und definitiv weiß, was sie da tut. Spätromantische Materialschlachten sind ihre Sache nicht, sie kommt mit zwei Schlagwerkern aus (der eine für die Pauken, der andere für den Rest) und verzichtet beispielsweise auf Harfen. Im Tutti entwickelt das Orchester programmgemäß trotzdem viel Dampf, strukturierte Zusammenbrüche kommen mit der gleichen Eleganz wie angedüsterte Passagen mit weichen Hörnern, und ein spannendes Intermezzo mit Generalpause und Geplänkel gibt es auch. Dudelsackklänge, die im gälischen Motiv dieses Satzes stilimmanent wären, übersetzt Beach gekonnt in die Oboe und läßt im Finale viel Lärm, aber in gut strukturierter Ausprägung, produzieren, was Ram und das Orchester ihr gern gewähren.
Sehr ungewöhnlich konzipiert ist der zweite Satz, obwohl er oberflächlich betrachtet einer gängigen Scherzo-Struktur mit zwei Scherzo-Teilen, die ein Trio rahmen, entspricht. Aber die Außenteile setzen hier ein Volkslied namens „Das kleine Gerstenfeld“ um, und zwar als liebliche Holzbläserweise in pastoraler Manier, wobei die Dudelsack-Nachbildung eine noch viel deutlichere Ausprägung aufweist als im ersten Satz und die Reprise noch weit entrückter daherkommt als der schon friedlich-entspannte erste Teil. Das „Trio“ entpuppt sich hier als flotter Jig, und das ist in dieser Form für das 19. Jahrhundert in der Kunstmusik völlig ungewöhnlich. Das Orchester bringt den flotten Groove prima rüber, Ram tänzelt auf seinem Pult, und das Satzende überrascht mit seinem knapp gehaltenen witzig-flotten Schluß auch nochmal.
Der eigentliche langsame Satz ist mit Lento con molto espressione überschrieben – kein Adagio, kein brucknerkompatibles Ringen mit der Welt also, obwohl die zwei zugrundeliegenden gälischen Motive, ein Schlaflied und eines des ziellosen Wanderers, naturgemäß alles andere als vor Fröhlichkeit sprühen. Ram und das Orchester wählen passende Farben und Tempi, evozieren nur ansatzweise Düsternis, wohl aber eine gewisse Tragik, die aus getupftem Figurenwerk in lange traurige Soloparts der Konzertmeisterin sowie des Solocellisten mündet. Von Extremen hält sich Beach aber auch in der Folge fern: Die Dramatisierung erzeugt eher Pomp als Trauer, und trotz weiter Mäanderflächen soll auch keine Verklärung des Hörers erreicht werden. So manche Melodie wird auch im Tutti durchexerziert, und einige Einfälle der Komponistin erschließen sich nach nur einmaligem Hören noch nicht, etwa der Dynamikbruch, dass die Hörner quasi zum Angriff blasen, aber keiner kommt. Dass der große düstere Ausbruch ein Strohfeuer bleiben würde, hatte man anhand des bisherigen Satzverlaufs freilich schon geahnt, und der Satz pendelt dann auch eher aus, anstatt zielstrebig irgendwohin (ggf. nach unten) zu führen, wobei ein schön spannendes angedüstertes Finale zumindest mit Ausblick ins Nichts gelingt.
Der letzte Satz, ein Allegro di molto, hängt nicht attacca an, aber die Kontrastwirkung des einleitenden Gedonners reicht auch so. Die sich entspinnende flotte Melodik muß gelegentlich (geplant?) ohne Groove auskommen, und da der Seitengedanke auch ein solcher bleibt, steht Ram vor der Aufgabe, einen gangbaren Pfad durch die große Kraftentfaltung zu legen, was ihm auch gelingt. Irgendwann ist dann auch der Groove wieder da, man erkennt das Thema aus dem ersten Satz wieder, und im knapp strukturierten Finale findet Ram auch den richtigen Weg durch den Bombast, den Beach ihm hier aufzutürmen auferlegt hat. Das interessante Werk erntet sehr viel Applaus, und es würde einen nicht wundern, wenn man ihm demnächst etwas öfter hier begegnen würde, z.B. bei einer der Boston-Wochen im Gewandhaus – schließlich hat das Boston Symphony Orchestra, zu dem das Gewandhausorchester aktuell wegen der parallelen Leitung durch Andris Nelsons ein sehr enges Verhältnis pflegt, anno 1896 die Uraufführung dieser Sinfonie gespielt, und Beach selbst hatte 1913 in Leipzig auch schon eine Aufführung von ihr organisiert, nur halt nicht im Gewandhaus und nicht mit dem Gewandhausorchester ...

Wie für Konzerte des Leipziger Universitätsorchesters typisch gibt es noch eine Zugabe, diesmal aber eine rein musikalische ohne schauspielerische Einlagen: Antonín Dvoráks Slawischer Tanz op. 46 Nr. 8 g-Moll, also ein gängiger Hit aus der Feder des mit der Beach-Sinfonie „Kritisierten“, vom Orchester in flott-munterer Weise dargeboten und auch einiges Gedonner einflechtend, wozu auch die bei Beach arbeitslose Große Trommel ihr Scherflein beiträgt. Ein unterhaltsamer Abschluß eines interessanten Konzertes, mit dem hoffentlich wieder Kontinuität in die Arbeit des Orchesters kommt – der Eindruck, dass es mit zunehmender Spieldauer immer sicherer und souveräner wird, darf als gutes Zeichen gewertet werden.

Roland Ludwig


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